„Forschung für die Mobilität von morgen“

Keynote von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, anlässlich der Eröffnung des Electric Vehicle Symposium & Exhibition (EVS30) in Stuttgart

Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, während seiner Keynote
Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, während seiner Keynote © Messe Stuttgart

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Hauge,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Šefčovič,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Zum 30. Jubiläum ist das Electric Vehicle Symposium, die internationale Veranstaltung zur Elektromobilität mit Teilnehmern aus 51 Ländern in Deutschland zu Gast. Mein Dank gilt allen Beteiligten, die dieses Gipfeltreffen der Elektromobilität nach Stuttgart „geholt“ haben. Besonders begrüße ich die Teilnehmer aus Nordamerika und Asien, aber natürlich auch unsere Nachbarn aus Europa. Es freut mich, dass morgen ein Schwedisch-Deutsches Innovationsforum zu Mobilität stattfinden wird, um nur ein Beispiel zu nennen.

Ein guter Zeitpunkt. In drei Wochen wird Deutschland Gastgeber der 23. Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen unter der Präsidentschaft der Republik Fidschi sein. Mehr als 20000 Teilnehmer aus aller Welt werden erwartet, um die Diskussionen von Paris (2015) und Marrakesch (2016) fortzusetzen und die Umsetzung der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens weiter voran zu bringen.

Deutschland verfolgt mit seiner Energiewende ehrgeizige Emissionsreduktionsziele: bis 2020 soll der Ausstoß von Treibhausgasen um 40 Prozent sinken. Bis dahin sind es nur noch drei Jahre! Anfang dieses Jahres haben wir etwa 28% bezogen auf das Jahr 1990 erreicht. Wir müssen hier dringend die Trendwende schaffen, sonst laufen wir Gefahr, unser Ziel 2020 zu verpassen.

Der Anteil des Verkehrssektors an den Emissionen ist sogar leicht gestiegen, vor allem weil der Straßengüterverkehr um kapp 3% gewachsen ist. Dem Verkehrssektor kommt also eine besondere Bedeutung beim Erreichen der Reduktionsziele zu. Er allein ist für rund ein Viertel der gesamten CO2-Emissionen in der EU verantwortlich.

Es ist also evident, dass wir die Reduktionspotenziale im Verkehrssektor heben müssen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Elektromobilität kann und wird auf dem Weg zu diesem Ziel den wichtigsten Beitrag liefern. Das setzt jedoch voraus, dass alltagstaugliche Elektrofahrzeuge weite Verbreitung finden. Hierfür gibt es bereits gute Beispiele, etwa in Norwegen, wo schnell ein hoher Anteil Elektrofahrzeuge erreicht werden konnte. Norwegen ist durch konsequentes Handeln zum anerkannten Best-Practice-Modell der Elektromobilität geworden.

Der Markthochlauf in Deutschland zeigt, dass viele potentielle Kunden hierzulande bei der technischen Leistungsfähigkeit, bei Reichweite, Preis, und Ladeinfrastruktur erst noch überzeugt werden müssen.

Wir brauchen Elektrofahrzeuge 2.0. Aus der Forschung heraus haben wir mit dem Visio.M gezeigt, was möglich ist. [Botschaft 2 wir sind gut aufgestellt] Der Visio.M wurde von der Technischen Universität München ab 2012 von Grund auf neu entwickelt, ist für den urbanen Verkehr in Kosten (unter 20.000 Euro) und Reichweite (160 km) voll alltagstauglich. Er fährt (umgerechnet) mit dem Energieinhalt von nur 0,6 Litern Benzin 100 km weit, selbstverständlich lokal emissionsfrei. Der Visio.M zeigt was geht, er zeigt, dass sich die ökologischen Vorteile der Elektromobilität vor allem in der Stadt überzeugend ausspielen lassen.

Meine Damen und Herren,

die Bundesregierung hält die Elektromobilität für technisch reif genug, in kürzester Zeit wesentliche Verkehrsanteile in urbanen Ballungsräumen zu übernehmen. Wir müssen jetzt dieses Potential schnell auf die Straße bringen. Und: Wir brauchen saubere Lösungen und Angebote für den ÖPNV und die Warenverteilung in der Stadt. Wie der Streetscooter zeigt, ist die Nachfrage hier groß.

Gerade hier in Stuttgart, wo die Probleme mit den gesundheitsschädlichen Stickoxiden drängender sind als anderswo, sehe ich das Potential für kreative und innovative Konzepte, die uns - ausgehend von den heutigen Herausforderungen - bald die modernste Form der Mobilität erleben lassen.

Die Bundesregierung schiebt diese Entwicklung massiv an und hat einen neuen Fonds „Nachhaltige Mobilität“ mit einer Milliarde Euro geschaffen. Damit können jetzt Städte mit überhöhter Stickoxid-Belastung diese kreativen Strategien zur Schadstoff-Reduktion starten. Neue Formen des ÖPNV auf Basis der Elektromobilität spielen hierbei eine wesentliche Rolle, in Verbindung mit intelligenten Verkehrsleitsystemen und dem automatisierten und vernetzten Fahren. Die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger sind hoch. Dies sind sie zu Recht. Und das ist gut so, denn Sie sind der Nährboden für wirklich fortschrittliche Lösungen, die uns nachhaltig weiterführen.

Die Automobilhersteller haben jüngst auf der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA Messefahrzeuge präsentiert, die belegen: attraktive Elektrofahrzeuge der zweiten Generation stehen vor der Einführung. Praxisreichweiten von 300 km und mehr mit neuen leistungsfähigen Batterien werden Standard. Hier zeigt sich, was Forschung bewegen kann. Das BMBF hat die zentralen Punkte Batterie, Leichtbau und die Leistungselektronik in der Forschung nach vorn gebracht.

Allerdings wird uns allen noch etwas Geduld auferlegt, bis wir in ein oder zwei Jahren diese Modelle auch kaufen können. Wir müssen also vor allem schneller werden, wenn es darum geht Fortschritte auch auf die Straße zu bringen.

Baden-Württemberg als Geburtsland des Autos ist natürlich auch in der Forschung und Entwicklung der Elektromobilität eine der weltweit führenden Regionen. Lassen sich mich zwei Leuchttürme pars pro toto nennen, das Spitzencluster „Elektromobilität Süd-West“ und das „Living Lab E-Mobil“. Was zeichnet diese Forschungscluster aus? Sie sind das Ergebnis von leistungsfähiger Forschung an Universitäten und Instituten, sie beteiligen die Unternehmen, darunter die bekannten großen Firmen, aber auch sehr viele forschungsaktive agile KMU und Start-ups. Das ist „German Mittelstand“ in Topform. Im Spitzencluster sind mehr als 125 Partner, über Branchengrenzen hinweg und entlang der gesamten Wertschöpfungskette tätig. Das macht die Stärke des Innovationssystems hier in der Region aus. Sie ist Humus für hervorragende neue Ideen und deren Umsetzung.

Und last but not least sind Fachkräftequalifizierung sowie Aus- und Weiterbildung für die Elektromobilität eine Kernaktivität des BMBF. Das gibt mir Gelegenheit eine Teilnehmergruppe hervorzuheben, die mir ganz besonders am Herzen liegt:

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der diesjährigen DRIVE-E-Akademie. Seien Sie herzlich begrüßt. Die DRIVE-E-Akademie, ist das studentische Nachwuchsprogramm zur Elektromobilität des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Fraunhofer-Gesellschaft. Wir haben die gute Gelegenheit genutzt, die Akademie parallel zum Electric Vehicle Symposium auszurichten. Liebe Studierende, ich rufe Sie auf: Nutzen Sie die Chance zur Vernetzung mit den Expertinnen und Experten hier vor Ort, stellen Sie Fragen und lassen Sie sich für die Mobilität der Zukunft begeistern.

Meine Damen und Herren, zurück zu den Herausforderungen für eine künftige Mobilität.

Die Automobilbranche selbst ist natürlich ein Treiber von Forschung und Innovation. Sie hat allein im letzten Jahr 32 Mrd. Euro dafür aufgewendet. Nicht zuletzt deshalb behauptet Deutschland regelmäßig in europäischen und internationalen Rankings Spitzenplätze als Innovationsstandort. Ausruhen können wir uns auf diesen Lorbeeren allerdings nicht.

Elektromobilität ist ein Schwerpunkt, aber wir werden eine nachhaltige Mobilität nicht allein mit Elektroantrieben gestalten können. Es ist auch Aufgabe der Forschung Optionen und Alternativen offen zu halten. Wir müssen Mobilitätslösungen im System denken, auch unter Berücksichtigung der Energieerzeugung. Aus dieser Perspektive wird klar, dass wir mehr als eine Technologie brauchen, um die eingangs genannten Reduktionsziele im Verkehrssektor zu erreichen. Lassen Sie mich das durch ein Szenario für Mobilität in Deutschland in 2030 illustrieren.

Eine Autoflotte von schnellen schweren Fahrzeugen wie SUV durch E-Antriebe zu ersetzen, hat wenig ökologische Vorteile. Realistischer ist es, dass kleinere automatisierte und vernetzte Fahrzeuge neuen Typs Marktanteile erobern. In diesem Segment können Elektro-Fahrzeuge kostengünstig und sehr umweltfreundlich sein und kommen mit Praxisreichweiten von 200 km gut aus. Durch Automatisierung und Vernetzung treffen sie die Nachfrage der heute jungen Generation ebenso wie den Bedarf einer alternden Gesellschaft. Der Zubau von Ladepunkten erreicht bis 2030 ausreichende Abdeckung – zumindest in Ballungsräumen. Die Einbindung in Mobilitätsdienstleistungen ebnet den Unterschied von privatem Autoeigentum und ÖPNV ein. Für emissionsfreien urbanen ÖPNV und Logistik werden auch Verteiler-LKW und Busse batterieelektrisch betrieben. Schwere LKW und schnelle, schwere Fahrzeuge werden jedoch weiter Verbrennungsmotoren nutzen. Um dennoch sukzessive CO2-neutral zu werden, ersetzen synthetische Kraftstoffe die fossilen Kraftstoffe – zunächst durch Beimischung langfristig zu 100%. Wasserstoffantriebe in Verbindung mit Brennstoffzellen-E-Antrieben kommen für schwere LKW ebenfalls in Frage.

Meine Damen und Herren,

in Zeiten, in denen Verbote für Verbrennungsmotoren diskutiert werden, wundert es Sie vielleicht, dass ich diese Option im Szenario mit erwähne. Aber: Bei aller Begeisterung für die Elektromobilität - auch der Diesel kann mehr. Er ist ein Motor mit einer guten CO2-Bilanz, jedenfalls solange der Strom noch nicht vollständig aus erneuerbaren Quellen stammt.

Fazit aus meinem Szenario ist, dass wir nicht einzelne Mobilitätsoptionen getrennt und unabhängig voneinander verfolgen können. Die Mobilität der Zukunft wird sich von den Antriebstechnologien her stärker diversifizieren. Neben der wichtigen Rolle der Elektromobilität, der Brennstoffzelle - wo Batterien an ihre Grenzen gelangen -, werden auch synthetische CO2-neutrale Kraftstoffe in Verbrennungsmotoren eine zentrale Rolle spielen. Das autonome vernetzte Fahren und intelligente Infrastruktur ermöglichen eine effiziente und sichere Organisation des Verkehrs. Elektromobilität muss über Verkehrsmodi hinweg gedacht werden und in ein nutzerfreundliches und nachhaltiges, intermodales Verkehrssystem eingebettet sein.

Durch eine führende Rolle in Forschung und Entwicklung kann und wird Deutschland auch in Zukunft Schrittmacher neuer Mobilitätslösungen sein. Das BMBF beabsichtigt ein integriertes Forschungsprogramm aufzulegen, sowie die Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft einzubinden. Das autonome elektrische Fahren wie auch CO2-neutrale synthetische Kraftstoffe werden darin eine wichtige Rolle spielen.

Idealerweise brauchen wir für unserer Zukünftige Mobilität natürlich einen gemeinsamen, europäisch abgestimmten Rahmen. Anforderungen sind beispielsweise über Ländergrenzen hinweg interoperable Ladeinfrastrukturen und nutzerfreundliches Roaming sowie koordinierte Aktivitäten um Elektrofahrzeuge mit leistungsfähigen Batterien und Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu betreiben.

Das kürzlich von der Europäischen Kommission veröffentlichte Maßnahmenpaket im Verkehrssektor „Europe on the Move“ stellt diese Themen voran.

Ich freue mich besonders, dass Herr Šefčovič, der für die Energy Union als Vize-Präsident der Kommission verantwortlich ist, die mehr darüber zu erfahren. Sie lieber Herr Šefčovič treiben die Aktivitäten zum Batteriestandort Europa im Netzwerk der vielen „stakeholder“ voran.

Meine Damen und Herren,

Gemeinsam in internationalen Netzwerken, in starken Regionen, mit bestens ausgebildeten Nachwuchskräften und vor allem frischen Ideen können wir einer nachhaltigen Mobilität den Weg bereiten. Ich bin mir sicher, sie wird nicht weniger, sondern mehr faszinieren, als diejenige, die wir kennen. Ich wünsche Ihnen allen ein gutes Gelingen.

Vielen Dank!