"Forschung für die Mobilität von morgen"

Politischer Impuls von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, anlässlich der Eröffnung des 14. Qualitäts-Gipfeltreffens der Automobilindustrie in Berlin

Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, während seiner Rede © VDA

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Wissmann,
sehr geehrter Herr Dr. Heiss,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung zu Ihrem „Qualitätsgipfel“, der in diesem Jahr unter dem Motto „Innovative Mobilität und Produktsicherheit“ steht. Ich habe Ihre Einladung, ein persönliches Statement abzugeben, gern angenommen. Die Autobranche mit ihrer Kompetenz für hochkomplexe Premiumprodukte steht für eine industrielle Stärke Deutschlands. „Made in Germany“ steht für durchdachte Innovation, steht für gute Technik – eben für Qualität. Und da wo der Ruf von „Made in Germany“ gerade in letzter Zeit durch die Automobilbrache beschädigt wurde, gilt es ihn wieder herzustellen.

Meine Damen und Herren,

wir erleben gerade eine sehr spannende Zeit.

Der eben in Bonn zu Ende gegangene Weltklimagipfel hat uns abermals vor Augen geführt wie groß die Herausforderungen auf dem Weg zur angestrebten CO2-Reduzierung noch sind.

Die Sondierungen haben gezeigt, dass zahlreiche –teilweise auch gegenläufige- Vorstellungen für künftiges Regierungshandeln im Raum stehen.

Ich denke jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um über das zu sprechen, was wir in der Gestaltung unserer zukünftigen Mobilität tun müssen.

Gerade die Medien vermitteln hier, eher Unübersichtlichkeit als Orientierung. Lautet die heutige Schlagzeile noch, dass wir den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor beschließen müssen, so wird im Artikel von morgen vor genau diesem Ausstieg gewarnt: Der „Verbrenner“ könne am Ende sogar umweltfreundlicher sein als das Elektrofahrzeug – jedenfalls dann wenn der Strommix für Herstellung und Nutzung auf absehbare Zeit nicht hinreichend aus erneuerbaren Quellen stammt. Am Ende versteht der Bürger eher weniger als mehr. Das kostet vertrauen, das wir nun mühsam zurückgewinnen müssen – auch im Interesse der vielen Millionen Dieselbesitzer, die sich fragen, ob sie nächstes Jahr noch mit ihrem Auto in die Stadt fahren können.

Ich denke, wir sollten uns vor der Illusion hüten, angesichts der komplexen Zusammenhänge und Herausforderungen einfache Lösungen anbieten zu wollen. Wir brauchen diese Illusion auch nicht – einfache Lösungen, das können auch andere.

Ich bin überzeugt: Deutschland ist stark darin, komplexe Innovationen zum Erfolg zu führen. Das ist Teil von Qualität „Made in Germany“.

Die Forschungsförderung der Bundesregierung zur Mobilität belegt, dass Forschung zu einer breit aufgestellten Zukunftsvorsorge beitragen kann.

Die Antwort auf die Unübersichtlichkeit der Lösungswege, auf die Komplexität der Probleme muss – aus meiner Sicht - eine systemische, technologieoffene Betrachtung sein: Wir müssen alle Technologien für eine Reduktion von CO2- und Schadstoff-Emissionen verfolgen, bis wir unsere Ziele erreichen können; und wir müssen das Gesamtsystem im Auge haben, um nicht in Zukunft bei der Stromerzeugung oder bei der Autoherstellung mehr CO2 freizusetzen, als wir im Betrieb einsparen.

Und ich bin überzeugt: Deutschland hat jetzt die Gelegenheit, nach 150 Jahren Technologieführerschaft beim Otto- und Dieselmotor auch die Technologieführerschaft für die nächsten 150 Jahre zu erlangen, diesmal bei schadstoff- und CO2-neutralen Antrieben.

An Innovationen für die künftigen Herausforderungen zu arbeiten ist für mich die richtige Zukunftsvorsorge für Ihre Unternehmen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat hier in den vergangenen Jahren eine Bandbreite relevanter Forschungsthemen zur Mobilität bearbeitet. Sie kennen die Schwerpunkte, Ihre Unternehmen haben in den zahlreichen Projekten aus Forschungs- und Industriepartnern mitgearbeitet. Lassen Sie mich ‚Pars pro toto‘ einige Bereiche nennen:

  • Batterie (-zellproduktion);
  • Leichtbaustrukturen;
  • Leistungselektronik;
  • IT-Sicherheit und ‚Autonomes Fahren‘;
  • Beiträge für die Energiewende (Kopernikusprojekte, synth. Kraftstoffe) und
  • die Zukunftsstadt.

Aus meiner Sicht sind wir hier auch mit Blick auf den internationalen Stand der Forschung in allen relevanten Bereichen technologisch besser aufgestellt, als es die aktuelle Diskussion und viele Kritiker vermuten lassen.

Ich halte es dabei wie schon betont für wichtig, dass wir die Forschungsförderung technologieoffen gestalten. Neben der Förderung der Batterieelektromobilität bleibt auch die brennstoffzellengetriebene Mobilität und die Forschung zu synthetischen Kraftstoffen ein Schwerpunkt.

Technologieoffen meine Damen und Herren bedeutet aber nicht zieloffen – darauf lege ich großen Wert. Wir brauchen anspruchsvolle Ziele und wir müssen in angemessenen Zeiträumen entscheiden – warten, bis die letzte Option ins kleinste Detail erforscht ist, können wir uns nicht erlauben.

Aber nicht nur der Staat mit seiner Forschungsförderung ist hier in der Verantwortung. Ein rascheres, energischeres Vorgehen – auch der Industrie, das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten – hätte ich mir beim Thema Batteriezellproduktion gewünscht. Wir können es uns nicht leisten, in diesem zentralen Feld auf Teile der Wertschöpfungskette zu verzichten.

Aufpassen müssen wir auch beim Ausbau der öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur. Das Beispiel Norwegen hat jüngst gezeigt, dass ihr Ausbau schnell genug voranschreiten muss, um keinen Engpass für den Markthochlauf der Elektromobilität zu erzeugen.

Diese inhaltlichen Punkte müssen jedoch ergänzt werden durch eine angemessene ‚Governance‘ des Themas Mobilität, mit der wir nun fast 10 Jahre Erfahrung haben.

Wir diskutieren in „Plattformen“ wie der Nationalen Plattform Elektromobilität, dem Runden Tisch automatisiertes Fahren oder dem Nationalen Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie. Das ist eine „Versäulung“ der Diskussion.

Ich bin jedenfalls überzeugt, dass es in der neuen Legislaturperiode an der Zeit ist, das Thema Forschung für Mobilität [gerne unter Federführung des BMBF] ganzheitlich und übergreifend zu bearbeiten. Aus meiner Sicht kann es in struktureller Hinsicht, was die Forschungsförderung des Bundes für die Mobilität von morgen betrifft, ein „Weiter so!“ nicht geben. Wir brauchen eine systemische, ganzheitliche Herangehensweise.

Wir brauchen die Ebene der Gesamtstrategie, eine Plattform zur Zukunft der Mobilität, die eine übergeordnete Perspektive über die Themenfelder Elektromobilität, Digitalisierung und Automatisierung sowie alternative Kraftstoffe voranbringt und eine Vernetzung der Kompetenzen fördert.

Dies wird umso besser gelingen, je mehr die maßgeblichen Akteure, zu denen insbesondere auch Sie aus der Automobilindustrie gehören, gemeinsam mit uns für eine neue ganzheitliche Herangehensweise offen sind. Hierzu bedarf es eines vertrauensvollen Dialogs, zu dem ich Sie ermuntere. Ihre Häuser werden in Zukunft mehr Mobilitätsanbieter als traditionelle Automobilhersteller sein. Wir haben eine gemeinsame Basis für konstruktive Gespräche.

Meine Damen und Herren,

ich bin überzeugt, eine führende Rolle in Forschung und Entwicklung ist für Deutschland unabdingbare Voraussetzung, um auch in Zukunft der Schrittmacher neuer Mobilitätslösungen zu sein.

Wir wissen alle, dass es angesichts der Klimaziele für den Verkehrssektor und die Schadstoffproblematik beim Dieselantrieb kein einfaches „Weiter so! – nur etwas besser“, geben kann.

Hinzu kommen die generelle Zunahme des Verkehrs und die Änderungen im Nutzerverhalten, wie man sie vor allem bei jüngeren Leuten beobachten kann. Wir brauchen deshalb eine „Mobilitätswende“ in Deutschland, die es ohne einen beschleunigten Wechsel zu alternativen Antrieben und neuen verbrauchergerechten Mobilitätsangeboten nicht zu realisieren ist.

Was müssen wir aus meiner Sicht tun? Lassen sich mich fünf Forschungsziele hervorheben:

  1. Eine starke, innovative und integrierte Mobilität

Das heißt: Mobilität wird stärker systemisch als Wechselspiel von unterschiedlichen Verkehrsträgern mit Infrastrukturen und Nutzerverhalten verstanden, um entsprechende (Dienstleistungs-)Angebote unterbreiten zu können.

Dabei sind sogenannte „Erprobungsräume“ im realen Betrieb ein zentraler Baustein. Wir müssen die klassische Trennung von Forschung und Entwicklung auf der einen Seite und Umsetzung und Anwendung auf der anderen Seite aufbrechen. Nur so können wir den systemischen Ansatz konkret und greifbar machen.

  1. Effiziente Mobilität

Für eine effizientere Organisation des urbanen Verkehrs sind neue Lösungsansätze gefragt, die auf digitalen Innovationen aufbauen.

Sogenannte Car-2-X-Funktionen haben z.B. das Potenzial, bei flächendeckender Etablierung Staus in einem Umfang zu vermeiden, dass mit einem volkswirtschaftlichen Nutzen von jährlich knapp 5 Mrd. € zu rechnen ist.

Neben der digitalen Verkehrsvernetzung wird auch die Einbindung neuer autonomer Mobilitätskonzepte eine immer wichtige Rolle spielen, sei es bei der Verknüpfung von ÖPNV und Individualverkehr, bei der Schließung der „letzten Meile“, oder um im ländlichen Raum ein bezahlbares öffentliches Transportnetz zu ermöglichen.

Ebenfalls in den Blick nehmen müssen wir den Güterverkehr und die Logistik im urbanen Raum. Sie machen einen zunehmenden Anteil am städtischen Verkehr aus und müssen deshalb ebenso in die intelligente Gestaltung einer zukünftigen Mobilität eingebunden werden.

3.     Optimierung der Sicherheit im Straßenverkehr

Schon heute helfen Assistenzsysteme wie Abstandsregeltempomat und Auffahrkollisionswarnung, die Zahl kritischer Situationen zu reduzieren. Eine weitere Verbreitung automatisierter Fahrfunktionen wird dazu beitragen, häufige Unfallursachen auszuschließen.

Voraussetzung sind zuverlässige Elektronik, intuitive Bedienkonzepte bei der Mensch-Technik-Interaktion und IT-Sicherheit.

Um dies zu erreichen, müssen wir aus meiner Sicht nicht nur Elektronik und Sensorik betrachten, sondern auch auf Seiten der Software die Potenziale erschließen, die sich durch Big Data, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen ergeben. In der vernetzten Mobilität der Zukunft wird Verkehrssicherheit, das zeigen einzelne Hackerangriffe schon heute, auch eine Frage der IT-Sicherheit sein.

  1. Nachhaltigkeit der Mobilität

Neue Mobilitätslösungen dürfen nicht nur eine höhere Effizienz und Sicherheit zum Ziel haben, sondern müssen auch zu einer nachhaltigen Mobilität beitragen. Emissionen müssen gesenkt, Lärm reduziert und verkehrsbedingter Flächenverbrauch vermieden werden.

Die Elektromobilität wird hier eine Schlüsselrolle einnehmen. Aber es gilt, ihre Alltagstauglichkeit und Ökobilanz weiter zu verbessern.

Neben der Elektromobilität werden wir die bereits gewonnenen Erfahrungen bei der Entwicklung synthetischer Kraftstoffe als Brückentechnologie nutzen, um so einen wichtigen Schritt zur Erfüllung unser Klimaschutzziele zu erreichen und die Kommunen bei ihren Luftreinhalteplänen zu unterstützen. Aber auch eine Brückentechnologie muss alltagstauglich und ökonomisch kompatibel sein. Da sehe ich noch Forschungsbedarf.

  1. Stärkung des Standortes Deutschland

All unsere Forschungsanstrengungen erfordern auch, dass wir die ökonomische Dimension im Blick behalten. Für Deutschland heißt das, Wertschöpfung und Innovationskraft in der Fahrzeugindustrie und damit Wohlstand und Arbeitsplätze zu sichern.

Basis ist eine fortlaufende Weiterentwicklung der benötigten technologischen Grundlagen und ihre Übertragung in die industrielle Anwendung. Ein Beispiel hierfür ist die Batterietechnologie, wo es unser Ziel ist, gegen starke asiatische Wettbewerber eine konkurrenzfähige Batteriezellproduktion in Deutschland aufzubauen.

Und schließlich: Für all diese Innovationen brauchen wir gut und teils auch anders qualifizierte Fachkräfte. Mit anderen Worten. Qualität geht in einer hochentwickelten Industrie alle Fachkräfte an.

Um ein Beispiel zu nennen: Jüngst haben wir in der Elektromobilität mit den Hochschulen, den Sozialpartnern und der Nationalen Plattform Elektromobilität gezeigt, wie man rasch handelt: in einer konzertierten Aktion wurden nicht nur die einschlägige Berufsausbildung und die akademischen Studiengänge fit gemacht, sondern auch Weiterbildungsangebote auf den Weg gebracht.

Schließlich bin ich überzeugt, all dies können wir nicht im Alleingang sondern nur gemeinsam mit unseren Partnern in Europa erreichen. Dabei müssen wir allerdings die Initiative ergreifen – wir werden nicht auf den langsamsten warten können.

Meine Damen und Herren,

gestatten Sie mir zum Abschluss einen Appell: Beim Thema Ihres Qualitätsgipfels „Innovative Mobilität und Produktsicherheit“ denken wir alle schnell an „Technology made in Germany“. Aber gerade wegen der kommenden, disruptiven Entwicklungen, möchte ich dafür werben, „Smart Mobility made in Germany“ voran zu stellen: Wir brauchen Gestaltungskraft, wir müssen Vorreiter bei Lösungen für die Mobilität der Zukunft werden und bleiben.

Vielen Dank.