"Forschung gibt für die Digitalisierung wichtige Impulse"

Bundesministerin Johanna Wanka will mit einer Initiative die Digitalisierung der Gesellschaft beschleunigen. "Im Sommer werden wir gemeinsam mit den Ländern einen Rat für Informationsinfrastruktur einsetzen", sagte sie der "Rheinischen Post".

Interview mit Johanna Wanka
Interview mit Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Das Interview im Wortlaut:

RHEINISCHE POST: Die Bundesregierung will die Digitalisierung der Gesellschaft voranbringen. Welche Rolle spielt die Bildungsministerin dabei? Sind Sie die heimliche Ministerin fürs Digitale?

JOHANNA WANKA: Nein, die Digitalisierung und die Sicherheit im Netz liegen in erster Linie in den Händen von Innenminister Thomas de Maizière, Infrastrukturminister Alexander Dobrindt und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Forschung gibt aber wichtige Impulse, eröffnet neue Möglichkeiten. Das fördern wir als Bundesbildungsministerium. Im Sommer werden wir gemeinsam mit den Ländern einen Rat für Informationsinfrastruktur einsetzen. Dieser wird die wissenschaftlichen Anstrengungen zur Digitalisierung stärken. Zudem eröffnen wir zwei nationale Kompetenzzentren für "Big Data". Sie sollen die Forschung bündeln, um aus einer wachsenden Menge von unstrukturierten Daten die für die Gesellschaft relevanten Informationen identifizieren zu können. Dadurch gewinnen wir wertvolles neues Wissen.

RHEINISCHE POST: Was können Sie tun, um neue Instrumente für mehr private Sicherheit im Internet zu finden?

JOHANNA WANKA: Wir haben bereits drei Forschungszentren in Saarbrücken, Karlsruhe und Darmstadt gegründet, die exzellente Forschung für mehr Sicherheit im Netz betreiben. Außerdem starten wir das neue Forschungsprogramm "Selbstbestimmt und sicher in der digitalen Welt", das mehr private IT-Sicherheit ermöglichen soll. Bereits nächste Woche, am 19. Februar, eröffnen wir in Berlin das Wissenschaftsjahr "Digitale Gesellschaft". Auch hier wird es stark um den Dialog mit den Menschen über Fragen der Netzsicherheit gehen.

RHEINISCHE POST: Wann wird es auch bei uns ein Google oder Apple geben?

JOHANNA WANKA: Bei Erfindungen sind wir sehr gut, zum Beispiel wurde das MP 3-Format mit in Deutschland erfunden. Was wir noch verbessern können, sind Ausgründungen von Unternehmen, also Forschung zur international sichtbaren Anwendung bringen. Da müssen wir Deutschen mutiger und toleranter werden, wenn mal ein Projekt scheitert.

RHEINISCHE POST: Kommen wir zur Schulpolitik. Bereitet es Ihnen Sorgen, dass es bei den Leistungsvergleichen der Bundesländer bis zu zwei Schuljahre Unterschied in einzelnen Fächern gibt?

JOHANNA WANKA: Ich sehe den föderalen Wettbewerb positiv. Die festgestellten Leistungsunterschiede sind ein Anreiz für die betreffenden Bundesländer, ihre Schulpolitik zu verbessern. Seit den ersten Pisa-Tests gab es in allen Bundesländern Leistungsverbesserungen.

RHEINISCHE POST: Wer von Bremen nach Sachsen zieht, muss sein Kind eine Klasse wiederholen lassen . . .

JOHANNA WANKA: Die Wechsel von einem Bundesland in ein anderes können weiter verbessert werden, für Schüler, Eltern und für Lehrer. Die Kultusministerkonferenz arbeitet daran, beispielsweise mit den Bildungsstandards für bestimmte Fächer und bestimmte Leistungsstufen die bundesweit für alle Länder gelten.

RHEINISCHE POST: Nur die Bildungspolitiker halten den Föderalismus hoch, die Bevölkerung wünscht sich mehr Zentralität. Werden Sie dem entgegenkommen?

JOHANNA WANKA: Der Wunsch resultiert daraus, dass man die Schwierigkeiten sieht, die die Unterschiede im Schulsystem in den Ländern bei Umzügen mit sich bringen. Nicht gesehen wird oft, dass es in Europa große Länder mit zentral organisierten Bildungssystemen gibt, die aber nicht so gute Leistungen erreichen wie Deutschland.

RHEINISCHE POST: Wenn etwas schief läuft, ist die Klage über die Lehrer noch größer als über das Schulsystem. Zu Recht?

JOHANNA WANKA: Nein, die Klage ist nicht berechtigt. Solche Pauschalkritik teile ich in keiner Weise.

RHEINISCHE POST: Brauchen wir dennoch eine bessere oder andere Ausbildung von Lehrern?

JOHANNA WANKA: Es ist unbestritten, dass es auf den Lehrer sehr zentral ankommt, wenn es um Schulerfolg geht. Darum ist die Lehrerausbildung außerordentlich wichtig. Die Ausbildung liegt in der Hand der Länder. Der Bund wird dennoch 500 Millionen Euro für eine Qualitätsoffensive in der Lehrerbildung ausgeben.

RHEINISCHE POST: Was soll damit erreicht werden?

JOHANNA WANKA: Damit können die Hochschulen zusätzliche Projekte einrichten, die angehende Lehrer zum Beispiel auf die Inklusion und eine stärkere individuelle Förderung von Schülern vorbereiten. Damit meine ich nicht nur die leistungsschwachen Schüler. Es geht auch darum, die Leistungsstarken besser zu fördern. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass Projekte starten, die die Mathelehrerausbildung verbessern, dass Lehrer mehr Freude an diesem Fach vermitteln können.

RHEINISCHE POST: Das Geld verteilen Sie doch nicht einfach so. Welche Gegenleistung erwarten Sie von den Ländern?

JOHANNA WANKA: Im Gegenzug haben sich die Länder verpflichtet, die Vergleichbarkeit von Lehramtsabschlüssen herzustellen. Künftig werden Lehrer dann unkomplizierter von einem in das andere Bundesland wechseln können.

RHEINISCHE POST: Sollte man Lehrern, die für den Beruf nicht geeignet sind, die Möglichkeit geben, wieder in andere Berufe zu wechseln?

JOHANNA WANKA: Ich bin dafür, dass man bei der Berufswahl besser berät, bevor ein Studium zum Lehramt aufgenommen wird. Insbesondere die jungen Leute müssen eine bessere Vorstellung bekommen, wie die folgende berufliche Praxis aussieht.

RHEINISCHE POST: Die Koalition will in dieser Legislaturperiode sechs Milliarden Euro zusätzlich für Kitas, Schulen und Hochschulen ausgeben. Wo genau soll das Geld hinfließen?

JOHANNA WANKA: Wofür wir die sechs Milliarden genau einsetzen, wird gerade beraten. Wichtig ist, dass dieses Geld bei Kitas, Schulen und vor allem Hochschulen ankommt. Vorgesehen ist auch eine Unterstützung des Bundes bei der Grundfinanzierung der Hochschulen.

RHEINISCHE POST: Wirtschaftsvertreter beklagen eine zunehmende "Akademisierung" der jüngeren Generation: Zu viele junge Menschen studieren, zu wenige machen heute noch eine Lehre. Müssen wir da umsteuern?

JOHANNA WANKA: Früher war unser Ziel, dass 40 Prozent eines Jahrgangs studieren sollen. Heute studieren bereits über 50 Prozent eines Jahrgangs. Jeder, der erfolgreich studieren kann und will, soll diese Chance auch ergreifen können. Es ist aber problematisch, dass in manchen Branchen und Regionen junge Leute für die duale Ausbildung fehlen. Mehr Durchlässigkeit im Bildungssystem ist notwendig. Jungen Menschen soll deutlich gemacht werden, dass ihr Weg nach einer Lehre nicht zu Ende ist, sondern dass sie nach einem Gesellen- oder Meisterabschluss auch noch studieren können. Das steigert auch die Attraktivität der beruflichen Bildung.

RHEINISCHE POST: Sie wollen den Ausbildungspakt weiterführen, der in diesem Jahr auslaufen wird. Wann melden Sie einen Erfolg?

JOHANNA WANKA: Wir werden den Ausbildungspakt zu einer neuen "Allianz für Aus- und Weiterbildung" weiter entwickeln. Die Gewerkschaften sollen dabei wieder mit ins Boot kommen. Die Zielsetzung ist eine doppelte: Einerseits brauchen wir ausreichend Ausbildungsplätze. Wir wollen eine Ausbildungsgarantie für alle jungen Menschen in Deutschland. Andererseits geht es darum, bei jungen Leuten und ihren Familien für die duale Ausbildung zu werben.