„Forschung macht Zukunft“

Im Interview mit der Fuldaer Zeitung spricht Ministerin Karliczek über neue Chancen für strukturschwache Regionen durch Forschung, die Suche nach Sprunginnovationen und die Digitalisierung in der Bildung.

"Der Pisa-Schock war heilsam. In den Schulen hat sich Einiges zum Besseren gewandelt", sagt Ministerin Karliczek.

© BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview erschien am 4. September 2019 in der Fuldaer Zeitung. Die Fragen stellte Manfred Schermer.

Die AfD hat bei den Landtagswahlen im Osten starke Zuwächse erzielt. Wo muss die CDU gegensteuern? Beim Thema Klimaschutz?

Wir müssen vor allem mit den Menschen über ihre Probleme reden und diese Problem auch lösen. Das ist das A und O für erfolgreiche Politik. Die Sorgen unterscheiden sich dabei stark von Region zu Region. Der Klimaschutz ist vielfach ein großes Thema. In den strukturschwachen Regionen wollen die Menschen vorrangig wissen, wie es wirtschaftlich in Zukunft weitergeht. Wir werden diese Regionen intensiv unterstützen. Mein Ministerium wird Forschungsvorhaben in den Kohleregionen mit insgesamt mit 600 Millionen bis 2024 fördern. Sehr viele davon im Osten. Denn nicht allein Investitionen in Beton bringen es. Langfristig wird mitunter mehr erreicht, wenn wir das Geld in Forschung geben. Denn Forschung macht Zukunft.

Sie haben in der Nähe von Münster ein Projekt zur Batterieforschung angestoßen und viele haben sich gefragt, warum das nicht im Osten geschehen ist.

Es gibt Projekte, bei denen wir mitunter einen etwas größeren zeitlichen Spielraum haben. Aber es gibt auch Projekte, die schnellstmöglich umgesetzt werden müssen. Dazu gehören die Batterieforschung und die Batterieherstellung. Deutschland muss in der Lage sein, leistungsstarke Batterien herzustellen – allein schon wegen der Entwicklung in der Autobranche hin zur E-Mobilität. Die Chinesen sind der große Konkurrent. Wenn wir die gesamte Wertschöpfungskette beim Bau eines Autos weiter bei uns in Deutschland halten wollen, müssen wir schnell sein. Darum konnten sich nur solche Standorte an dem Vergabeverfahren für die Batterieforschungsfabrik teilnehmen, in denen schon Batterieforschung auf höchstem Niveau betrieben wird.

Und da bietet der Standort Münster Vorteile?

Ja. Wir haben eine gute Batterieforschung in Deutschland. Alle Standorte leisten Hervorragendes. Das Konzept des Konsortiums aus Nordrhein-Westfalen für den Hauptstandort Münster hat am Ende am meisten überzeugt. In ihm engagiert sich auch Professor Achim Kampker von der RWTH Aachen. Er hat in England bereits eine solche Anlage konzipiert. Diese Erfahrung ist wichtig für die Umsetzung des Projekts. Aber auch aus anderen Gründen lag der Beitrag vor den anderen starken Konkurrenten.

Wie sehen Sie denn den Forschungsstandort Deutschland im internationalen Vergleich?

Wir sind bei der Forschung in vielen Bereichen sehr stark. Unsere Wissenschaftler sind international angesehen. Wir liegen bei den Patenten gut im Rennen. Wo wir nicht stark sind, ist im Bereich der Umsetzung aus den Innovationen der Forschung hinein in die Produktion. Es gibt mit dem MP3-Player ein sehr prominentes Beispiel: Das Format ist in Deutschland erfunden worden, und heute gibt es viele darauf basierende Produkte, die nicht bei uns entstanden sind.

Dieser Schwachpunkt ist doch schon seit mindestens 25 Jahren bekannt. Was wollen Sie jetzt anders machen?

Der eine Teil ist unsere Agentur für Sprunginnovationen. In der soll nach Ideen gesucht werden, von denen man heute noch nicht ohne weiteres erkennen kann, dass in ihnen ein Geschäftsmodell steckt. Mit Hilfe dieser Agentur sollen Ideen bis zur Marktreife entwickelt werden. Gerade mittelständische Firmen haben oft nicht den langen Atem, jahrelang ein Projekt zu finanzieren, von dem sie nicht wissen, was dabei herauskommt. Diese Lücke wollen wir schließen und in zehn Jahren eine Milliarde Euro investieren. Wir schauen aber auch auf die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Wir haben schon Arbeitsgruppen, in denen Forschung und Wirtschaft an einem Tisch sitzen. Nun wollen wir uns noch stärker an die mittelständische Wirtschaft wenden.

Welche Schulnote geben Sie dem Bildungsstandort Deutschland?

Wir haben aber ein gutes Schulsystem. Der PISA-Schock war heilsam. In den Schulen hat sich Einiges zum Besseren gewandelt. Die Schulen und die Lehrerinnen und Lehrer leisten enorm viel. Sie fördern leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, aber auch Kinder, die aus Elternhäusern stammen, die sich nicht so sehr um die Bildung ihrer Kinder kümmern. In beiden Bereichen können wir aber noch besser werden. Beides unterstützt das BMBF deshalb mit entsprechenden Bund-Länder-Programmen. Aber natürlich stehen wir auch weiter vor großen Herausforderungen, zum Beispiel im Zusammenhang der Inklusion und der Integration. Gerade hier kann die Digitalisierung helfen, weil mit digitalen Bildungsangeboten besser auf das unterschiedliche Niveau der Schüler eingegangen werden kann.

Wie wollen Sie die Digitalisierung in der Bildung fördern?

Indem wir die richtigen Instrumente zur Verfügung stellen. Wir haben den DigitalPakt auf den Weg gebracht. Und weil es nicht nur auf die Infrastruktur ankommt, soll jede Schule mit dem Schulträger zunächst ein Konzept entwickeln, wie sie sich digitale Bildung im 21. Jahrhundert vorstellt. Dann braucht es eine Planung, wie die Lehrer weitergebildet werden. Und dann erst gibt es das Geld für die Infrastruktur. Nur wenn dieser Dreiklang passt, wird ein Erfolgsmodell daraus.

5,5 Milliarden Euro stehen bereit für die Digitalisierung der Schulen – das ist insgesamt für alle Bundesländer nicht viel Geld. Wann ist das erste Geld vor Ort?

Also: Rechnerisch steht jeder Schule in Deutschland ein Betrag von gut 135 000 Euro zur Verfügung. Das lässt sich doch sehen. Das erste Projekt ist bereits Mitte August genehmigt  worden. Wir bieten für die Digitalisierung Unterstützung an. Wir wollen eine flächendeckende digitale Infrastruktur haben, aber wir können und wollen den Ländern natürlich ihre Aufgabe nicht abnehmen.

Vor einiger Zeit hat Ihr Parteifreund Carsten Linnemann gesagt, ein Kind, das kaum Deutsch spreche, habe auf einer Grundschule noch nichts zu suchen. Würden Sie das unterschreiben?

Er hat ein wichtiges Thema angesprochen. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse kann dem Unterricht nur schwer gefolgt werden. Zuerst einmal gibt es eine Schulpflicht in Deutschland. Aber wir müssen schauen, wie wir Kinder, die noch nicht so lange hier sind, am besten unterstützen. Sie müssen ja am Unterricht teilnehmen können. Es gibt unterschiedliche Wege: Die einen machen Extraklassen auf, die anderen geben ihnen in den Regelklassen zusätzliche Hilfe. Wichtig ist, dass klargestellt ist: Jedes Kind muss Deutsch lernen und muss je nach seinen Möglichkeiten optimal gefördert werden.

Wie sieht das konkret aus?

Das Thema Förderung greifen wir in verschiedenen Facetten auf. Wir arbeiten mit den Ländern an einem Programm zur Unterstützung von Schulen in sozial schwierigen Lagen. Wir unterstützen aber genauso mit einem Bund-Länder-Programm leistungsstarke Schüler. Für mich ist das Wichtigste, dass jeder junge Mensch sich optimal entwickeln kann. Wir können uns nicht erlauben, irgendjemanden zurückzulassen.

Die IAA steht kurz bevor. Sind die deutschen Autobauer bei der Elektromobilität abgehängt?

Wir bauen auch hier auf einen Dreiklang. Das eine ist die Elektromobilität. Wir setzen zudem auf Wasserstoff und entwickeln gerade zusammen mit anderen Ministerien eine entsprechende Strategie. Und zum Dritten fördern wir synthetische Kraftstoffe für die Bereiche, in denen wir mit den anderen beiden Technologien nicht weiterkommen, zum Beispiel in der Luftfahrt. Die Mobilität der Zukunft wird vielfältig sein.