Frauen in MINT-Berufen: Das muss Normalität sein

Mädchen brauchen Vorbilder, um sich für MINT-Berufe zu begeistern. "Hier können wir von unseren ostdeutschen Bundesländern lernen: Denn Frauen in MINT-Berufen sind dort selbstverständlich", sagt Ministerin Karliczek im Bundestag.

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) im Bundestag zum Thema „MINT-Förderung“ am 9. Oktober 2020

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Passender hätte das doch in dieser Woche gar nicht sein können.

Denn in dieser Woche hat die Nobelpreiskommission entschieden: Zwei Forscher, die in Deutschland forschen, bekommen den Nobelpreis.

Und eine davon ist eine Frau. Wir wollen - ich glaube, da sind wir alle uns hier einig -, dass sich mehr junge Frauen für MINT-Berufe entscheiden. Genauso wichtig wie die diversen Förderprogramme ist es, an dieser Stelle auch inspirierende Vorbilder zu haben, Menschen, die uns faszinieren und denen wir nacheifern können. Frau Professorin Charpentier, die Entwicklerin der Genschere und Nobelpreisträgerin für Chemie, ist solch eine inspirierende Frau und Wissenschaftlerin.

Aus Studien wissen wir, dass es ein ganz entscheidender Faktor für die spätere Berufswahl ist, dass Mädchen MINT-Vorbilder haben. Es muss nicht immer eine Nobelpreisträgerin sein, sondern genauso gut sind engagierte Physiklehrerinnen oder vielleicht auch Mütter, die als Ingenieurinnen oder Mechatronikerinnen arbeiten. Hier können wir im 30. Jahr der Wiedervereinigung noch von unseren ostdeutschen Bundesländern lernen; denn Frauen in MINT-Berufen sind dort selbstverständlich.

Genau diese gesellschaftliche Normalität bleibt Ziel und Aufgabe für unser Innovationsland Deutschland. Aber wie erreichen wir das? Wir haben das „Haus der kleinen Forscher“ - es ist schon mehrfach angesprochen worden -; das ist ein echtes Erfolgsrezept. Wir werden es jetzt auf sichere Füße stellen und institutionalisieren. Aber MINT-Begeisterung in der Kita führt eben noch nicht automatisch zu einem Medizinstudium. Ganz viele Mädchen verlieren das Interesse an MINT-Berufen oder auch an MINT generell in der Schule wieder, weil sie sich nicht angesprochen fühlen - vom Fach oder vielleicht auch von der Vorstellung, was man danach damit anfangen kann.

Diese Realität, meine Damen und Herren von der FDP, werden Sie eben nicht mit einem weiteren Ausstattungsprogramm des Bundes für die Länder ändern. Eine Virtual Reality macht eben noch keinen guten Unterricht. Nur mit einem inspirierenden MINT-Unterricht und begeisternden MINT-Lehrkräften werden sich mehr Mädchen und Frauen einen Beruf in MINT vorstellen können. Da müssen Sie ran: an den Unterricht.

An dieser Stelle herzlichen Gruß an Ihre eigene FDP-Kultusministerin.

Wenn wir wollen, dass diese Technik Gutes in der Bildung bewirkt, dann brauchen wir pädagogische Konzepte, und wir brauchen didaktisch gut ausgebildete Lehrkräfte in allen Ländern.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Konzepte für den Einsatz digitaler Technik für einen anschaulichen und kreativen MINT-Unterricht sind keine Bürokratiemonster, wie Sie dauernd suggerieren. Sie sind notwendige Bedingung für gute digitale Bildung.

Wir haben im vergangenen Jahr mit dem MINT-Aktionsplan ein ganzes Maßnahmenbündel auf den Weg gebracht: rund 55 Millionen Euro zusätzliche Investitionen in die MINT-Bildung. Und ganz vieles von dem, was Sie hier fordern, setzen wir längst um.

Auch bei der Zielgruppe sind wir uns einig. Wir müssen Kinder und Jugendliche erreichen, Mädchen und Frauen, MINT-Fachkräfte, MINT-Vorbilder in der ganzen Gesellschaft.

Das erreichen wir unter anderem mit dem flächendeckenden Ausbau von MINT-Angeboten für Jugendliche außerhalb der Schule und dem Aufbau - Frau Benning hat es angesprochen - einer bundesweiten MINT-Vernetzungsstelle mit E-Plattform.

Für entscheidend halte ich aber eben auch die Bildungsforschung für MINT; denn wir wissen immer noch nicht wirklich genug darüber, welche Instrumente der MINT-Bildung am besten wirken. Deshalb intensivieren wir parallel die MINT-Bildungsforschung.

Wir machen noch mehr. Wir werden deutschlandweit um die 40 MINT-Cluster fördern; die ersten starten noch in diesem Jahr. Unter diesen Angeboten sind Maker Spaces und starke Verbünde von Schülerlaboren, Vereinen, Hochschulen und Unternehmen.

Meine Damen und Herren, natürlich - dies sage ich auch einmal an die Adresse der Linken - liegt die MINT-Förderung ganz klar auch im unternehmerischen Interesse. Ja, wir brauchen Fachkräfte. Natürlich liegt es aber noch viel mehr im gesellschaftlichen Interesse, dass MINT-Berufe für alle selbstverständlich werden. Denn: Ohne MINT entwickeln wir keinen Impfstoff gegen Corona.

Ohne MINT werden wir die Transformation hin zum grünen Wasserstoff nicht packen. Und ohne MINT hebt in Deutschland auch kein Flugzeug ab.

Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, wo stehen wir denn? Wir haben die Girls’ Days, wir haben die Initiative Klischeefrei, wir haben das Professorinnenprogramm, über das übrigens schon über 200 neue MINT-Professorinnen gefördert worden sind. Wir haben den Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen; denn auch das sind wichtige Vorbilder: mehr Frauen in MINT-Berufen für die Chefetagen.

Weil wir vieles an vielen Stellen tun, sehen wir eben auch Erfolge und Fortschritte. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Frauen in MINT-Studienfächern fast verdoppelt; immerhin jeder dritte MINT-Studienabschluss wird inzwischen von einer Frau erreicht. Doch wir werden weiter motivieren. Die Zahlen werden und müssen noch steigen, damit wir es schaffen, den Fachkräftebedarf zu decken.

An dieser Stelle würde ich mich freuen, wenn auch Sie alle mitmachen. Als Botschafter unseres MINT-Aktionsplans sind Sie als engagierte Unterstützer alle herzlich willkommen!