Frei, stark und selbstkritisch

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka über den Science March, die Diffamierung von Experten und eine freie Wissenschaft als Voraussetzung für unsere offene Gesellschaft. Ein Gastbeitrag für den "Tagesspiegel" vom 21. April 2017.

Am 22. April 2017 werden weltweit Menschen für den Wert von Forschung und Wissenschaft auf die Straße gehen. Sie demonstrieren dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage unseres gesellschaftlichen Diskurses nicht verhandelbar sind. Damit treten sie offensiv für elementare Grundlagen unserer Demokratie ein.

Wir alle müssen deutlich machen, dass die Freiheit der Wissenschaft und der konstruktive Diskurs als elementare Grundlagen unserer Gesellschaft nicht verhandelbar sind.

Johanna Wanka

Zu den Voraussetzungen unserer offenen Gesellschaft zählen eine unabhängige Justiz, eine freie Presse und auch eine freie Wissenschaft. Diese Freiheiten, die unser Grundgesetz garantiert, sind keine Selbstverständlichkeit. Wir müssen für sie einstehen.

Wie aktuelle Beispiele zeigen, sind es immer die Freiheiten dieser drei Institutionen, die bedroht sind. Diese Bedrohung beginnt nicht erst mit politisch motivierten Urteilen oder Maulkörben für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie beginnt schon früher: mit der Abkehr von der sachlich  orientierten Urteilsbildung, mit der Diffamierung von „Experten“ und dem zunehmenden Primat von Wollen und Meinen.

Justiz, Presse und Wissenschaft haben ihre eigenen und spezifischen Mechanismen entwickelt, um Wahrheiten, als eine Annäherung an die Wirklichkeit, zu ermitteln. Die Justiz hat die Regeln des Prozesses, die Presse die Methoden der Recherche und der Aufdeckung; die Wissenschaft hat die Methoden des Experiments, der Falsifizierung und des kritischen und offenen Diskurses.

Der Kern von Wissenschaft sind nicht absolute Wahrheiten. Das Wesen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Methode ist vielmehr das oft mühsame Erarbeiten von Erkenntnissen und der konstruktive Umgang mit der großen Komplexität der Wirklichkeit. Dies erfordert von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine kritische Haltung des stetigen Nachforschens, Nachfragens und des offenen Diskutierens.

So wie die Institutionen von Justiz und Presse die Gesellschaft mitgestalten, hat auch die wissenschaftliche Haltung unsere Gesellschaft geprägt und zu Offenheit und Fortschritt essentiell beigetragen. Mit der Beschneidung der Freiheit der Wissenschaft sind auch Offenheit und Fortschritt insgesamt in Gefahr. Daher sind die Wissenschaft, aber auch die Politik gefordert, sich noch stärker als bisher hörbar und verständlich zu machen.

Ich freue mich über das Engagement der vielen Menschen – nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – die am 22.4. sichtbar für die Wissenschaft eintreten. Wir alle müssen deutlich machen, dass die Freiheit der Wissenschaft und der konstruktive Diskurs als elementare Grundlagen unserer Gesellschaft nicht verhandelbar sind.