Für mehr Sicherheit an Bahnhöfen und Flughäfen

Über die Zukunft der Sicherheitsforschung haben Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung beim 3. BMBF-Innovationsforum 2016 diskutiert. Die wichtigsten Themen: Terrorismus, Wirtschaftsspionage und die Sicherheit bei Veranstaltungen.

Der USBV-Inspektor: Er kann Gepäckstücke durchleuchten und versteckte Sprengsätze finden. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Ob am Flughafen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei Großveranstaltungen – Katastrophen lassen sich nicht vorhersagen. Gefahrensituationen können jederzeit und überall entstehen. Deshalb müssen Einsatzkräfte gut vorbereitet sein und das richtige Instrumentarium an der Hand haben, um die Situation schnell aufzuklären – zum Schutz der Zivilgesellschaft.

Aber nicht nur auf öffentlichen Plätzen, sondern auch im Internet  mehren sich Gefahren. Cyberkriminalität und Wirtschaftsspionage sind eine Bedrohung sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen. Dabei haben es Hacker auf sensible Infrastrukturen und Daten abgesehen. Denn immer mehr Privatpersonen nutzen beispielsweise Online-Banking oder bestellen Ware im Internet. Unternehmen digitalisieren ihre Produktionsprozesse. Das sind Einfallstore für Kriminelle. Die ökonomischen Schäden durch Wirtschaftsspionage belaufen sich jährlich auf mehr als 50 Milliarden Euro. Auch kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser oder Stromnetze sind ein beliebtes Ziel von Hackern.

Bevölkerung durch Forschung schützen

Die zivile Sicherheitsforschung setzt sich dafür ein, die Unversehrtheit der Bürgerinnen und Bürger sowie wichtige staatliche und wirtschaftliche Infrastrukturen zu sichern. Wie diese Strukturen in Zukunft noch besser gegen Angriffe geschützt werden können, darüber tauschen sich Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung auf dem 3. BMBF-Innovationsforum 2016 in Berlin aus.

Stefan Müller, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Rede
Stefan Müller, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Rede © Carstensen

„Neben dem demografischen Wandel haben wir es vermehrt mit Klimawandel, Globalisierung und Digitalisierung zu tun. Änderungen in Bevölkerungs- und Gesellschaftsstrukturen und die zunehmenden technikbasierten Gefahrenlagen – wie zum Beispiel Cyberkriminalität – haben sowohl Einfluss auf unsere persönliche als auch auf die gesellschaftliche Sicherheit. Die zivile Sicherheitsforschung hat zum Ziel, Verletzungen der Sicherheit von Menschen, Institutionen, Gütern und Infrastrukturen zu erkennen, sie zu verhindern, sich auf sie vorzubereiten und vor entsprechenden Schäden zu schützen“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär Stefan Müller zur Eröffnung des 3. BMBF-Innovationsforums in Berlin.

In der zivilen Sicherheitsforschung hat das Bundesforschungsministerium in den letzten zehn Jahren rund 250 Verbünde mit über 1.000 Teilvorhaben gefördert und dafür über 470 Millionen Euro investiert. Die Projekte beschäftigen sich mit realitätsnahen Szenarien, dazu gehört zum Beispiel die Sicherheit bei Fußballspielen oder Konzerten. Die Forschung konzentriert sich dabei sowohl auf die Prävention von Schäden als auch auf Maßnahmen zur Krisenbewältigung. Während des 3. BMBF-Innovationsforums zeigt die Ausstellung „Praxislösungen“ im Café Moskau in Berlin bisherige Forschungsergebnisse:

Flughäfen, Bahnhöfe und öffentliche Plätze

Der USBV-Inspektor
Der USBV-Inspektor © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Auf öffentlichen Plätzen, Bahnhöfen, Flughäfen und in Zügen gehören vergessene Gepäckstücke zum Alltag. Auch wenn die meisten Koffer und Taschen dabei harmlos sind, muss das Sicherheitspersonal zunächst davon ausgehen, dass es sich bei den zurückgelassenen Objekten um einen versteckten Sprengsatz handelt. Die Gepäckstücke müssen deshalb großräumig abgeschirmt und untersucht werden. Erhärtet sich der Verdacht, dass sich im Rucksack eine Sprengvorrichtung verbirgt, werden sofort alle notwendigen Maßnahmen eingeleitet.

Genauso wichtig wie die Sicherheit der Zivilbevölkerung  ist aber auch die der Einsatzkräfte vor Ort. Um sie noch besser zu schützen, hat sich das Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik mit anderen Partnern für das Projekt „Multimodale Sensor-Suite zur Unterstützung der USBV-Entschärfung und Beweissicherung“ zusammengeschlossen. Sie entwickeln einen ferngesteuerten Roboter, der „USBV-Inspektor“, der ganz nah an die Gepäckstücke heranfahren kann. Dabei ist der Roboter mit einem Millimeterwellenscanner, einer 3D-Umgebungserfassung, sowie einer Digitalkamera ausgestattet. Der Millimeterwellenscanner durchleuchtet das Innere des Gepäcks. Die 3D-Umgebungserfassung und die Kamera sichern Beweise vom Tatort, die die Aufklärung später erleichtern können. Dank des Roboters können die Einsatzkräfte Sprengvorrichtungen in Koffern und Taschen schnell enttarnen, ohne sich dabei der direkten Explosionsgefahr aussetzen zu müssen.

Prävention von Gefahren

Der Personenscanner QPass. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Um die Sicherheit an Flughäfen zu gewährleisten, werden immer häufiger auch Personenscanner für die Passagierkontrollen eingesetzt. Die Scanner erkennen mehr verdächtige Gegenstände als herkömmliche Metalldetektoren. Bei den Scannern, die derzeit an Flughäfen im Einsatz sind, besteht aber erheblicher Verbesserungsbedarf. Forschungspartner aus Wissenschaft und Wirtschaft haben sich deshalb im Projekt „Quick Personnel Automatic Safe Screening (QPASS)“ zusammengeschlossen, um einen Personenscanner zu entwickeln, der mithilfe einer automatischen Objekterkennung gefährliche Gegenstände in Millisekunden lokalisiert und meldet. Die Bundespolizei erprobt die neue Generation der Personenscanner bereits an mehreren deutschen Flughäfen. Auch der Flughafen in Oslo hat bereits ein Gerät der Firma Rhode & Schwarz aufgestellt.

Schnelles Handeln in Krisensituationen

Das Flugsystem der Feuerwehr Dortmund. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

In Katastrophensituationen zählt jede Sekunde. Einsatzkräfte müssen schnellstmöglich an Ort und Stelle sein, um erste Hilfe zu leisten und Schlimmeres zu verhindern. Häufig sind aber bei großflächigen Gefahrenlagen die Verkehrswege beschädigt und die Telekommunikation ist zusammengebrochen. Damit sich die Einsatzkräfte auch in solchen Extremsituationen schnell ein Bild der Lage machen können, entwickeln deutsch-französische Forschungspartner im Projekt „ANCHORS“ ein unbemanntes Flugsystem, das auch bei widrigen Wetterbedingungen das Gebiet aus der Luft  erkunden kann und zuverlässig Informationen an die Einsatzkräfte sendet. Derzeit testet die Feuerwehr Dortmund das Flugsystem unter realen Bedingungen.

Oftmals muss bei akuter Gefahrenlage die Bevölkerung in Sicherheit gebracht werden. In großen und dicht besiedelten Wohngebieten kann eine Evakuierung für die Einsatzkräfte aber zur Herausforderung werden. Sie müssen in kürzester Zeit viele Entscheidungen treffen. Welche Häuser werden zuerst evakuiert? Wo sollen die Bewohner untergebracht werden? Welche Transportwege sind geeignet? Um diese Fragen schnell beantworten zu können, entwickelt das deutsch-französische Forschungsprojekt „DSS_Evac_Logistic“ ein System, das Einsatzkräfte bei der Entscheidung unterstützen kann. Mit dem System können schon voran Evakuierungspläne für verschiedene Szenarien durchgespielt werden. Wissenschaftler, Behörden und Unternehmen beider Länder lassen ihre Erfahrungen mit Krisensituationen einfließen, um die Szenarien des Entscheidungshelfers so realistisch wie möglich zu gestalten.

Konzerte, Stadtfeste und Großveranstaltungen

Konzerte, Stadtfeste oder Fußballspiele sind beliebt und die lockere Stimmung zieht viele Menschen an. Aber Orte, an denen viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, bergen auch Risiken. Im schlimmsten Fall können durch eine zu hohe Besucherzahl Unfälle passieren – das hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Die Sicherheit bei Großveranstaltungen ist deshalb zunehmend ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Im Verbundprojekt „Bausteine für die Sicherheit bei Großveranstaltungen (BaSiGo)“ wird ein Vorgehen erarbeitet, das Organisatoren und verantwortlichen Behörden vorab hilft, die Risiken der Veranstaltung abzuschätzen. Dazu wird beispielsweise schon während der Planung simuliert, an welchen Orten die Besucher an- und abreisen werden und ob an diesen Knotenpunkten Engpässe entstehen könnten. Die Forschungsergebnisse sollen den verschiedenen Akteuren als Schulungsunterlagen für Aus- und Weiterbildungen dienen.

Mehr Sicherheit im Fußballstadion

Mehrere Millionen Zuschauer strömen jährlich in die Stadien, um die Spiele der 1. und 2. Fußball-Bundesliga zu sehen. Auch wenn die Stimmung meistens gut und friedlich ist, gibt es Risiken. Es kann zu gefährlichem Gedränge oder zu Ausschreitungen gewaltbereiter Gruppen kommen. Spieltage sind eine Herausforderung für Polizei, Rettungskräfte und Sicherheitsdienste. Ziel des Projektes „Mehr Sicherheit im Fußball – Verbessern der Kommunikationsstrukturen und Optimierung des Fandialogs (SiKomFan)“ ist es, die Kommunikation zwischen Fans, Sicherheitskräften, Vereinen sowie der Bevölkerung zu verbessern und Verständnis füreinander zu schaffen. Dafür erforscht der Verbund unter anderem eine Kommunikationsplattform, mit deren Hilfe alle Akteure miteinander kommunizieren können.

Um den globalen Veränderungen an die Sicherheit der Bevölkerung gerecht zu werden, startet das Bundesforschungsministerium einen Agendaprozess für das künftige Sicherheitsforschungsprogramm. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch Bürgerinnen und Bürger sind dazu aufgerufen, ihre Ideen und Themen einzubringen.