Für unsere wirtschaftliche Stärke ist die duale Ausbildung entscheidend

"Nur mit genügend Technikern, Meistern und Betriebswirten können wir unsere Innovationskräfte vollständig ausschöpfen", sagt Ministerin Karliczek im Bundestag. Deshalb hat das BMBF die duale Ausbildung in der Corona-Krise zusätzlich gestärkt.

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich der Debatte über den Berufsbildungsbericht am 11. September 2020 im Deutschen Bundestag. Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Frau Bundestagspräsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die letzten Monate haben uns, glaube ich, eins sehr deutlich vor Augen geführt, nämlich was die berufliche Bildung für unser Land leistet. Denn dass wir bisher so gut durch die Krise gekommen sind, hat ganz viel mit den Menschen zu tun, die unser Land in diesen Tagen getragen haben: gut ausgebildete Pflegekräfte, Einzelhandelskaufleute, Laborfachkräfte und viele andere. Ich kann sie gar nicht alle aufzählen. Aber es war plötzlich sehr sichtbar, warum wir um unsere duale Ausbildung so beneidet werden.

In diesem Monat haben wieder Hunderttausende von jungen Menschen ihre Ausbildung begonnen. Ein Start ins Berufsleben mitten in der Pandemie, das war und ist für viele noch mit Hürden verbunden. Wir sehen das an den aktuellen Ausbildungszahlen. Der Ausbildungsmarkt ist geschrumpft: 8 Prozent weniger Ausbildungsplätze, aber eben auch 8 Prozent weniger Bewerberinnen und Bewerber. Für die Auszubildenden und die, die noch einen Ausbildungsplatz suchen, ist das trotzdem eine gute Nachricht. Es stehen nämlich nach wie vor auch in der Krise mehr Plätze zur Verfügung, als besetzt werden können. Für die Arbeitgeber und unseren wirtschaftlichen Wohlstand ist das ein klein wenig anders; denn weniger Auszubildende heute bedeuten weniger Fachkräfte morgen – und das in einer Zeit, in der wir Fachkräfte dringend brauchen.

Für die wirtschaftliche Stärke unseres Landes ist die duale Ausbildung entscheidend; denn nur mit genügend Technikern, Meistern und Betriebswirten können wir unsere Innovationskräfte vollständig ausschöpfen.

Deswegen haben wir schnell ein wichtiges Signal gesetzt. Wir wollen, dass die berufliche Ausbildung als attraktiver Einstieg ins Berufsleben geschätzt wird. Wir wollen, dass in Deutschland weiterhin auf hohem Niveau ausgebildet wird. Es gibt deshalb Ausbildungsprämien für kleine und mittlere Unternehmen, wenn sie ihr Ausbildungsniveau halten oder erhöhen, obwohl die Coronakrise sie heftig getroffen hat. Es gibt Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung, wenn Auszubildende nicht in Kurzarbeit geschickt werden. Es gibt Übernahmeprämien, wenn kleine und mittlere Unternehmen Auszubildende aus insolventen Betrieben übernehmen. Das alles gibt es, damit die duale Ausbildung stark durch die Coronakrise kommt, damit junge Menschen weiterhin gute Startchancen haben, damit exzellente Fachkräfte die Wirtschaft beleben und damit das Innovationsland Deutschland auch zukünftig Innovationsland bleiben kann.

Eine weitere gute Nachricht hat uns aus der Bundesagentur für Arbeit erreicht. Sie erkennt eine Aufholbewegung auf dem Ausbildungsmarkt. Ich denke, auch das ist ein gutes Signal - für unsere jungen Menschen und für unsere Wirtschaft.

Ein weiteres positives Signal kommt aus den Bereichen Gesundheit, Pflege und Erziehung. Die Zahl derer, die in diesen Bereichen ihre Ausbildung begonnen haben, ist im vergangenen Jahr gestiegen, und zwar um fast 4 Prozent. Und das war vor Corona.

Aber - auch das gehört zu einem vollständigen Bild dazu -: Der demografische Wandel ist auf dem Ausbildungsmarkt angekommen. Schon im vergangenen Jahr sind weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen worden als im Jahr davor. Es gibt mehr offene Lehrstellen als Bewerber. Betriebe finden nicht mehr genug Auszubildende. Jugendliche hingegen, die sich für eine Ausbildung entscheiden, haben hervorragende Perspektiven: auf begehrte und sichere Arbeitsplätze, auf gute Verdienstmöglichkeiten, auf Aufstiegschancen oder auch auf Selbstständigkeit.

Unsere berufliche Bildung ist nach wie vor ein Garant für einen erfolgreichen Berufsweg und ein wesentlicher Grund – auch das, finde ich, muss man hier nennen - für unsere geringe Jugendarbeitslosigkeit.

Deswegen kann ich es auch gar nicht oft genug betonen: Eine Ausbildung ist ein guter Start ins Berufsleben. Wir tun alles dafür, dass Karrieremöglichkeiten gerade auch aus der beruflichen Ausbildung heraus erleichtert und gefördert werden. Die Dualität in der Ausbildung, das Zusammenspiel von Theorie und Praxis bedeutet gerade in einer sich so schnell wandelnden Arbeitswelt Fähigkeiten und Fertigkeiten, bedeutet Einsatzfähigkeit auf dem Arbeitsplatz, schnell und mit hoher Expertise. Deswegen haben wir die Ausbildung für junge Menschen noch attraktiver gemacht. Wir haben das Berufsbildungsgesetz in dieser Legislaturperiode modernisiert. Ich will da nur die Mindestvergütung für Auszubildende nennen, mehr Flexibilität und auch die internationale Vergleichbarkeit der Fortbildungsstufen.

Auch mit finanzieller Unterstützung begleiten wir unsere beruflichen Aufsteiger, egal, ob sie sich als Maurer, als IT-Kaufmann oder auch in sozialen Berufen weiterbilden wollen. Mit höheren Zuschüssen, mit höheren Freibeträgen und mit modernen Strukturen begleiten wir unsere beruflichen Aufsteiger Schritt für Schritt bis auf Masterniveau. Wir machen damit lebenslange Weiterbildung attraktiv, und wir wollen Weiterbildung als Teil unseres Lebens verankern.

Das Innovationsland Deutschland braucht viele gut ausgebildete Fachkräfte. Fachkraft bleibe ich aber nur, wenn ich mich immer wieder neuen Anforderungen stelle. Genauso muss auch die Ausbildung selbst sich immer wieder neuen Anforderungen stellen. Es geht um Innovationen durch die Ausbildung, aber ebenso geht es um Innovationen in der Ausbildung. Die Ausbildung selbst muss neue Technologien wie die Digitalisierung oder auch die künstliche Intelligenz nutzen. Nur so bleiben wir als Innovationsland weiter an der Spitze.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, in der nächsten Woche treffe ich mich mit meinen europäischen Bildungsministerkollegen in Osnabrück. Wir wollen gemeinsam noch mal Lehren aus der Coronakrise ziehen: Was hat sich verändert? Aber genauso werden wir uns mit dem Schwerpunkt berufliche Bildung beschäftigen. Wir haben uns vorgenommen, während der deutschen Präsidentschaft die europäische Zusammenarbeit in der Berufsbildung neu zu justieren.

Eine leistungsstarke berufliche Bildung kann einen großen Beitrag dazu leisten, dass sich die Wirtschaft in ganz Europa schnell erholt. Die berufliche Bildung ist damit eine Chance für die vielen, vielen jungen Menschen in ganz Europa, für jeden Einzelnen, aber natürlich auch für unsere gesamten Gesellschaften. Sie ist damit eine tragende Säule unserer Volkswirtschaft, und die duale Ausbildung ist ein Versprechen für den künftigen Wohlstand Deutschlands. Wir brauchen sie, wir schätzen sie, und ich werde alles dafür tun, dass das auch jeder erkennt.

Herzlichen Dank.