Ganztagsschulforschung - Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen

Das Forschungskonsortium der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG" hat den Bericht zur zweiten bundesweiten Schulleitungsbefragung "Ganztagsschule 2014/2015" veröffentlicht.

Nach dem forcierten Ausbau der letzten Jahre verfügt heute jede zweite allgemeinbildende Schule im Primarbereich und in der Sekundarstufe I in Deutschland über Ganztagsangebote. „Offene Ganztagsschulen“ mit freiwilliger Teilnahme bleiben bundesweit das vorherrschende Organisationsmodell.

Der Bericht "Ganztagsschule 2014/2015" ist das Ergebnis einer repräsentativen Online-Befragung von mehr als 1.500 Schulleitungen. Er enthält eine aktuelle Bestandsaufnahme und Trendanalysen zu den Themen „Organisation und Strukturen“, „Ressourcen“, „Pädagogische Konzepte und  Schulentwicklung“ sowie „Angebote und Teilnahme“.

Nach dem Bericht haben die Ganztagsschulen ihre Bildungsangebote weiter ausgebaut. Dazu gehören sportliche und musisch-kulturelle, aber auch fachliche Angebote und Hausaufgabenbetreuung, wobei der Anteil der Schulen, die auf Hausaufgaben verzichten, gestiegen ist. An den meisten Schulen wird das Ganztagsangebot an mindestens vier Tagen in der Woche bereitgestellt.

Ganztagsschulen gehen zahlreiche Kooperationen mit außerschulischen Partnern des Sports, der kulturellen Bildung und der Kinder- und Jugendhilfe ein und sind damit in regionale Bildungslandschaften eingebunden. Die Ressourcenausstattung hat sich gegenüber 2012 leicht verbessert.

Durchschnittlich nimmt inzwischen die Hälfte der Schülerinnen und Schüler am Ganztagsbetrieb teil. In Grundschulen und in den ostdeutschen Flächenländern sind die Teilnahmequoten höher. Je mehr Schülerinnen und Schüler am Ganztag teilnehmen, desto inhaltlich breiter sind die Angebote, und je verbindlicher die Teilnahme ist, desto mehr werden Unterricht und Angebote verbunden.

Ein besonderes Potential der Ganztagsschule sehen die Schulleitungen für die Inklusion. In 90 Prozent der Grundschulen und nichtgymnasialen weiterführenden Schulen lernen auch Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Der Bericht zeigt ebenso den Entwicklungsbedarf auf: So wird die wichtige Verknüpfung von Unterricht und Angeboten erst in rund 50 Prozent der Ganztagsschulen realisiert. Das bedeute, so das StEG-Konsortium, „dass einige Schulen ihre Möglichkeiten als Ganztagsschulen nicht ausschöpfen“, zum Beispiel bei der Rhythmisierung des Schultags. Die Umsetzung des Ganztags unterscheidet sich in Grundschulen, nichtgymnasialen Schulen der Sekundarstufe I und Gymnasien. Erst die Hälfte der Schulen sieht für die wichtige Kooperation der Lehrkräfte und des weiteren pädagogischen Personals feste Kooperationszeiten vor.

Der Bericht betont die Vielfalt der Ganztagsschulen in den Ländern, sei es in Bezug auf die Einbindung fachlicher Angebote, die Öffnungszeiten oder die Verbindlichkeit der Teilnahme. Ganztagsschulen würden „kaum einheitlich definiert und umgesetzt“. In den neuen Ländern, wo der Ganztagsbetrieb häufig in Kooperation mit Horten erfolgt, sind die Teilnahmequoten höher und die Öffnungszeiten länger, Unterricht und Angebote stärker verknüpft und die Lehrkräfte mehr in den Ganztag eingebunden. In den westdeutschen Flächenländern wiederum ist mehr weiteres pädagogisches Personal tätig und mehr Kooperationszeit vorhanden.

An der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" beteiligen sich seit 2012 alle 16 Bundesländer. Die Ergebnisse der vertiefenden Untersuchungen zur Qualität und Wirksamkeit der Angebote werden in einer Broschüre veröffentlicht.

Ergebnisse der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen 2005 bis 2011

Chancengerechtigkeit

Ganztagsschulen haben besonders Musik-, Kunst-, Sport und freizeitbezogene Angebote ausgebaut und bieten flächendeckend Hausaufgabenbetreuung an.

Die Nutzung außerschulischer Freizeit- und Bildungsangebote wird durch die Teilnahme am Ganztag weniger beeinträchtigt, als oft vermutet. Weder Sport-, Musik- noch Jugendkunstschulen haben einen nennenswerten Rückgang durch den Ganztagsbetrieb. Es zeichnet sich sogar ein "Anwerbeeffekt" ab.

Sport- und Musikangeboten in Ganztagsschulen gelingt es zunehmend, neue Zielgruppen zu erreichen. Gegenüber Sportvereinen, Musik- und Kunstschulen sind schulische Ganztagsangebote weniger selektiv. Schülerinnen und Schüler, die bereits während ihrer Grundschulzeit ein Ganztagsangebot nutzten, greifen später auf dieses Angebot tendenziell häufiger zurück.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Ganztagsschulen, die Kindern vielfältige Bildungs- und Entwicklungschancen bieten, unterstützen auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, besonders die Erwerbstätigkeit von Müttern. StEG untermauert diese arbeitsmarkt- und familienpolitische Bedeutung der Ganztagsschule, die besonders von Kindern erwerbstätiger Eltern und Alleinerziehender genutzt wird.

2009 nahmen an den Ganztagsangeboten in Grundschulen rund 80 Prozent der Kinder, deren Mütter in Vollzeit arbeiten, teil; bei Teilzeitbeschäftigung lag die Teilnahme immer noch bei knapp 67 Prozent. Ein beträchtlicher Teil der Eltern schreibt den Ganztagsangeboten eine über die Betreuung hinausgehende Unterstützungsfunktion zu. Vor allem ressourcenärmere Familien fühlen sich durch Ganztagsangebote entlastet - mit positiven Wirkungen für das Familienklima.

In der Grundschule nutzen Kinder aus Familien mit dem höchsten sozioökonomischen Status häufiger Ganztagsangebote als Kinder aus sozial weniger privilegierten Familien, Kinder mit Migrationshintergrund nehmen etwas weniger am Ganztag teil als Kinder ohne Migrationshintergrund. Ab der 5. Jahrgangsstufe gleichen sich die Unterschiede aus. 

Qualität des Ganztagsangebotes ist entscheidend

Die Nutzung von Ganztagsangeboten ist von individuellen Merkmalen der Schülerinnen und Schüler und von den Kontextbedingungen der Schulen abhängig. Entscheidend ist die Qualität der Ganztagsangebote, wobei die Teilnahmezahlen wiederum Rückwirkungen auf die Angebotsbreite und -qualität haben.

Die "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG" (2016-2019) wird unter Beteiligung aller 16 Länder weiter die Qualität und die Wirkungen der Ganztagsangebote untersuchen, die auch eine Voraussetzung für die Akzeptanz und Nutzung sind. Gefragt wird, wie erfolgreiche Ganztagsangebote optimal gestaltet werden können und welche spezifischen Organisationsfaktoren sich positiv auf die individuelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler auswirken. Die weitere Förderung der Studie bietet die einmalige Gelegenheit, eine bildungspolitische Maßnahme von ihrer Einführung an empirisch zu begleiten, um Entwicklungspotenziale genau zu bestimmen. Die Ergebnisse sind wichtig für die Weiterentwicklung unseres Bildungssystems insgesamt.

Die Länder haben mit eigenen Landesprogrammen den quantitativen und qualitativen Ausbau von Ganztagsschulen in den Mittelpunkt ihrer Bildungspolitik gerückt und sich dabei ehrgeizige Ziele für die nächsten Jahre gesetzt.