Gastbeitrag: Leute von Unterleuten

Juli Zehs Roman ist ein tragikomisches Zeitbild für Ostler und Wessis. Ein Gastbeitrag von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vom 18. Juni 2017

Juli Zeh hat einen, wenn nicht den packendsten deutschen Gegenwartsroman der letzten Jahre geschrieben. Die westdeutsche preisgekrönte Schriftstellerin und Juristin, die aus der tiefsten Brandenburger Provinz berichtet. Die sich nicht anmaßt, über die DDR-Vergangenheit zu richten, es besser zu wissen. Und die es schafft, ein nahezu tragikomisches Zeitbild zu zeichnen, das Ostdeutschen wie Westdeutschen gerecht wird, ihnen gleichermaßen den Spiegel vorhält, wie sie ringen und suchen, um den richtigen Weg in die Zukunft finden.

Doch worum geht es auf 639 Seiten Handlung in dem fiktiven Unterleuten? Da ist natürlich zuvörderst das Dorf, das von der Landwirtschaft lebt, so wie schon vor dem Krieg, während der DDR und in den unsentimentalen Jahren nach der Wende. Idyllisch war und ist es in Unterleuten nie, auch wenn der Blick über Felder und Wiesen weit ist. Aber das Leben auf dem Land ist höchstens für diejenigen romantisch, die nicht vom Land  leben müssen. Daran lässt Zeh keinen Zweifel aufkommen.

Die wahren Unterleutener wissen das schon immer, nur die Zugereisten, die Wessis, die müssen es erst brutal lernen. Da flieht am Ende die neu zugezogene Pferdetrainerin, die in Unterleuten eigentlich eine Zucht aufbauen will. Da scheitert aber auch das wirtschaftliche Kraftpaket, der massige Patron der Gemeinde, an seinen menschlichen Abgründen. Was aus dem von ihm geführten landwirtschaftlichen Betrieb, der   einst eine LPG und noch früher der Großgrundbesitz seiner Vorfahren war, wird, bleibt offen. Nur der Windpark, der der Gemeinde ein wenig Geld bescheren könnte, der kommt.

Die Autorin beschreibt die Menschen, ihre Arbeit, ihr Hoffen und ihre Ängste ohne zu urteilen. Der Leser kann ihr dafür danken. Natürlich und vor allem geht es in Unterleuten aber um Lebensentwürfe, um Freundschaften, Allianzen und nicht zuletzt um Feindschaft, die vor nichts zurückschreckt. Denn Hass und Gewalt sind in der kleinen Gemeinschaft derjenigen, die schon immer in Unterleuten gelebt haben, und jenen, die neu hinzugekommen sind, fast schon archaisch. Die Menschen werden nicht besser, nur weil sie sich kennen. Sie wissen nur genauer, wie sie einander wehtun können. Auch das ist eine unbequeme Erkenntnis, die Juli Zeh ihren Lesern präsentiert.

Und doch ist das Buch auch komisch. Etwa wenn der intellektuell salbadernde alternde Unidozent seiner jungen Frau ein ländliches Idyll erschaffen will und in seiner Rechthaberei als Vertreter der Naturschutzbehörde meint, endlich der Welt zeigen zu können, was wirklich in ihm steckt. Oder wenn der Konflikt um ständig lärmende Rasenmäher über das Wegerecht und überlaufende Toiletten gelöst wird. Denn eins ist klar: In Unterleuten bleibt man unter sich. Konflikte werden vor Ort und nicht durch irgendwelche Institutionen von außen gelöst. Unterleuten ist gewissermaßen die Welt - mehr braucht es nicht.

Juli Zeh lässt eine Erzählerin zu Wort kommen - genauso fiktiv wie Unterleuten. Durchaus ironisch gibt sie da auch gleich noch der Medienwelt einen Hieb mit. Denn aus einer Recherche über einen kurios gruseligen Todesfall, mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, wird nicht die angestrebte Magazingeschichte, sondern gleich ein ganzer Roman. Wie gut, dass es immer noch Leute gibt, die sich mit dem oberflächlichen Schein nicht abfinden, sondern tiefer wühlen und ihre Worte zu setzen wissen. Denn langweilig, das gilt für den Text der fiktiven Erzählerin wie der wahren Autorin, ist Unterleuten an keiner Stelle. Und wer nicht nur eine gute Geschichte, sondern ein richtig gutes Buch lesen will, der ist hier richtig. Vielleicht ist es ja erst der Auftakt zu einer neuen, gesamtdeutschen Literatur. Es täte dem Literaturbetrieb gut - und ich würde mich darauf freuen.