Geschichten aus der Zukunft

Kleine, fiktive Geschichten erzählen, wie der Alltag im Jahr 2030 aussehen könnte.

Die „Geschichten aus der Zukunft“ verbinden abschließend mögliche Entwicklungen in der Gesellschaft mit Perspektiven aus Forschung und Technologie. Es werden fiktive Situationen in Alltag, Beruf, Wissenschaft, Bildung und Politik für das Jahr 2030 beschrieben. So werden mögliche Entwicklungen und Herausforderungen für die Forschungs- und Innovationspolitik besser verständlich. Dies kann als Ausgangspunkt und Inspiration für weitere Diskussionen über die Zukunft dienen.

Deutschland Selbermachen

Immer mehr Bürgerinnen und Bürger erfinden, fabrizieren, programmieren, modifizieren und reparieren Dinge für sich und andere, statt sie neu zu kaufen. Bis 2030 ist es denkbar, dass freiberufliches Selbermachen eine wichtige Komponente des Wirtschaftens darstellt. Traditionelle praktische Fähigkeiten wie Schneidern, Schustern, Töpfern oder Schweißen könnten in einer solchen Wissens- und Könnensgesellschaft wieder einen hohen Stellenwert gewinnen und sich mit neuen technischen Kompetenzen wie Computerprogrammierung und 3-D-Drucken verbinden. Dies kann Personalisierung und Nachhaltigkeit von Produkten verbessern sowie Selbstverwirklichung, Bildung und sozialen Zusammenhalt stärken und damit zur Entwicklung einer nachhaltigen und wettbewerbsfähigen Wirtschaft beitragen. Allerdings ist es auch möglich, dass Probleme bei der Sicherung von Produktqualität, Sicherheit, Arbeitsschutz und Effizienz auftreten. Geeignete Infrastrukturen und Kompetenzen sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung. Heute etablierte Unternehmen sind herausgefordert, sich zu einer möglichen „Selbermachwirtschaft“ mit ihrem fließenden Übergang vom Produzenten zum Konsumenten zu positionieren.

Selbstbeobachtung und Wohlergehens-Kompetenz

Das wachsende Interesse von Bürgerinnen und Bürgern, ihren Körper bewusster wahrzunehmen, eröffnet Ansatzpunkte, eine neue, sogenannte Wohlergehens-Kompetenz zu fördern und zu etablieren. Wohlergehens-Kompetenz bezeichnet das Wissen und das persönliche Empfinden, was gut tut und was nicht. Zukünftig wird persönliche Intuition noch stärker mit  technisch unterstützter Selbstbeobachtung des Körpers zusammentreffen. Daten zu Körperfunktionen werden durch Sensoren in Kleidung oder Mobilgeräten kontinuierlich erfasst und aufbereitet. Sowohl die Qualität als auch die Quantität der Daten wird durch neue technologische Entwicklungen kontinuierlich steigen, sodass nicht nur einfache Körperdaten wie der Puls gemessen werden können, sondern auch komplexere Daten wie Hormonhaushalt, Hautwiderstand oder Blutdruck. Selbst medizinisch komplexe Wirkzusammenhänge zwischen Lebensweise und Gesundheit werden dadurch für viele Bürgerinnen und Bürger einfacher zu erkennen und zu verstehen sein.

Arbeitskollege Computer

Computer und autonome Roboter werden 2030 in der Lage sein, immer mehr menschliche Tätigkeiten zu unterstützen bzw. zu übernehmen. Sie führen dann nicht nur komplizierte Produktionsschritte vollständig autonom durch, sondern übernehmen auch Denktätigkeiten sowie Beratungs- oder Serviceleistungen von Wissensarbeitern bzw. Dienstleistern. Auf der einen Seite ergeben sich daraus neue wirtschaftliche Chancen für Deutschland und die Konkurrenzfähigkeit gegenüber „Niedriglohnländern“. Darüber hinaus können Entwicklungen in der Automatisierung sowohl ein Ansatz gegen den Fachkräftemangel sein als auch Entlastungen für Bürgerinnen und Bürger mit sich bringen. Auf der anderen Seite sind bei typischen Angestelltentätigkeiten Veränderungen denkbar, die mit dem Wandel von Tätigkeiten in der gewerblichen Produktion im Zuge der industriellen Revolution vergleichbar sind.

Bildung für alle

Modernste Informations- und Kommunikationstechnologien, digital verfügbares Wissen sowie neue Mensch-Maschine-Schnittstellen, etwa Weiterentwicklungen der Datenbrillen oder 3-D-Displays, sind dazu imstande, die globale Bildungslandschaft im Jahr 2030 zu prägen. Durch ein weites Spektrum digitaler und virtueller Medien in der Bildung wird es möglich sein, Bildungsangebote noch einfacher in Anspruch zu nehmen. Wer über ausreichende digitale und mediale Kompetenzen sowie die Bereitschaft verfügt, neue Technologien zu nutzen, könnte voraussichtlich aus einer fast unüberschaubaren Fülle an Bildungsangeboten wählen.

Lokal handeln - global kooperieren

Schwellenländer galten bisher als die „Werkbänke der Globalisierung“. In Zukunft entwickeln sie sich mehr und mehr zu Denkfabriken und Drehscheiben der Innovation, denn speziell die asiatischen Schwellenländer bilden deutlich mehr Naturwissenschaftler und Ingenieure aus als die USA und Europa. Zusätzlich ver-folgen viele dieser Länder nationale Strategien zur Förderung von Innovation und Wachstum, die neben der Bildungs- und Forschungspolitik auch Aspekte wie Steuern, Handel, Industriepolitik, Standards und öffentliche Beschaffung umfasst. Mit dieser räumlichen Verschiebung der Innovationszentren könnte sich die Qualität und Form von Innovation verändern. Neue Massenmärkte entstehen etwa in den schnell wachsenden asiatischen und afrikanischen Metropolen. Diese Märkte könnten beispielsweise durch frugale Innovation erschlossen werden. Das sind Innovationen, die sich stark an den ortsspezifischen Bedarfen und den teils eingeschränkten Produktionsmitteln orientieren. Dadurch können sich auch Chancen für neue partnerschaftliche Formen globaler Arbeitsteilung und fairer Wertschöpfungsketten eröffnen. Faire Wert-schöpfung könnte künftig aus ihrem Nischendasein treten und zur Grundlage einer zukunftsfähigen Strate-gie für einen stabilen und einvernehmlichen Zugang zu Märkten und Ressourcen werden.

Datenintensive Governance

Die Schnelligkeit (und Schnelllebigkeit) der Datenerhebung, der Detailierungsgrad der Daten sowie ihre wachsenden Kombinationsmöglichkeiten beinflussen Governance-Prozesse  auf praktisch allen Ebenen: von der städtischen und kommunalen über die Landes- und Bundesebene bis zur internationalen und globalen Ebene. Mit Hilfe zukünftiger großzahliger Analysen  können Daten, die aus der Wirtschaft, der elektronischen Verwaltung oder der Umweltforschung in Echtzeit erhoben und kombiniert werden,  Regierungshandeln effizienter machen. Sprach- und Telepräsenztechnologien können dabei zur sozialen Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern in Governance-Prozesse beitragen. Weil Daten immer auch verstanden und gedeutet werden müssen, könnte eine künftige Datenflut Governance-Abläufe aber auch komplizierter machen und unter Umständen bremsen. Sehr große und komplexe Datenmengen werden in urbanen Regionen erwartet, in denen bis 2030 rund 60 Prozent der Weltbevölkerung leben wird. Städte können somit zu Vorreitern und „Globallaboren“ datenintensiver Governance werden.

Gemeinsam experimentieren für Zukunftslösungen

Immer mehr Menschen sind sich einig: Lösungsansätze für dringende gesellschaftliche Bedarfe können nur dann entstehen, wenn neue Formen des Miteinanders mit neuen Technologien verknüpft werden. Solche Verknüpfungen entstehen nur dadurch, dass die verschiedenen beteiligten Gruppen immer wieder verhandeln und gemeinsam experimentieren, welche Wege zur Lösung führen. Wie könnten „Lösungslabo-re“ aussehen, in denen eine solche Forschung stattfinden kann?

Kollaborativ-Wirtschaft

Durch die Verbreitung von Internet und Smartphones und die zunehmende Digitalisierung von Inhalten wird es seit Langem einfacher und billiger, über weite Entfernungen hinweg Kontakte zu knüpfen, Aktivitäten zu koordinieren und Wissen gemeinsam weiterzuentwickeln. Dadurch gewinnen uralte Gepflogenheiten wie Teilen, Schenken, Nachbarschaftshilfe und Tauschen weit über das unmittelbare Umfeld hinaus an Reich-weite und Vielfalt. Schon jetzt beteiligen sich immer mehr Menschen als Anbieter und Nutzer verschiedener Services im Internet – mit oder ohne Bezahlung und Vermittlung durch kommerzielle Plattformen. Die Grenze zwischen Unternehmer und Kunden, Produzent und Konsument wird zunehmend fließend. Auf der einen Seite winken viele Vorteile, allen voran eine effizientere Nutzung von Ressourcen. Auf der anderen Seite entstehen Konflikte zwischen verschiedenen Interessen. Noch ist unklar, welche Formen sich durch-setzen und welche Bereiche sich verändern werden. Wie könnte eine „Kollaborativ-Wirtschaft“ im Jahr 2030 aussehen, in der Zugangsnutzung statt Besitz im Mittelpunkt steht? Wie eine Gesellschaft, der es gelungen ist, die Chancen der neuen Koordinationsmöglichkeiten zu nutzen? Was sind die Infrastrukturen einer gemeinwohlorientierten Kollaborativ-Wirtschaft?

Privatsphäre im Wandel

Das Verständnis von Privatsphäre wird sich in Zukunft grundlegend wandeln. Durch die zunehmende Digitalisierung unseres Alltages und neue technologische Anwendungen werden im Jahr 2030 viele Lebensbereiche und Tätigkeiten komfortabler und sicherer. Eine intelligente häusliche Umgebung etwa wird durch die Vernetzung von Haushaltsgegenständen den alltäglichen Organisationsaufwand reduzieren. Durch die Sensoren dieser Geräte lassen sich allerdings im sogenannten Outernet zahlreiche persönliche Daten generieren und beispielsweise an die Gerätehersteller senden. In Städten und Fußgängerzonen werden automatisierte Sicherheitsschleusen und öffentliche Kameras in Zukunft imstande sein, für mehr Sicherheit zu sorgen. Zu viele Sicherheitskontrollen dagegen können wiederum als Belästigung empfunden werden. Denkbar ist darüber hinaus, dass Bürgerinnen und Bürger durch private Kameras auf Schritt und Tritt begleitet werden; private Videoaufzeichnungen könnten daraufhin ungewollt weltweit ins Internet gelangen. Möglich wäre dann, mittels Gesichtserkennung jedes Bildmaterial durch gewöhnliche Suchmaschinen nach bestimmten Personen zu durchsuchen und individuelle Bewegungsprofile zu erstellen.