Gesund - ein Leben lang

Wenn wir Prävention und Versorgung verbessern wollen, müssen wir einzelne Bevölkerungsgruppen in den Blick nehmen: Kinder und Alte, Frauen und Männer, Berufstätige. Das Bundesforschungsministerium startet darum eine neue Förderung.

Die Gesundheitsforschung in Deutschland ist erfolgreich: Zahlreiche Krankheiten werden durch die Arbeit der Forscherinnen und Forscher immer besser verstanden und therapierbar. Nun ist es wichtig, sich stärker auf einzelne Bevölkerungsgruppen und Lebensphasen zu konzentrieren. Darum stellt das Bundesforschungsministerium mit dem neuen Förderkonzept "Gesund - ein Leben lang" bis ins Jahr 2021 rund 100 Millionen Euro zur Verfügung. Der Epidemiologe Tobias Kurth, der dem Begleitkreis der Förderinitiative vorstehen wird, erklärt im Interview mit bmbf.de, warum dieser Förderansatz so wichtig ist.

"Wichtig ist vor allem, dass die Ergebnisse der Initiative direkt der Bevölkerung zu Gute kommen": Prof. Dr. Tobias Kurth © BMBF/Hans-Joachim Rickel

bmbf.de: Herr Professor Kurth, die neue Förderinitiative des Bundesforschungsministeriums „Gesund – ein Leben lang“ nimmt einzelne Bevölkerungsgruppen und Lebensphasen in den Blick. Was genau bedeutet das?

Tobias Kurth, Vorsitzender des Begleitkreises zur Förderinitiative

Der Epidemiologe Tobias Kurth ist ab Januar 2016 Direktor des Instituts für Public Health an der Charité Universitätsmedizin Berlin und wird der Vorsitzende des Begleitkreises sein, den das Bundesforschungsministerium zu der Förderinitiative einrichtet.

Tobias Kurth: Wenn wir Prävention und Versorgung nachhaltig und über die gesamte Lebensspanne verbessern wollen, müssen wir uns zum einen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zuwenden: Kindern, Berufstätigen, verschiedenen Altersgruppen, den Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Zum anderen müssen wir wichtige Phasen des Lebens jeweils besonders betrachten: den Beginn der Schulzeit, das Eintreten in die Arbeitswelt,  den möglichen plötzlichen Verlust unseres Arbeitsplatzes oder den Eintritt ins Rentenalter. Klar ist zum Beispiel, dass sich Risikofaktoren in frühen Lebensjahren anders verteilen und eine andere Auswirkung haben als im späteren Leben – etwa die viel zu hohe Einnahme von Zucker bei Kindern und Jugendlichen. Die Förderinitiative  wird hier neue Forschungsschwerpunkte anbieten.

Ist es nicht naheliegend, dass man zwischen Kindern und Alten unterscheidet?

Sicher, es geht hier aber um ganze Prozesse, nicht um Krankheiten, die isoliert zu betrachten sind. Im höheren Alter werden uns zum Beispiel mehr und mehr sogenannte chronische Krankheitszustände begleiten, wie etwa chronische Herzerkrankungen, Stoffwechselstörungen oder Nierenerkrankungen. Da die Menschen immer älter werden, wissen wir aber oft noch gar nicht, ob manche chronischen Zustände tatsächlich als Krankheit verstanden werden müssen - oder ob sie nicht einfach zu dieser Phase unseres Lebens dazu gehören. Heute werden sogenannte chronische Erkrankungen oft an bestimmten Messwerten festgemacht, die aber nicht unbedingt Einfluss auf unser Wohlbefinden oder unsere Lebensqualität haben. Es geht aber auch darum, ein vernünftiges Maß zu finden, das sowohl die Überversorgung  - also zum Beispiel zu viele Arztbesuche, zu viel Einnahme von Medikamenten -  als auch die Unterversorgung adressiert.

Wie ist es mit Frauen und Männern?

Hier gibt es sehr viele Unterschiede, die berücksichtigt werden müssen. Natürlich gibt es zum Beispiel schwangerschaftsspezifische Risiken, es gibt aber auch Unterschiede bei Herzkreislauferkrankungen oder Depressionen – sie können bei Frauen und Männern jeweils in einem anderen Alter auftreten, können andere Ursachen haben und mit unterschiedlichen Behandlungsstrategien einhergehen.  Ein Herzinfarkt kann sich bei Frauen mit ganz anderen Symptomen äußern als bei Männern. Oder: Im Alter stürzen Frauen häufiger als Männer. Prävention kann eine größere Wirkung entfalten, wenn sie solche Unterschiede berücksichtigt.

Eine Gruppe sind auch die Einwanderer und Flüchtlinge.

Ja, das ist ein wichtiger Punkt für die Forschung. Sicher wird er auch in den Projekten der Förderinitiative adressiert. Das Problem ist weniger, dass nun in Deutschland vermehrt Erkrankungen auftreten, die wir in unseren Breitengraden eigentlich kaum sehen. Vielmehr geht es vor allem um  psychische und physische Belastungen, die durch Trauma, Flucht und Heimatverlust entstanden sind. Ein wichtiger Aspekt wird auch die Kommunikation sein - die ja nicht nur die Sprache als solche mit einschließt, deutsch oder arabisch zum Beispiel, sondern auch das Verständnis darüber, wie Gesundheit und Lebensqualität wahrgenommen werden.

Warum ist es so wichtig, dass das Bundesforschungsministerium gerade diesen Forschungsansatz fördert?

Die neue Förderinitiative muss als ein Gesamtkonzept verstanden werden, das sich nicht nur mit einzelnen Risikogruppen oder Risikofaktoren beschäftigt, sondern wichtige Prozesse in den verschiedenen Lebensphasen und in verschiedenen Bevölkerungsgruppen untersucht. Um die Initiative vorzubereiten, wurden sehr bewusst Experten aus verschiedenen Gebieten befragt - aus Bevölkerungsforschung, Medizin, Psychologie, Soziologie, Ökonomie und Gesundheitskommunikation. Spannend ist, dass hier der Fokus von Krankheit zur Gesundheit verlagert wird, dass Krankheit also etwas ist, das wir durch Prävention oft verhindern können. Wichtig ist vor allem, dass die Ergebnisse der Initiative direkt der Bevölkerung zu Gute kommen.

Sie sind Epidemiologe, beschäftigen sich also mit den Ursachen und Folgen von Krankheiten in der gesamten Bevölkerung.

Ja, die Epidemiologie ist ein für mich faszinierendes Fach, das rasch zu einer großen Leidenschaft geworden ist. Mich begeistert, dass nicht nur das Individuum, sondern ganze Bevölkerungsgruppen in der Forschung wahrgenommen werden. Wenn es gelingt, Zusammenhänge aufzudecken und Lösungsaspekte aufzuzeigen, können viele Menschen davon profitieren.

Was ist der Schwerpunkt Ihrer Forschung?

Meine persönliche Forschung beschäftigt sich hauptsächlich mit der Interaktion zwischen Erkrankungen des Nerven- und des Gefäßsystems - aber auch mit Wirkungen und Nebenwirkungen von bestimmten Medikamenten. Zum Beispiel hat meine Arbeitsgruppe den Zusammenhang zwischen Migräne und Herzkreislauferkrankungen beschrieben, vor allem mit Herzinfarkt.