Gesundheitsforschung und IT-Infrastruktur: wo besteht Handlungsbedarf?

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte, anlässlich des Frühjahrsforums der Deutschen Universitätsmedizin in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Professor Albrecht,
Sehr geehrter Professor Kroemer,
Sehr geehrter Herr Dr. Wissing,
Sehr geehrter Herr Heyder,
sehr verehrten Damen und Herren!

„Dr. Algorithmus erwartet Sie. Wird künstliche Intelligenz den Arzt ersetzen, wenn es um die richtige Diagnose geht?“ titelt der New Yorker am 03. April 2017. Die Zahlen sprechen dafür: Eine Dermatologin wird in ihrem Leben 200 000 Fälle sehen. Ein kürzlich in Stanford entwickelter Algorithmus lernt an 130 000 Fällen in drei Monaten. Und während jede neu auszubildende Dermatologin wieder bei Null anfängt, lernt der Algorithmus einfach immer weiter. Werden Computer also bald die besseren Ärzte sein?

Über eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen Arzt und Computer wird in Fachkreisen, in der Presse und in den sozialen Medien intensiv diskutiert. Der anhaltende öffentliche Diskurs zeigt vor allem eins: die IT-Infrastruktur unseres Gesundheitssystems ist ein Thema, das jeden Einzelnen von uns ganz unmittelbar betrifft.

Es ist auch ein Thema, das entscheidend für die Leistungsfähigkeit des Forschungs- und Innovationsstandorts Deutschland sein wird. Ich freue mich, heute mit Ihnen über dieses so wichtige Thema zu sprechen und bedanke mich herzlich für die Einladung.

Meine Damen und Herren! Es scheint paradox: Die „digitale Revolution“ ist in aller Munde - gleichzeitig laufen in Deutschland jeden Tag unzählige Patienten mit handgeschriebenen Zetteln, Kopien oder Röntgenbildern von einem Arzt zum anderen. Ich meine: Eine hochwertige Gesundheitsversorgung sollte allerorts für den Patienten verfügbar sein, in Teilen sogar „smartphone-kompatibel“ werden.

Die Chancen eines digital vernetzten Gesundheitssystems liegen auf der Hand: Es garantiert flächendeckend eine hohe Behandlungsqualität, unabhängig vom Wohnort. Es bietet Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, sich aktiver als bisher in die eigene Gesundheitsversorgung einzubringen. Und – auch davon bin ich überzeugt - es ermöglicht eine schnellere Diagnostik und wirkungsvollere, maßgeschneiderte Therapien. Denn die Digitalisierung macht medizinisches Wissen und wertvolle Gesundheitsdaten verfügbar und nutzbar.

Diese Chancen müssen wir nutzen – zum Wohle der Patientinnen und Patienten und auch, um in einem wichtigen Zukunftsfeld nicht den Anschluss zu verlieren. Von Prof. Dan Roden haben wir gerade spannende Impulse zur Lage in den USA erhalten.

Im Bundesministerium für Bildung und Forschung haben wir in den letzten Jahren die Grundlagen für eine moderne, digital vernetzte Medizin gelegt und wir setzen uns weiterhin intensiv dafür ein.

Wir unterstützen die Entwicklung neuer Methoden, um die gewaltigen Mengen an Daten überhaupt auswerten zu können. Dafür haben wir 2014 zwei Big-Data-Kompetenzzentren gegründet und 2015 das Deutsche Netzwerk für Bioinformatikinfrastruktur etabliert.

Allein für die Förderung der Systemmedizin stellen wir bis 2020 rund 200 Mio. Euro zur Verfügung. Was mir aber viel wichtiger ist als Fördersummen: Die Ergebnisse unserer Förderung zeigen, dass intelligente Datenanalyse Leben retten kann. So hat ein Forscherteam der Universität Köln – nach Analyse großer Datenmengen - einen Gentest für Lungenkrebs entwickelt. Die Lebenserwartung der Betroffenen erhöht sich dadurch um durchschnittlich zwei Jahre – Grund genug für die AOK, die Kosten für die Untersuchung zu übernehmen.

Auch die Fortschritte in der Telemedizin sind eindrucksvoll. Es konnte gezeigt werden, dass telemedizinische Betreuung bei Herzpatienten die Überlebensrate erhöhen und die Zahl der Krankenhauseinweisungen senken kann. Wir unterstützen mit dem Projekt FONTANE eine groß angelegte Studie in diesem Bereich.

Das Projekt befindet sich in der Endphase und hat gute Perspektiven in die Regelversorgung Einzug zu halten.

Deutschland ist ein weltweit führender Anbieter von Medizintechnik. Wir wollen, dass das so bleibt. Und wir wollen die Innovationskraft der Medizintechnik-Branche nachhaltig stärken.

Die Erforschung und Entwicklung medizintechnischer Lösungen für die digitale Gesundheitsversorgung treiben wir mit einer eigenen Fördermaßnahme voran. Derzeit werden 15 Verbundprojekte unter Beteiligung von Wirtschaft, Wissenschaft und Versorgern  mit ca. 20 Mio. € unterstützt. Wegen der hohen Resonanz haben wir im Juni letzten Jahres eine zweite Runde bekannt gegeben, die Projekte werden im Herbst dieses Jahres starten.

Die Medizintechnik haben wir darüber hinaus als elementaren Bereich im Forschungsrahmenprogramm zur IT-Sicherheit der Bundesregierung verankert. Wie wichtig das ist zeigt ein Beispiel aus dem Februar des vergangenen Jahres: Ein Computervirus hatte ein Krankenhaus in Deutschland für viele Stunden lahmgelegt. Der entstandene Schaden wird auf eine Million Euro geschätzt. Ausgelöst wurde der Vorfall durch einen infizierten Anhang an einer E-Mail. Auch weitere Krankenhäuser waren davon betroffen. Bis heute, ein Jahr nach dem Vorfall, sind die Täter immer noch nicht gefasst.

Um solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern, brauchen wir kreative und grundlegende Forschung. Unser oberstes Ziel muss dabei die Sicherheit der Patientinnen und Patienten sein. Das Leuchtturmprojekt OR.NET ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Informations- und Kommunikationstechnologien die Medizintechnik revolutionieren. Vor allem aber ist OR.NET ein Beispiel für sichere Kommunikation im Operationssaal: 41 Partner haben mehr als 3 Jahre lang geforscht, um eine sichere und dynamische Vernetzung in Operationssaal und Klinik zu ermöglichen. Die Initiative war so erfolgreich, dass sich am Ende rund 50 weitere Organisationen aus Forschung, Klinik, Standardisierung und Industrie dem Projekt als assoziierte Partner angeschlossen haben. Aus dem Vorhaben wurde ein internationaler Standard zur Kommunikation zwischen Medizingeräten angestoßen.

Meine Damen und Herren, sind wir also auf dem besten Weg zu einer wirkungsvollen, digital vernetzten Medizin? 

Eine erste Standortbestimmung haben Sie mit dem Titel dieser Veranstaltung bereits vorgenommen. Sie sagen: Den Sprung ins 21. Jahrhundert haben wir noch nicht geschafft – obwohl wir uns ja schon darin befinden. Eine Studie im Auftrag der Europäischen Kommission bestätigt diesen Eindruck: Deutsche Kliniken haben im europäischen Vergleich Nachholbedarf. Sie haben nur sehr vereinzelt, zu 4 %, rein elektronische, papierlose Prozesse eingeführt. Andere EU-Staaten sind da schon viel weiter. Nur 6 % der deutschen Kliniken mit Akutversorgung sind mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens vernetzt - in den skandinavischen Ländern sind es um die 50 %.

Die Unternehmensberatung Accenture schlussfolgert in einer ihrer Studien, dass IT-Instrumente in Deutschland zwar weit verbreitet sind, jedoch im Wesentlichen für administrative Zwecke genutzt werden. Die Verbesserung klinischer Prozesse spiele hingegen eine untergeordnete Rolle.

Meine Damen und Herren! Wir beobachten in Deutschland eine starke Diskrepanz zwischen dem, was möglich scheint und dem, was in der Fläche Anwendung findet. Trotz aller Fortschritte, trotz zahlreicher erfolgreicher Pilotprojekte bleibt die digital vernetzte Medizin vorerst eine Zukunftsvision. Wo besteht also Handlungsbedarf?

Das haben wir auch intensiv mit unserem Expertenkreis des Hightech-Forums, dem Fachforum „Digitalisierung und Gesundheit“, diskutiert. Es wurde 2015 ins Leben gerufen, um Zukunftsszenarien und Handlungsempfehlungen für die Medizin im Jahr 2030 zu erarbeiten. Das Ergebnis ist ein starkes Bekenntnis zur Digitalisierung, wörtlich: „Die Zukunft der Medizin ist digital“.

Auch das Fachforum betont: wir sollen den Ausbau der Präzisionsmedizin weiter intensiv vorantreiben, die Weiterentwicklung von Methoden für die intelligente Datenanalyse forcieren und die Entwicklung von digitalen Entscheidungshilfesystemen für Ärztinnen und Ärzte befördern.

Die Expertinnen und Experten mahnen aber auch an, der Datenzugang für die Gesundheitsforschung müsse verbessert werden. Für die Entwicklung digitaler Entscheidungshilfesysteme sei ein möglichst umfassender Zugang der Forschung zu Versorgungs- und Gesundheitsdaten notwendig. Schließlich betonen sie die immer größer werdende Bedeutung von Vernetzung, Harmonisierung und Interoperabilität.

Meine Damen und Herren, ich glaube, dass die Expertinnen und Experten im Fachforum Digitalisierung und Gesundheit damit einige ganz zentrale Punkte herausgearbeitet haben. Denn mit der Digitalisierung verändern sich die Anforderungen an ein modernes Gesundheitssystem. Eine moderne Gesundheitsversorgung darf nicht an den Grenzen von Institutionen und Organisationen enden.

Sie wird auch nicht an Landesgrenzen Halt machen - dasselbe gilt für die moderne Gesundheitsforschung.

Wenn Deutschland eine Spitzenposition in der Entwicklung der digitalen Medizin einnehmen soll, dann benötigen wir leistungsfähige und international anschlussfähige IT-Infrastrukturen. Das erreichen wir nur mit weitreichender Vernetzung, konsequenter Standardisierung und Harmonisierung. Dazu gehört  auch, dass Forschungs- und Patientendaten standardisiert und qualitätsgesichert vorgehalten werden. 

Im Jahr 2015 haben wir mit der Veröffentlichung des Förderkonzepts Medizininformatik einen starken Impuls für Datenverfügbarkeit,  Vernetzung und Harmonisierung gesetzt.

Es ist richtig, dass hier in den nächsten Jahren noch viel getan werden muss. Ein Blick auf die internationalen Wettbewerber in der Gesundheits-IT, – etwa IBM, Apple oder Google -  zeigt aber auch, dass wir es nicht leisten können, viel Zeit zu verlieren.

Entsprechend ambitioniert sind unsere Ziele.

Ziel des Förderkonzepts Medizininformatik ist es, die Nutzung von Daten aus Krankenversorgung, klinischer und biomedizinischer Forschung über die Grenzen von Institutionen und Standorten hinweg zu ermöglichen. Das Förderkonzept ist langfristig angelegt, soll aber zeitnah messbare Erfolge für Ärzte, Forscher und Patienten bringen.

Allein in der ersten Phase bis Ende 2021 stellen wir dafür rund 100 Millionen Euro zur Verfügung. Wir unterstützen leistungsstarke, branchenübergreifende Konsortien aus mindestens zwei Universitätskliniken und ihren Partnern – viele von Ihnen, meine Damen und Herren, engagieren sich in einem dieser Konsortien.

Eine Aufgabe der Konsortien wird es sein, geeignete technische und organisatorische Rahmenbedingungen für die effiziente Nutzung von Forschungs- und Versorgungsdaten zu schaffen. Dazu gehört, dass sich alle Beteiligten frühzeitig auf verbindliche Standards etwa für Datenformate und IT-Schnittstellen verständigen. Denn nur wenn Standardisierung und Harmonisierung in der Praxis konsequent umgesetzt und gelebt werden, können vorhandene Ressourcen effizient genutzt werden.

Eine zweite Aufgabe der Konsortien wird es sein, IT-Lösungen für konkrete medizinische Anwendungen zu entwickeln und einzusetzen - so soll der Mehrwert der gemeinsamen Datennutzung für Ärzte, Patienten und Forscher demonstriert werden.

Die erfolgreichen IT-Lösungen wollen wir nach 2021 in einer weiteren Förderphase in die breite Anwendung bringen und auf andere Kliniken oder ambulante Einrichtungen übertragen. Falls die erhofften Erfolge erzielt werden, sind wir als Bundesforschungsministerium bereit, uns weiterhin substanziell zu engagieren.

Meine Damen und Herren!

Das Förderkonzept Medizininformatik hat schon jetzt eine weitreichende Vernetzung angestoßen. An der aktuell laufenden Konzeptphase sind 28 Universitätskliniken und mehr als 30 universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen beteiligt. Auch die Industrie hat großes Interesse bekundet - zahlreiche Innovationstreiber aus den Branchen IT, Medizintechnik und Pharma gaben entsprechende Absichtserklärungen ab.

Das ist ein großer Erfolg und zugleich eine Chance. Sie erreichen in diesem Kreis eine kritische Masse, mit der Sie Standards im deutschen Gesundheitswesen setzen können.

Genau daran wurde in den letzten Monaten von vielen hier im Saal mit Hochdruck gearbeitet, etwa um einen gemeinsamen Standard für die Patienteneinwilligung, Grundregeln für die Datennutzung und Mindestanforderungen für die Interoperabilität zu definieren.

Die Ergebnisse der Konzeptphase können sich sehen lassen!  

Ganz wesentliche und verbindliche Vereinbarungen wurden bereits getroffen – diese gilt es nun umzusetzen.

Bleiben Sie weiterhin am Ball, suchen Sie Lösungen für die drängenden, noch offenen Fragen. Letztlich geht es hier nicht nur um das Förderkonzept Medizininformatik, sondern darum, als Deutsche Universitätsmedizin eine gemeinsame Arbeitsgrundlage zu schaffen, damit Sie international wettbewerbsfähig sein können.

Denn, wie gesagt: die Versorgung und die Forschung des 21. Jahrhunderts darf nicht mehr an den Grenzen von Institutionen und Organisationen enden.

Dies ist ein sehr spannender Moment im Prozess: Morgen, am 28. April, sind die Konsortien aufgefordert, ihre Anträge für die Aufbau- und Vernetzungsphase einzureichen – wir sind sehr neugierig auf Ihre Ideen und Pläne!

Eines bringt der wettbewerbliche Charakter des Förderkonzepts mit sich: Von den sieben in der Konzeptphase geförderten Konsortien werden nur einige den Sprung in die Aufbau- und Vernetzungsphase schaffen.  

Das Förderkonzept sieht aber eine Vielzahl von „Wiedereintrittspunkten“ vor. So sollen bereits in der Aufbau- und Vernetzungsphase schrittweise ergänzende Fördermodule starten. Nicht geförderte Universitätskliniken können und sollen sich geförderten Konsortien als Vernetzungspartner anschließen.

Mittelfristiges Ziel ist es, möglichst die gesamte Universitätsmedizin einzubinden – damit kämen wir unserer Vision von einem digital vernetzten Gesundheitssystem einen großen Schritt näher.

Meine Damen und Herren!

Es wäre zu kurz gegriffen, nur auf die technischen Anforderungen eines digital vernetzten Gesundheitssystems zu verweisen. Denn eine Antwort auf die Frage, warum es eine so große Diskrepanz zwischen dem technisch Machbaren und dem tagtäglich Gelebten gibt, liegt in den nicht-technischen Herausforderungen.

Eine konsequente Vernetzung und Harmonisierung erfordert ein Umdenken, ein Umorganisieren, einen Kulturwandel. Ich habe mir berichten lassen, dass bei einer gemeinsamen Sitzung der Medizininformatik-Konsortien geäußert wurde: „Dann lasst es uns doch einmal in aller Deutlichkeit sagen: Ja, wir werden Daten teilen!“. Selbstverständlich ist das noch lange nicht. Ich wage zu behaupten: Von der Kultur des Daten Teilens werden Sie den ein oder anderen Kollegen noch überzeugen und die Regeln hierfür verhandeln müssen.

Denn wenn moderne Gesundheits-IT mit herkömmlichen Prozessen verschmilzt, verändern sich Arbeitsabläufe in Praxen und Kliniken. Das erfordert Kommunikation, Change Management und Weiterbildungsangebote für viele Berufsgruppen im Gesundheitssystem. Dass Fachkräfte im Bereich Digitalisierung rar sind, beklagen Unternehmen und Forschungseinrichtungen gleichermaßen.

Deshalb setzen wir uns dafür ein, diese neuen Berufsbilder bekannter und attraktiver zu machen. Wir zeigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachdisziplinen, etwa der Informatik, der Mathematik, oder der Biologie, Karriereoptionen im Bereich der Data Sciences auf. Wir setzen uns für die Stärkung der Aus- und Weiterbildung in der Medizininformatik ein. Ein Beispiel: Im Rahmen des Förderkonzepts Medizininformatik bieten wir jeder beteiligten Hochschule die Förderung von zwei Nachwuchsgruppen an, wenn sie eine neue Professur für Medizininformatik einrichtet.

Und wir sorgen dafür, dass es attraktive Karrierewege für talentierte Nachwuchswissenschaftler gibt, etwa mit dem neuen Tenure-Track-Programm von Bund und Ländern: Der Bund stellt ab 2017 bis zu 1 Milliarde Euro bereit, um 1.000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren zu fördern. Für viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wird der Weg zur Professur dadurch erheblich transparenter und planbarer.

Meine Damen und Herren, eingangs habe ich gesagt: die IT-Infrastruktur unseres Gesundheitssystems ist ein Thema, das jeden Einzelnen von uns ganz unmittelbar betrifft.

Wenn die Patientinnen und Patienten aber von der Kultur des Datenteilens nicht überzeugt sind, dann bleibt die heutige Diskussion eine theoretische. Überzeugen wird man dann, wenn man transparent kommuniziert, zum Gespräch einlädt und einen klaren Mehrwert der eigenen Ideen demonstrieren kann.

Ich bin mir sicher, dass uns das gelingen kann. Denn die Patientinnen und Patienten wollen heute aktiv in die eigene Gesundheitsversorgung eingebunden werden.

Gesundheitskompetenz und die zunehmende Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen sind eine wichtige Grundlage für den Behandlungserfolg.

Meine Damen und Herren!

Es gehört auch Mut dazu, nicht nur über Zersplitterung und den langsamen Fortschritt in der digitalen Medizin zu klagen, sondern eigene Ideen zu entwickeln und diese offen zur Diskussion zu stellen. Die Universitätsmedizin, meine Damen und Herren, hat diese Initiative und diesen Mut bewiesen und dafür danke ich Ihnen herzlich.

Letzte Woche haben Sie, die Vertreter der Deutschen Hochschulmedizin, Ihre Zukunftsvision für ein digital vernetztes Gesundheitssystem vorgestellt. Diese Vision wird vom Verband der Universitätsklinika Deutschlands, dem Medizinischen Fakultätentag und auch von allen am Förderkonzept Medizininformatik beteiligten Konsortien getragen. Sie umfasst die Entwicklung und den flächendeckenden Einsatz einer „vernetzten, forschungskompatiblen elektronischen Patientenakte“.

Damit entwerfen Sie ein Bild einer Gesundheitsversorgung, die sich konsequent um den Patienten organisiert und ihn in den Mittelpunkt stellt: Falls der Patient zustimmt, könnten Ärztinnen und Ärzte sofort und ortsunabhängig auf relevante Daten und Informationen zugreifen.

So können Diagnosen schneller gestellt, Doppeluntersuchungen vermieden und Behandlungsfehler minimiert werden. Aber auch für die biomedizinische und die Versorgungforschung sind klinische Datensätze von großem Wert. Ihre systematische Auswertung erhöht beispielsweise die Chancen, seltene Erkrankungen und Komplikationen früher zu erkennen und zielgerichteter zu behandeln.

Der medizinische Nutzen einer solchen Entwicklung wäre für alle Beteiligten enorm. Die Patienten könnten gleich in doppelter Hinsicht profitieren: Zum einen unmittelbar durch eine verbesserte medizinische Versorgung, zum anderen indirekt durch neue Erkenntnisse, die aus der Forschung in die Versorgung zurückfließen.

Ich begrüße diese Initiative der Universitätsmedizin und ihrer Partner nachdrücklich. Es freut mich zu sehen, dass unser Förderkonzept Medizininformatik dazu geführt hat, über die unmittelbare Förderung hinauszudenken. Solche Anstöße möchten wir mit unserer Förderung geben.

Die Entwicklung einer einheitlichen und forschungskompatiblen elektronischen Patientenakte ist aber komplex und wirft eine Fülle von Fragen auf. Es darf daher in der Tat von einer Vision gesprochen werden, deren Realisierung vielfältige Arbeits- und Abstimmungsprozesse mit zahlreichen Akteuren im Gesundheitssystem erfordern wird. Wir werden diesen Prozess gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit begleiten.

Eins möchte ich an dieser Stelle besonders betonen: Es wird entscheidend sein, mögliche Bedenken der Patientinnen und Patienten mit Blick auf Datenschutz und Datensicherheit sehr früh in den Fokus zu nehmen und überzeugende Lösungen anzubieten. Wenn Ihnen das gelingt, dann bin ich überzeugt, dass die Entwicklungen von großem Wert für die Gesundheitsforschung, die Versorgung und den Innovationsstandort Deutschland sein werden.

Meine Damen und Herren, wenn Sie mir abschließend noch eine Prognose erlauben: Ich bin sicher, den Arzt werden Computer auch in Zukunft nicht ersetzen. Ich glaube auch nicht, dass das Arzt-Patienten-Verhältnis unter der Digitalisierung leiden wird. Im Gegenteil: die digitale Medizin wird auch außerhalb des Sprechzimmers eine gute Kommunikation  ermöglichen, Behandlungserfolge verbessern und dadurch das Vertrauen stärken.

Lassen Sie uns deshalb gemeinsam daran arbeiten, dass die - mittlerweile schon alte – Vision der „information at your fingertips“ endlich auch in unseren Krankenhäusern und Arztpraxen Realität wird.

Vielen Dank!