Gewinnung von Studienabbrecher für die Berufliche Bildung

Statement des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, MdB anlässlich der Auftaktveranstaltung des Leuchtturmprojektes

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, mit Ihnen heute den Auftakt des Leuchtturmprojektes „Next Career – Neue berufliche Wege für Studienaussteiger/innen“ zu feiern und mit Ihnen zu diskutieren.

Bundesweit müssen wir hohe Studienabbruchquoten verzeichnen: bei Bachelorstudierenden über alle Hochschularten und Fächergruppen hinweg 28 % der Studierenden[1] – oder in absoluten Zahlen für den Absolventenjahrgang 2012: 90.000 junge Menschen. Das ist bildungspolitisch auf Dauer nicht akzeptabel. Für jeden Einzelnen ist der Studienabbruch ein harter Einschnitt und eine ganz besondere persönliche Herausforderung. Und: – nüchtern betrachtet – entsteht hierdurch ein nicht unerheblicher volkswirtschaftlicher Schaden.

Um dem zu begegnen setzt die Bundesregierung an 3 Angriffspunkten an:

Analyse der Problemursachen
Prävention
Unterstützung von Studienabbrechern.

Um die Studienabbruchquote senken zu können, müssen Politik und Hochschulen noch besser verstehen, warum Studierende ihr Studium aufgeben. Deshalb fördert das BMBF eine umfassende Untersuchung des DZHW zu den Gründen des Studienabbruchs, die sowohl die Perspektive der Betroffenen als auch die der Fakultäten und Fachbereiche beleuchtet. Die DZHW-Untersuchung wird alle 2 Jahre durchgeführt. Die aktuelle Untersuchungsrunde für den Absolventenjahrgang 2014 ist noch nicht abgeschlossen. Die Daten werden Anfang nächsten Jahres vorliegen[2].

Darüber hinaus verfolgt das BMBF natürlich das Ziel Prävention, d.h. die Vermeidung von Studienabbrüchen. Hierfür haben wir 2010 den „Qualitätspakt Lehre“ aufgelegt und dieses Jahr die Maßnahmen der zweiten Runde gestartet. Ziele sind: neu entwickelte Tutorien, neue Lehrformate, bessere Beratung. Denn eine gute Beratung vor dem Studium, eine gute Studienbegleitung und eine hervorragende Hochschullehre können dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler das richtige Fach wählen und das Studium hochmotiviert und zügig absolvieren. Über 10 Jahre stellen wir hierfür 2 Mrd. Euro zur Verfügung.

Auch in der dritten Phase des Hochschulpaktes wird Prävention groß geschrieben. So müssen seit 2016 10 % der Bundes- und Landesmittel von den Ländern dafür eingesetzt werden, mehr Studierende qualitätsgesichert zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen und die Studienabbrecherquote zu senken[3]. So wird auch das Sonderprogramm "Erfolgreich studieren in NRW" aus diesen Mitteln finanziert.

Und schließlich bauen wir kontinuierlich zusammen mit dem BMAS, der BA und den Ländern die Berufsorientierung an den Schulen aus, um Schülerinnen und Schüler von vornherein besser zu beraten, welche Ausbildung oder welches Studium für sie am besten passt. Denn dort gilt es Fehlentscheidungen bei der Berufs- und Studienwahl zu vermeiden. Dies realisieren wir im BMBF u.a. über unser Berufsorientierungsprogramm (BOP), hierfür haben wir uns aber auch in der Allianz für Aus- und Weiterbildung 2015-2018 eingesetzt.

Neben diesen präventiven Ansätzen zur Vermeidung von Studienabbrüchen sollen – im Falle eines Studienabbruchs – den betroffenen jungen Menschen aber auch Wege zum Erreichen eines berufsqualifizierenden Abschlusses außerhalb der Hochschulen aufgezeigt werden. Hier setzt die „BMBF-Initiative zur Gewinnung von Studienabbrecher/innen für die berufliche Bildung“ an. Wir wollen den jungen Menschen in dieser schwierigen Situation Optionen in der beruflichen Bildung aufzeigen und eröffnen. Gleichzeitig begegnen wir damit dem zunehmendem Fachkräftemangel in der beruflichen Bildung: das ist letztlich eine WIN-WIN-SITUATION FÜR alle Beteiligten: DIE BETROFFENEN JUNGEN MENSCHEN UND DIE BETRIEBE.

Ganz wichtig ist uns dabei und das möchte ich hier sehr deutlich machen:

Wir wollen bei der Integration der Zielgruppe in die berufliche Bildung auch keine Sonderwege gehen, sondern ihnen eine ausreichende betriebliche Praxiserfahrung sichern und dabei die vorhandenen rechtlichen Regelungen des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) und der Handwerksordnung (HwO), z.B. zur Anrechnung oder Anerkennung von Vorqualifikationen besser ausschöpfen.

Ausgehend von bisherigen Forschungserkenntnissen zum Thema „Studienabbruch“ haben wir im Rahmen dieser Initiative daher seit 2015 folgende Förderaktivitäten gestartet:

Die Verbesserung der Informationsangebote für Studienzweifler/innen und Studienabbrecher/innen über alternative Qualifizierungswege in und außerhalb der Hochschulen – insbesondere auch in der beruflichen Bildung – durch den Aufbau eines zentralen Online-Informationsportals – gestartet im Juli 2016. Denn Zweifel am gewählten Studium oder gar der Abbruch eines Studiums, aus welchen Gründen auch immer, stellt jeden jungen Menschen vor eine große Herausforderung. Mit dem Portal wollen wir zeigen, dass es viele Optionen gibt und auch ein eventueller Studienabbruch nicht als Scheitern oder gar als Schande verstanden werden muss. Die ersten Reaktionen auf dieses neue BMBF-Portal zeigen, dass es bei den Betroffenen gut ankommt und auch vorhandenen Projekten hilft, sich zu vernetzen.

Den Aufbau von kooperativen und nachhaltig bestehenden Beratungsangeboten für Studienzweifler/innen und Studienabbrecher/innen an den wesentlichen Hochschulstandorten der Länder. Seit 2015/16 fördern wir hierzu 4 landesweite sog. Leuchtturmprojekte im Rahmen der Bund-Länder-Vereinbarungen zur Initiative „Bildungsketten“ in Hessen, Hamburg, Berlin und NRW. Konkret bedeutet das: Mehr Unterstützung und adäquate  Beratungsangebote für die Zielgruppen. Vor allem das Leuchtturmprojekt in NRW – dessen Auftaktveranstaltung wir heute feiern – liegt uns dabei am Herzen, denn die Hochschulen in NRW nehmen rd. 25 % aller Studienanfänger in Deutschland auf, wodurch das Thema „Studienabbruch“ gerade hier hohe Relevanz besitzt.

Schließlich fördern wir die Zusammenführung von Studienabbrechern/innen und Ausbildungsbetrieben, insbesondere Klein- und Mittelbetrieben über bundesweit 18 regionale Vermittlungs- bzw. Integrationsprojekte i.R. des Programms JOBSTARTER plus. Damit bauen wir ganz konkret Brücken von der akademischen in die berufliche Ausbildung, die sich an den Bedürfnissen der Individuen, der Betriebe und den Regionen ausrichten.

Darüber hinaus wollen wir auch die fachliche Anerkennung von Leistungen im Studium in der beruflichen Ausbildung bundesweit weiter verbessern. Deshalb haben wir schon im Mai 2014 die bundesweiten Fortbildungsordnungen „Geprüfter Handelsfachwirt“ und „Geprüfter Fachwirt für Vertrieb im Einzelhandel“ novelliert. Für diese Fortbildungsprüfungen ist nun auch zuzulassen, wer den Erwerb von mindestens 90 ECTS-Punkten in einem betriebswirtschaftlichen Studium und mindestens eine zweijährige Berufspraxis in dem Bereich nachweist.

Ein letzter – aber ganz und gar nicht unwesentlicher – Schwerpunkt der Initiative ist vertiefte Forschung zum Thema „Studienabbruch“. Insbesondere über die Attraktivität der beruflichen Bildung bei der Zielgruppe und zu den wesentlichen Faktoren einer erfolgreichen Integration in die berufliche Bildung wollen wir mittels einer Forschungsstudie im Rahmen der Berufsforschungsinitiative (BBFI) mehr erfahren.

Das Fördervolumen dieser BMBF-Maßnahmen zur Integration von Studienabbrechern/innen in die berufliche Bildung umfasst insgesamt rund 15 Mio. € in den Jahren 2015 bis 2018.

Meine verehrten Damen und Herren,

ich hoffe, Ihnen hiermit auch schon das ein oder andere Stichwort für die anschließende Diskussion gegeben zu haben und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.