Nördliches Breitmaulnashorn: Hoffnung für neues Leben

Fatu und Najin sind die letzten Nördlichen Breitmaulnashornkühe – einen Bullen gibt es nicht mehr. Tierarzt Thomas Hildebrandt möchte ihre Art vor dem Aussterben retten. Jetzt hatte sein Team einen ersten Erfolg: Im Labor entstand der erste Embryo.

Thomas Hildebrandt (vorne rechts) und sein Team entnehmen einem südlichen Breitmaulnashorn im Zoo in Chorzow (Polen) Eizellen. © Jan Stejskal

bmbf.de: Herr Hildebrandt, im Projekt „BioRescue“ wollen Sie das Nördliche Breitmaulnashorn vor dem Aussterben bewahren. Wie soll das gehen? 2018 musste das letzte männliche Exemplar eingeschläfert werden, und die zwei noch lebenden Weibchen Fatu und Najin sind zu alt, um Kälber zu bekommen…

Thomas Hildebrandt: Der Schlüssel dafür liegt in der sogenannten assistierten Reproduktion und der Stammzelltechnik. Damit können wir ausgestorbene Tiere zurückholen.

Böse gesagt: Wenn wir die Tiere nicht vorher schützen – die Forschung wird es schon richten?

Das ist keine Lösung! Wir können und wollen nicht den klassischen Artenschutz ersetzen. Unser Ansatz ist sehr teuer und aufwendig. Diese Möglichkeit zu haben, ist wichtig. Aber es muss die letzte Notlösung bleiben!

Was ist denn Ihr Ansatz?

Najin und Fatu, die letzten beiden verliebenen Tiere der Unterart (2017, Kenja) © Jan Stejskal, Safari Park Dvur Kralove

Vor 20 Jahren haben wir bereits angefangen, Sperma von Nashornbullen einzufrieren. Was uns bislang fehlte, waren Eizellen der Nashornkühe Fatu und Najin. Die haben wir jetzt: Kürzlich haben wir ihnen Eizellen entnommen und diese im Labor künstlich befruchtet. Dabei sind die zwei ersten reinen nördlichen Breitmaulnashorn-Embryonen entstanden. Diese liegen nun auf Eis – eingefroren in flüssigem Stickstoff.

Wie geht es jetzt weiter?

Zum Austragen der Embryonen brauchen wir eine Leihmutter. Das wird aufgrund der nahen Verwandtschaft eine Südliche Breitmaulnashornkuh sein.

Wann geht’s los?

Der Embryonen-Transfer ist kompliziert. Bisher haben wir das Verfahren mit Südlichen Breitmaulnashorn-Embryonen und Leihmüttern etwa 50-mal erprobt. Alle Tiere haben diese Behandlung sehr gut überstanden. Aber wir wollen noch besser werden: Die Chance auf neues Leben ist zum Greifen nah – dabei wollen wir keine Fehler riskieren.

Wann trauen Sie sich den nächsten Schritt zu?

Wir gehen davon aus, dass wir den Transfer in den kommenden 12 Monaten vornehmen werden. Das wird dann in Kenia sein, damit das Jungtier mit seinen Artgenossen Fatu und Najin aufwachsen kann.

Stellen Sie dann Schritt für Schritt eine neue Population her?

Das wird auf diesem Wege alleine nicht gelingen. Wir fahren daher Zweigleisig: Japanische Kollegen arbeiten daran, auch Spermien und Eizellen im Reagenzglas zu erzeugen. Dennoch wird es Jahrzehnte dauern, die Voraussetzungen für eine neue Population zu schaffen. Mit Hochtechnologie wollen wir erreichen, dass die Natur wieder das Steuer übernimmt.

Schauen wir einmal optimistisch in die Zukunft: Wenn Ihre „Mission“ gelingt, wer verhindert das erneute Aussterben von Nashorn-Adam und Nashorn-Eva?

"Wir sind dabei, die Bibliothek der Evolution zu verbrennen, noch ehe wir die Bücher gelesen haben."

Thomas Hildebrandt

Wenn wir den afrikanischen Ländern diese Möglichkeit bieten, wird ein Umdenken stattfinden – davon bin ich überzeugt! Eine neue Population könnte frühestens in 20 Jahren entstehen. Dann wird die Generation das Sagen haben, die heute weltweit für den Schutz unseres Planeten auf die Straßen geht. Sie werden sich hoffentlich dafür einsetzen, dass solche Fehler nie wieder geschehen.

Wollen Sie dann noch weitere Tiere zurückholen – etwas das Mammut?

Eizellen nach der Gewinnung: Sobald sie gereift sind, können sie im Labor befruchtet werden. © Avantea

Davon halten wir gar nichts. Wie gesagt: Die Technik ist eine Notlösung, um derzeit akut bedrohte oder ökologisch wichtige Arten zurückzuholen. Das Nördliche Breitmaulnashorn war eine Schlüsseltierart für viele Pflanzen und Tiere. Diese drohen jetzt ebenfalls zu verschwinden – und das wird gravierende Folgen haben. Die Menschheit kann so nicht weitermachen.

Warum?

Artenvielfalt zu erhalten, hilft Krankheiten einzudämmen. Ein Beispiel: Wenn bestimmte Pflanzen sterben, verschwinden auch die Insekten, die sie bestäuben. Fehlen diese, zieht es Insektenfresser in andere Regionen. Das könnten etwa Fledermäuse sein, die dafür bekannt sind, Krankheiten zu übertragen. Also kurz: Die Menschheit könnte für die Zerstörung von Lebensräumen noch einen hohen Preis zahlen.

Schützen wir die Natur, schützen wir uns selbst?

Genau – in der Natur schlummert auch noch unzähliges Wissen, das uns helfen kann. So gibt es etwa Tierarten wie den Nacktmull, die nicht an Krebs erkranken. Warum das so ist, wissen wir noch nicht. Und macht die Menschheit so weiter wie bisher, wird sie Vieles auch nicht erfahren: Wir sind dabei, die Bibliothek der Evolution zu verbrennen, noch ehe wir die Bücher gelesen haben.

Was muss sich ändern?

Wir alle müssen jetzt lernen, verantwortungsvoller mit unserem Planeten umzugehen. Dazu braucht es auch Lösungen aus der Forschung. Ich bin daher sehr glücklich, dass das BMBF unser Projekt und die Forschung zur Biodiversität fördert.

Herr Hildebrandt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hintergrund

Mit dem Projekt BioRescue soll der Fortbestand des Nördlichen Breitmaulnashorns durch innovative Reproduktionstechnologien gesichert werden. Gelingt dies, könnten mit dieser Technik weitere akut bedrohte Arten gerettet werden. Wissenschaftlich zeichnet sich das Vorhaben durch außergewöhnlich ambitionierte Ansätze aus. Die Anwendung von Hochtechnologie im Bereich des Artenschutzes verbindet Innovation, exzellente Wissenschaft und Nachhaltigkeit.
Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt im Rahmenprogramm „Forschung für Nachhaltige Entwicklung“ (FONA) mit etwa 4,2 Millionen Euro. Am Projekt beteiligen sich auf deutscher Seite das „Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung im Forschungsverbund Berlin e.V. (IZW)“ und das „Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC)“. Sie werden von italienischen, tschechischen, japanischen und kenianischen Partnern unterstützt.