Grimms Märchen und Gregs Tagebuch

Märchen erzählen Politikerinnen und Politiker sonst nicht. Für Schülerinnen und Schüler aus Berlin-Charlottenburg macht Bundesbildungsministerin Anja Karliczek eine Ausnahme. Während der Berliner Märchentage liest sie den Kindern vor.

Die Märchenstunde beginnt mit einem kleinen Lehrstück in Politik. Zwei Geschichten stehen zur Auswahl, eine davon wird Bundesministerin Anja Karliczek heute einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern vorlesen. „Der Eisenhans“ oder „Die kluge Bauerntochter“, stehen  zur Wahl.

Es wird abgestimmt – am Ende gewinnt die Bauerntochter, mit nur einer Stimme Vorsprung. „Auch das ist Demokratie“, sagt Karliczek zu den Kindern, die jetzt leider nicht ihr Wunschmärchen vorgelesen bekommen. Wobei, ganz so stimmt das nicht – aber dazu später mehr. Also beginnt Karliczek mit der Bauerntochter. „Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein Land…“ – und so weiter.

Politiker, die nichts weiter als Märchen erzählen – an so manchem Stammtisch dürfte das längst zum geflügelten Wort gehören. Und einmal im Jahr stimmt das sogar. Dann nehmen, wie jetzt Karliczek, viele Menschen aus der Politik die Rolle des Vorlesers ein. Seit 2008 gibt es die Initiative „Märchenland“, die Märchenstunden vor allem für den Schul- und Kita-Bereich organisiert – und auch die Lesestunden mit Politikerinnen und Politikern.

Zu Gast ist in diesem Jahr eine fünfte Klasse der Reinhard-Otto-Grundschule in Berlin-Charlottenburg. Die Schülerinnen und Schüler haben, das sagen sie hinterher teils auch ganz offen, so ihre Schwierigkeiten mit der eher althergebrachten Sprache – Grimm ist im Jahr 2019 eben nicht mehr ganz so leicht verdaulich.

Gebannte Runde: Bundesministerin Anja Karliczek liest einer Berliner Schulklasse Märchen vor. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

„Was lest ihr denn so in eurer Freizeit?“, möchte die Ministerin nach dem Vorlesen wissen, und schnell stellt sich heraus: Märchen gehören eher nicht dazu. Dafür fallen Jugend-Klassiker wie „Gregs Tagebücher“, „Die drei Fragezeichen“ und viele mehr.

Aber, und das ist die erfreuliche Nachricht des Tages: Das Lernen durchs Lesen funktioniert noch genauso wie zu Grimms Zeiten. Nur eben in moderner Sprache. Auch in der Literatur von heute gibt es Probleme: Menschen, die auf die schiefe Bahn geraten und Böses tun – um am Ende dafür bestraft, oder besser noch bekehrt zu werden. Was lernen die Kinder daraus?

Philipp liest zum Bespiel gerade ein Buch, in dem es um einen Streit unter Freunden geht. „Ich habe gelernt, dass man seine Freunde nicht ausnutzen soll“, sagt er. Julez, zehn Jahre alt, nimmt aus einem der Tagebücher von Greg mit, „dass man nicht immer so neidisch sein soll, man hat ja auch eigentlich alles. Man ist ja nicht arm. Also sollte man auch nicht klauen.“

Die Beispiele zeigen: „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil" – an diesem Spruch ist einiges dran. Kinder, die mit Büchern und Geschichten aufwachsen, lernen selbst besser Lesen, sie haben mehr Spaß daran und sie meistern ihren Bildungsweg erfolgreicher. Lesen ist die Grundlage für gute Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Deshalb fördert das BMBF Programme wie „Lesestart – Meilensteine für das Lesen“.

Und was ist nun mit der zweiten Geschichte des Tages? Natürlich lässt sich Ministerin Karliczek nicht lange bitten und liest auch noch „Der Eisenhans“ vor. „Hier soll ja jeder zu seinem Recht kommen“, sagte sie zu den Kindern, die zuvor in der Abstimmung unterlegen waren. Den Fünftklässlern jedenfalls hat die Lesestunde gefallen: „Das war cool“, sagt zum Beispiel Sevdije (11), „man sieht ja nicht jeden Tag eine Ministerin!“