"Größer denken und unsere Kräfte europäisch bündeln"

Der Parlamentarische Staatssekretär Michael Meister ruft zu mehr Zusammenarbeit in der Batterieforschung auf. „Wir wollen Batterien und Batteriezellen `designed and made in Europe´ realisieren“, sagte er anlässlich des Future Mobility Summits.

Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Rede.
Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Rede. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Keynote von Dr. Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung „Batterieforschung als Grundlage für die europäische Batteriezellfertigung“ anlässlich des Future Mobility Summit 2019 am 09. April 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Veranstaltung steht ganz unter dem Zeichen der zukünftigen Mobilität. Und ich möchte Ihnen gleich vorweg sagen: Die Zukunft der persönlichen Mobilität ist elektrisch. So wie heute rein elektrische Fahrzeuge noch eher die Ausnahme sind, so werden zukünftig PKW mit Verbrennungsmotoren die Ausnahme sein.

Nach einer Statistik der OICA, dem Weltverband der Automobilhersteller, gab es in der Europäischen Union im Jahr 2015 einen Bestand von über 260 Millionen PKW. Aktuell werden in der Europäischen Union jährlich um die 16 Millionen PKW produziert, weltweit etwa 70 Millionen.

Es handelt sich also um einen beträchtlichen Markt, an dem Europa einen großen Anteil hat. Dass das so bleibt, liegt nicht nur im Interesse Europas, es liegt vor allem auch im Interesse der europäischen Automobilindustrie und der gesamten Zulieferindustrie.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

nach zögerlichem Anfang bauen die europäischen Autobauer inzwischen ihre Aktivitäten massiv aus, um batterieelektrische Fahrzeuge auf den Markt zu bringen. Wenn Sie die einschlägige Presse durchsehen, finden sie fast wöchentlich die Ankündigung von neuen Elektrofahrzeugen, die ab 2020 auf den Markt kommen sollen.

Wir kommen an der Elektromobilität nicht vorbei. Und der streng regulierte chinesische Wachstumsmarkt zwingt uns schon allein aus ökonomischen Aspekten dazu, Elektrofahrzeuge zu entwickeln. Keine Elektrofahrzeuge, kein Wachstum!

Komplette Elektrofahrzeuge zu entwickeln und zusammenzubauen ist die eine Seite, die einzelnen Komponenten zu entwickeln und zu fertigen die andere. Wie weit muss man alle Teilprozesse der Komponenten auf den Wertschöpfungsstufen kennen, die Teilprozesse verstehen und aber auch selbst umsetzen – sprich produzieren können?

Dies ist zunächst eine betriebswirtschaftliche Frage für die Unternehmen. Die Antwort lautet stets, zu prüfen was günstiger ist: selbst fertigen oder zukaufen. Wie tief muss ein Unternehmen also in die einzelnen Wertschöpfungsstufen eindringen?

Es ist aber auch eine volkswirtschaftliche Frage: Wie gelingt es, in einer Volkswirtschaft – sei es in Europa oder Deutschland – Know-how zu halten, Unternehmen zu unterstützen, Arbeitsplätze zu sichern und Wohlstand zu schaffen? Für die Regierungen heißt das, möglichst viele Wertschöpfungsstufen im Land zu haben und Wertschöpfung zu generieren.

Im Bereich der Batterien – und das gilt insbesondere für die Batteriezellen – liegen die Antworten auf die betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Frage nicht weit auseinander. Denn die Fremdfertigung funktioniert sehr gut, solange das Angebot und die Zahl der Anbieter ausreichend groß sind. Ist die Zahl jedoch klein handelt es sich um ein Oligopol der Anbieter und man gerät als Käufer unter Druck.

Dann geht die Gleichung nur auf, wenn man als Unternehmen frühzeitig bewiesen hat, dass man die wirtschaftliche Fertigung der Komponenten tatsächlich beherrscht – und das in der praktischen Umsetzung, nicht nur theoretisch.

Wichtig ist hierbei ebenfalls die Möglichkeit für die Unternehmen, entweder kurzfristig selbst Herstellungskapazitäten aufzubauen oder neue Anbieter hervorzubringen.

Bislang wird der Batteriezellmarkt durch asiatische Hersteller bestimmt. Über 90 Prozent der Lithium-Ionen-Zellen kamen 2017 aus China, Korea und Japan. Weniger als 1 Prozent aus Europa.

Daher, meine Damen und Herren, ist es aus meiner Sicht notwendig, dass wir für den Standort Europa eine europäische Batteriezellfertigung etablieren. Eine Batteriezellfertigung europäischer Unternehmen in Europa sichert eine unabhängige Versorgung mit Batteriezellen, auch für Non-Automotive-Branchen, wie beispielsweise Gabelstapler, Power Tools oder stationäre Stromspeicher. Nur so können wir einer Abhängigkeit der europäischen Industrie von asiatischen Zulieferern begegnen!

Aktuell kommen „fertige“ Batteriepacks für Elektrofahrzeuge aus Deutschland und Europa, aber keine der Batteriezellen wird bisher auf dem europäischen Kontinent produziert. Daher will die Bundesregierung die technologische Souveränität Deutschlands und Europas auch bei dieser Technologie sichern.

Dazu müssen wir die Schlüsseltechnologie Batterie inklusive der Produktion von Batteriezellen in Europa umsetzen und als vorrangiges Ziel sehen. Wir wollen Batterien und Batteriezellen „designed and made in Europe“ realisieren!

Um dieses Ziel zu erreichen und Maßnahmen auf den Weg zu bringen, wurde im Oktober 2017 vom Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, Maros Šefčovič, die „Europäische Batterieallianz“ unter Beteiligung der Europäischen Kommission, interessierter EU-Länder – natürlich auch Deutschland –, der Europäischen Investitionsbank, industrieller Akteure und verschiedenen Innovationsakteuren gegründet.

Im Rahmen der Aktivitäten der „Europäischen Batterieallianz“ wurde ein strategischer Aktionsplan für Batterien erarbeitet. Für diesen Aktionsplan  wurde ein umfassendes Paket konkreter Maßnahmen zur Entwicklung eines innovativen, nachhaltigen und wettbewerbsfähigen Batterie-Ökosystems in Europa entwickelt.

Der Plan zielt unter anderem auf den Zugang zu und die Sicherung von Rohstoffquellen (auch durch Recycling), die Ausbildung von Fachkräften, die nachhaltige Herstellung von Batteriezellen mit möglichst geringer Umweltbelastung und die Sicherstellung der Kohärenz mit dem umfassenderen EU-Rechts-  und Handlungsrahmen.

Von deutscher Seite unterstützt das BMBF forschungsseitig die „Europäische Batterieallianz“ mit unserem neuen Dachkonzept „Forschungsfabrik Batterie“. So wollen wir den Innovationsprozess und den Transfer in die industrielle Anwendung signifikant beschleunigen.

Die nächste Stufe der Unterstützung der Industrie leistet dann das Bundeswirtschaftsministerium. Herr Bundesminister Altmaier hat ja für industrielle Konsortien mit Blick auf die Batteriezellproduktion eine Milliarde Euro in Aussicht gestellt.

Somit sind wir auf deutscher Seite in der Lage, die gesamte Innovationskette inklusive der industriellen Umsetzung einer Produktion zu unterstützen. Die Unternehmen, die so etwas auf die Beine stellen können, haben wir hier in Deutschland.

Essentiell für den Erfolg ist allerdings, dass wir schnell neue Zellkonzepte „nachschieben“ können, um so kontinuierlich eine Innovations-Pipeline für Batteriezelltechnologien zu befüllen. Der Forschung kommt somit eine entscheidende Bedeutung zu, wollen wir auch auf längerer Sicht bei der Batteriezelle erfolgreich sein.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

über 500 Millionen Euro hat das BMBF seit 2008 in die Batterieforschung investiert. Mit Blick auf das schon angedeutete Dachkonzept „Forschungsfabrik Batterie“ werden wir in den kommenden Jahren zusätzlich noch einmal rund 500 Millionen Euro in die Hand nehmen.

Im Rahmen des Dachkonzeptes „Forschungsfabrik Batterie“ sollen – und daher auch der Name Forschungsfabrik – alle Elemente wie Zahnräder ineinander greifen. Die vorhandenen Strukturen in der Batterieforschung sollen enger miteinander verzahnt und weiter ausgebaut werden.

Wir setzen die Innovations-Pipeline mit drei Modulen um: „Material“, „Zelle und Prozesse“ sowie „Batteriezellfertigung“.

Am Ende der Innovationspipeline wird eine neue „Forschungsfertigung Batteriezelle“ geschaffen, welche die industrietauglichen Ergebnisse in einem großskaligen Maßstab validiert und demonstriert.

Mit der Umsetzung der „Forschungsfertigung Batteriezelle“ hat das BMBF die Fraunhofer-Gesellschaft beauftragt. Bis Mitte dieses Jahres soll der Standort der neuen Einrichtung ausgewählt werden, danach beginnt die Errichtungsphase.

Mit diesem Gesamtkonzept sollen Industrie und Wissenschaftseinrichtungen aus Deutschland und Europa in die Lage versetzt werden, künftige Batteriegenerationen zu erforschen und auf den Markt zu bringen. Wir wollen international eine Schrittmacherfunktion übernehmen, auch bei neuen Batterietechnologien wie beispielsweise der Festkörperbatterie.

Wir müssen größer denken und unsere Kräfte und Kompetenzen europäisch bündeln. Forschungsseitig sind wir bereits seit vielen Jahren in den Europäischen Forschungsnetzwerken – kurz ERA-Nets – unterwegs.

Um hier eine noch stärkere Vernetzung aller Akteure auf europäischer Ebene hinzubekommen, wird aktuell über eine neue Batterie-Plattform in Form einer sogenannten „European Technology and Innovation Platform on Batteries (ETIP)“ nachgedacht. Diese Batterie-Plattform soll wichtige europäische Interessenvertreter der europäischen Batterieforschung und
-innovation zusammenbringen und die vorhandenen Strukturen bündeln.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir unterstützen von deutscher Seite den Kurs der Europäischen Batterieallianz mit Blick auf die technologische Selbstständigkeit bei der Batterie. Die Elektromobilität wird kommen und, wie wir bereits sehen, wird die Umsetzung schneller von statten gehen, als manche erwarten.

Wir müssen alle Wertschöpfungsstufen in der Elektromobilität beherrschen und ja, wir benötigen eine europäische Batteriezellfertigung, nicht nur für die Elektromobilität, sondern auch für viele andere Anwendungen.

Vielen Dank!