Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau der Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtzzentrum für Polar- und Meeresforschung

Grußwort des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, am 16.7.2015 auf dem Telegrafenberg Potsdam

Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung
Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben mit der heutigen Grundsteinlegung zu einem freudigen Anlass eingeladen. Ich bin sehr gerne heute auf den Telegrafenberg gekommen, an diesen Ort langer und erfolgreicher naturwissenschaftlicher Tradition.

Der Name des Ortes erinnert an die optische Telegrafenstation, die hier in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Berlin mit Koblenz verband, die aber schnell durch die technische Entwicklung obsolet wurde.

Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein Wissenschaftspark mit astronomischen, meteorologischen und geowissenschaftlichen Observatorien eingerichtet.

Die daraus hervorgegangenen heutigen Forschungseinrichtungen auf dem Telegrafenberg,

  • vor allem die Forschungsstelle des Alfred-Wegener-Institutes für Polar- und Meeresforschung
  • als auch das Deutsche Geoforschungszentrum und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

sind für unsere Zukunftsvorsorgeforschung von höchster Bedeutung und Aktualität.

Wir befinden uns im Vorfeld des Weltklimagipfels in Paris im Dezember dieses Jahres, wo die Weichen für ein neues Klimaabkommen zur Begrenzung der vom Menschen verursachten CO2-Emission gestellt werden sollen.

Als Basis brauchen wir dafür ein möglichst genaues Bild von der Situation der Klimaveränderungen, von den zugrunde liegenden Prozessen, ihrem Zusammenwirken und ihren Tendenzen.

Der Klimawandel in der Arktis schreitet schneller als irgendwo sonst auf der Erde voran. Hier lassen sich die Veränderungen mit besonderer Intensität beobachten. Ihre Auswirkungen sind nicht nur lokal, sondern global. Vor allem betreffen sie auch das Klima in unseren Breiten. Die Arktis ist die Klimaküche Europas.

Frau Bundesministerin Prof. Wanka hat mit ihrem Besuch auf Spitzbergen Anfang April dieses Jahres unterstrichen, welch große Sensibilität die arktische Region bezüglich des Klimawandels hat.

  • Welche Auswirkungen haben die dortigen Änderungen auf das globale Klima?
  • Was bedeutet der Verlust von Eismasse für die marinen und terrestrischen Ökosysteme?
  • Was passiert genau, wenn die Permafrost-Gebiete zurückgehen?
  • Welche ökonomischen Auswirkungen hat der zu beobachtende Wandel der Arktis?
  • Welche Potentiale und Konflikte zeichnen sich ab?

Dies sind zentrale Fragen der Arktisforschung.

Wir haben größtes Interesse daran, dass die Polarforschung der Politik und der Gesellschaft ihr Wissen zur Verfügung stellt, um die lokalen und die globalen Folgen des Wandels abschätzen zu können. Die Forschungsergebnisse schaffen die Grundlagen für nachhaltige Entwicklungsstrategien auf nationaler und internationaler Ebene.

Ob wir es wollen oder nicht:Die Arktis ist eine Region im Wandel. Klimaerwärmung und rasant beschleunigende Eisschmelze führen zwangsläufig dazu, dass die geopolitische, geoökonomische und geoökologische Bedeutung der Arktis für die internationale Gemeinschaft stetig wächst.

Innerhalb der Bundesregierung ist der Schutz der Arktis gemeinsame Aufgabe mehrerer Ressorts:

  • des Auswärtigen Amtes,
  • des Bundesumweltministeriums,
  • des Bundeswirtschaftsministeriums,
  • des Bundesforschungsministeriums,
  • und des Bundesverkehrsministeriums.

Gemeinsam arbeiten wir sehr intensiv daran, der ökologischen und ökonomischen Bedeutung dieses Raumes in der internationalen Politik den notwendigen Stellenwert einzuräumen.

Hierzu könnte Deutschland als Beobachter des Arktischen Rats u.a. mit Erkenntnissen aus der Klima-, Polar- und Meeresforschung beitragen.

Meine Damen und Herren,

die deutsche Polar- und Meeresforschung hat einen hervorragenden Ruf. Unsere Einrichtungen sind international als Kooperationspartner hoch gefragt.

Diese Exzellenz wollen wir dauerhaft erhalten. Dafür brauchen wir gut ausgebildete Wissenschaftler.

Ich möchte die wichtige Rolle hervorheben, die Einrichtungen wie das AWI und auch das GEOMAR in Kiel zusammen mit den Hochschulen für die Förderung und Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Polar- und Meeresforschung spielen.

Unabdingbar für eine exzellente Polarforschung sind auch die geeigneten technischen Infrastrukturen. Darum hat das BMBF den Nachfolgebau unseres Forschungseisbrechers POLARSTERN in Angriff genommen.

Ein erster Entwurf des Schiffes ist erarbeitet, und wir befinden uns derzeit in der ersten Phase der Bauausschreibung, im Teilnahmewettbewerb. Geplant ist, das neue Schiff noch in dieser Dekade für die Forschung zur Verfügung zu haben.

Die POLARSTERN ist Teil einer partiellen Erneuerung der Forschungsflotte im Geschäftsbereich des BMBF in dieser Dekade. Mit der erfolgreichen Inbetriebnahme des neuen Tiefseeforschungsschiffes SONNE Ende letzten Jahres haben wir den ersten Aufschlag gemacht.

Die neue POLARSTERN und die Nachfolge für die Forschungsschiffe POSEIDON und METEOR sind die weiteren Schritte.

Weitere Investitionen betreffen hochinnovative Forschungsgeräte ich möchte als Beispiel aus dem Bereich des AWI nur die Finanzierung hochauflösender Eisradarsysteme für die deutschen Forschungsflugzeuge POLAR 5 und 6 nennen:

Mit den Radarsystemen kann die Schneeauflage auf dem Meereis bis hin zur inneren Struktur der Eisschilde gemessen und damit die Veränderungen durch den Klimawandel erfasst werden.

Die Planung und die Auswertung von Forschungskampagnen mit Schiffen und Flugzeugen erfolgt hier bei Ihnen auf dem Telegrafenberg oder in Bremerhaven – und es besteht Einigkeit darüber, dass Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des AWI, hierfür zweckmäßige und ausreichend große Forschungsgebäude benötigen, die Ihnen optimale Bedingungen für ihre Arbeit bieten.

Die Forschungsstelle des AWI in Potsdam hat 1999 mit dem Bau von Oswald Matthias Ungers eine markante Wirkungsstätte erhalten. Aber ihr Raumbedarf ging über dieses Gebäude hinaus. Sie mussten sich hier auf zwei weit voneinander entfernte Standorte verteilen. Das ist für die Arbeit und für die interne Kommunikation ungünstig.

Das BMBF war in Berlin früher auf drei Standorte verteilt und ich kann den Wusch nach einer gemeinsamen Wirkungsstätte nachempfinden.

Ich freue mich, dass Sie mit dem Erweiterungsbau Ihren Bedarf an erweiterter, moderner Laborausstattung, tiefgekühlten Lagerräumen für die wissenschaftlichen Proben und Ihren Bürobedarf u.a. für die Nachwuchsgruppen, werden decken können.

Eine enge Kommunikation zwischen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist für ihre Arbeit essentiell. Ich hoffe, dass der Erweiterungsbau und das Zusammenlegen der Gebäude Ihre Forschungsarbeit in diesem Sinne beflügeln wird.

Meine Damen und Herren,

die Polarforschung ist stark von internationaler Zusammenarbeit geprägt und abhängig.

Das AWI hat 1992 mit der Eröffnung seiner Forschungsstelle Potsdam auf dem Telegrafenberg die frühere Polarforschung der DDR übernommen und fortgeführt. Die Polarforschung der DDR hatte eine enge Anbindung an Russland.

Die AWI Forschungsstelle Potsdam hat die deutsch-russische Kooperation seither fortgeführt. Es besteht u.a. eine langjährige Kooperation mit dem Permafrostinstitut der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften zur gemeinsamen Nutzung der russischen Forschungsstation auf der Insel Samoylov im Lena-Delta in Sibirien.

Dort werden in Langzeitstudien die ökologischen Veränderungen infolge der Klimaerwärmung untersucht.

Die russisch-deutsche Zusammenarbeit in der Polarforschung in diesem Gebiet hat eine lange Tradition. Schon 1881 bis 1884 gab es eine Expedition in das Lena-Delta unter Federführung der Kaiserlichen Russischen Geographischen Gesellschaft in deutsch-russischer Zusammenarbeit.

Das BMBF hat seit 1993 eine Vielzahl von bilateralen deutsch-russischen Forschungsprojekten gefördert, die so wichtige Fragen wie die Bildung des Eises in der Arktis und seine Driftbewegungen im arktischen Ozean, der Einfluss des Klimawandels auf den gespeicherten Kohlenstoff in Permafrostgebieten und die Untersuchung erdgeschichtlicher Klimaveränderungen in Sibirien bearbeiten.

Es ist unser Wunsch, dass diese wissenschaftlichen Beziehungen und die Zusammenarbeit bei der Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern fortgeführt werden.

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich zum Schluss noch einmal auf den Erweiterungsbau zurückkommen: Einerseits ist es ein Privileg, hier auf dem Telegrafenberg inmitten einer englischen Parklandschaft wissenschaftlich zu arbeiten.

Andererseits ist hier das Errichten von neuen Gebäuden eine besondere Herausforderung, denn es stellt hohe Ansprüche an die Gestaltung der Gebäude und ihre Anpassung an die umgebende Natur und das Landschaftsbild.

Der Erweiterungsbau des AWI verlangt zusätzlich noch die Rücksichtnahme auf den architektonisch prägnanten Baustil des vorhandenen Institutsgebäudes von Oswald Matthias Ungers.

Diese Aufgabe verlangt viel Fingerspitzengefühl, aber auch gesunden Menschenverstand und Kompromissbereitschaft von allen Experten und Vertretern der verschiedenen Interessen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Beteiligten für die Realisierung des neuen Gebäudes eine glückliche Hand, gutes Gelingen und das Einhalten Ihrer zeitlichen Planung.

Möge der Erweiterungsbau dazu beitragen, die Tradition der Polarforschung auf dem Telegrafenberg erfolgreich fortzusetzen und ihre Erkenntnisse für die Sicherung unserer Zukunft in internationaler Zusammenarbeit zu nutzen.