"Haben die Chancen für Flüchtlinge verbessert"

Über die Situation junger Flüchtlinge in Deutschland und über die Chancen von Bachelor-Absolventen sprach Bundesbildungsministerin Johanna Wanka im Interview mit der "Passauer Neuen Presse" vom 20.07.2015. Die Fragen stellte Julian Heißler.

Passauer Neue Presse: Der Wirtschaft fehlen Azubis, gleichzeitig kommen jeden Monat Tausende junger Menschen als Flüchtlinge nach Deutschland. Wie kann man ihnen den Zugang zum Ausbildungsmarkt erleichtern?

Johanna  Wanka: Wir haben gerade erst ein Gesetz verabschiedet, das klarstellt, dass Flüchtlinge so lange geduldet werden können, wie sie sich in der Ausbildung befinden. Es muss also niemand Sorgen haben, dass ein Azubi abgeschoben wird.

Duldung schön und gut - aber ein Unternehmer, der in einen Azubi investiert, denkt langfristiger. Warum sagen Sie nicht: Wer in Deutschland eine Ausbildung abschließt, bekommt eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung?

Diejenigen, die jetzt als Flüchtlinge oder aus Drittstaaten zu uns kommen und eine Ausbildung erfolgreich absolvieren, haben eine gute Chance zu bleiben. Und wir haben die Chancen für Flüchtlinge an vielen Stellen verbessert - von der Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse bis hin zu schnelleren Arbeitsmöglichkeiten.

Stichwort Auszubildende: Während die Hörsäle aus allen Nähten platzen, bleiben an den Werkbänken viele Plätze frei. Warum entscheiden sich immer weniger Jugendliche für eine Berufsausbildung?

Das hat mit der Demografie zu tun. Es gibt inzwischen mehr freie Stellen als unversorgte Bewerber. Wir müssen uns anstrengen, die passenden Bewerber zu den richtigen Ausbildungsplätzen zu bringen. Deshalb schicken wir Berater in die Schulen, die sich Zeit für die Jugendlichen nehmen und auf ihre individuellen Interessen eingehen . Gemeinsam mit dem Arbeitsministerium setzen wir 1,3 Milliarden Euro ein. Wir werden damit in den nächsten Jahren eine halbe Million Jugendliche erreichen und ihnen frühzeitig ihre Möglichkeiten aufzeigen. Das ist auch eine Aufgabe für die Betriebe und die Kammern. Zudem brauchen wir mehr gesellschaftliche Wertschätzung der nicht-akademischen Berufe. Die Ausbildung bietet jungen Menschen fantastische Chancen . Allein in den nächsten zehn Jahren gehen Tausende Handwerksmeister in den Ruhestand . Da werden Nachfolger dringend gesucht.

Trotz des Überangebots an Lehrstellen gibt es immer noch unversorgte Bewerber. Die Firmen klagen, sie seien nicht "ausbildungsreif".

Diese Klagen gab es schon immer. Deshalb gibt es in der Bundesrepublik ein Übergangssystem, um Jugendlichen zu helfen, die etwa die Schule abgebrochen haben oder aus anderen Gründen nicht in der Lage waren, eine Ausbildung aufzunehmen. Jetzt, da die Bewerber immer knapper werden, kümmern sich aber auch immer mehr Unternehmen direkt um Schüler, die womöglich den Abschluss nicht schaffen. Die Jugendlichen haben damit heute deutlich bessere Chancen als ihre Altersgenossen vor zehn oder zwanzig Jahren.

Der Ansturm auf die Universitäten ist dagegen ungebrochen. Auch in diesem Jahr wird wohl wieder über die Hälfte des Abiturjahrgangs ein Studium aufnehmen. Tut das Deutschland gut?

Den Vorwurf des "Akademisierungswahns" halte ich jedenfalls für völlig falsch. Angesichts der demografischen Entwicklung brauchen wir in den nächsten Jahrzehnten jeden, der heute ein Studium aufnimmt, um Arzt oder Ingenieur zu werden. Wichtig ist jedoch, dass vor allem die Abiturienten ein Studium aufnehmen, die auch eine reale Chance haben, es abzuschließen. Wir haben eine attraktive duale Berufsausbildung, um die wir auf der ganzen Welt beneidet werden. Junge Leute sollten sich für einen Lebensweg entscheiden, der ihren Interessen entspricht und nicht einem Statusdenken anhängen. Wir brauchen beides - Studierende und Auszubildende.

Trotz des Ansturms: Die Kritik am Bachelor-Master-System reißt nicht ab. Zu jung, zu unerfahren, zu schlecht vorbereitet, heißt es in der Wirtschaft. Ist das System gescheitert?

Für die Umstellung auf das Bachelor-Master-System gab es gute Gründe. Früher studierten vielleicht fünf Prozent eines Jahrgangs, heute sind es 50 Prozent. Die Studierendenschaft ist viel heterogener geworden. Dem kann man mit dem strukturierten System der neuen Studiengänge besser gerecht werden. Das ist ein großer Vorteil. Die Umstellung war ein Kraftakt, aber jetzt bekommen wir positive Rückmeldungen - von Studenten und Wirtschaft. Laut einer Studie des IW Köln und des Stifterverbands werden Bachelor-Absolventen von den Unternehmen heute genauso oft eingestellt wie Absolventen anderer Studiengänge. Sie verdienen auch nicht weniger als ihre Kollegen. Die Möglichkeiten der Bachelor-Absolventen sind enorm gewachsen - und die Wirtschaft braucht sie.

Das Interview führte Julian Heißler.