Haben Sie eigentlich einen Vogel, Herr Nachbar?

Das sollten Sie Ihre Mitmenschen lieber nicht direkt fragen. Es gibt bessere Wege, etwas über die Vogelwelt in Ihrer Umgebung zu erfahren. Zum Beispiel mit den „Vogel-Landkarten“, die Bürgerforschende im Projekt „Artenvielfalt erleben“ entwickeln.

In den vergangenen Jahren haben in Deutschland mehr als 28.000 Vogelkundler etwa 40 Millionen Datensätze gesammelt. © ©trattieritratti - stock.adobe.com

Von wegen „Forschung findet im Elfenbeinturm statt“! Forschen kann jeder – vor der eigenen Haustür, im heimischen Garten, im Park, im Wald, auf Feldern und Wiesen. So ist es zumindest im Bürgerforschungsprojekt „Artenvielfalt erleben“, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Wer dabei mitmachen möchte, braucht nur eines: Begeisterung für die Natur! Konkret geht es im Projekt um Vögel: Welche Arten singen in der Nachbarschaft? Wer ist nur im Sommer zu Gast in der Region? Wer war früher da – und wird heute vermisst? All diese Beobachtungen können naturbegeisterte Bürgerinnen und Bürger über ein Webportal nicht nur für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereitstellen.

In der App "Naturalist" können die Bürgerforschenden ihre Beobachtungen jederzeit sofort eintragen. © Christopher König

Bürgerforschung ist keine Einbahnstraße

Kartografin Jana Moser und Soziologe Tom Hoyer sind zwei der Wissenschaftler. Die beiden Forschenden des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig haben ein Ziel: Sie wollen aus den Daten interaktive Online-Karten der sogenannten Avifauna erstellen – also der Gesamtheit der Vogelarten in einer Region. „Davon sollen beide Seiten profitieren – sowohl die Bürgerinnen und Bürger als auch die Forschenden“, betont Hoyer. „Bürgerforschung ist keine Einbahnstraße. Uns geht es um Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Wer mitmacht und seine Beobachtungen teilt, soll auch etwas zurückbekommen“, so der Wissenschaftler.

Die Schattenseiten unseres Umgangs mit der Natur

Was die Beteiligten – und alle Internetnutzer – zurückbekommen, ist ein riesiger Katalog der Artenvielfalt. Bisher „weiße Flecken“ auf der Landkarte werden erklärt oder mit buntem Leben gefüllt. Ob Feldlerche, Rotmilan, Kranich oder Alpensegler: Mit nur wenigen Klicks sollen Interessierte später herausfinden können, welche Arten in ihrer Region leben. Darüber hinaus werden die Karten auch die Schattenseiten unseres Umgangs mit der Natur beleuchten: Wo „verschwinden“ Vögel? Wo müssen sie dem Menschen weichen? „Das Projekt wird ein Bewusstsein für Veränderungen schaffen“, ist sich Jana Moser daher sicher. „Die Menschen werden ein Gefühl dafür entwickeln, wenn etwas im Argen liegt.“ Und vielleicht, so wünscht es sich Moser, werden sie dann auch ihren Umgang mit der Natur ändern.

Bürgerforschende testen das Regio-Portal zur Auswertung der Beobachtungsdaten. © Krzysztof Luzar

„Versuchsfeld Leipzig“: Mitforschen macht Spaß

Vorerst gibt es von den interaktiven Webkarten jedoch nur eine Testversion. Diese haben die Projektpartner gemeinsam mit den Bürgerforschenden in einem „Mapping-Event“ ausprobiert. Einen Monat lang haben etwa 50 Vogelkundler rund um Leipzig die Augen offen gehalten, Daten gesammelt und die Ergebnisse später visualisiert. Entstanden ist dabei eine detaillierte Karte des „Versuchsfelds Leipzig“, wie Moser es nennt. „Ich war von dem Enthusiasmus der Bürgerforschenden beeindruckt“, sagt sie. Egal ob alt oder jung: Das Mitforschen machte jedem Spaß.

Mehr Menschen für Artenvielfalt begeistern

Auf dem „kleinen“ Erfolg wollen die Wissenschaftler und Bürgerforschenden nun im Großen aufbauen: Ihre Karten sollen als „neue Kartengeneration“ das Portal www.ornitho.de des Dachverbands Deutscher Avifaunisten aufpeppen. Dort tummeln sich bereits mehr als 28.000 Vogelkundler, die in den vergangenen Jahren 40 Millionen Datensätze für ganz Deutschland gesammelt haben. Die neuen Webkarten sollen die Darstellung und Nutzung der Daten erleichtern und verbessern. Und mehr noch: Die neuen Tools sollen später als freie Software auch von anderen Bürgerforschungsprojekten genutzt werden können. „Wir hoffen, dass wir so noch mehr Menschen erreichen und sie für die Artenvielfalt begeistern können“, sagt Tom Hoyer.

Citizen Science

Das Bundesforschungsministerium ist einer der wichtigsten Förderer von Citizen Science in Deutschland. Seit Sommer 2016 fördert es derzeit mit knapp 5 Millionen Euro über einen Zeitraum von drei Jahren insgesamt 13 Citizen-Science-Projekte. Das thematische Spektrum ist breit: Es reicht von Projekten aus dem Umwelt- und Naturbereich bis hin zu Vorhaben aus der Medizin, aus technischen und ingenieurwissenschaftlichen Gebieten sowie aus den Sozialwissenschaften. Das Projekt „Artenvielfalt erleben“ ist eines der 13 geförderten Pilotprojekte. Koordiniert wird das Projekt vom Leibniz-Institut für Länderkunde. Weitere Projektpartner sind das Leibniz-Institut für Wissensmedien und der Dachverband Deutscher Avifaunisten.