„Hasskommentare bedrohen die Demokratie“

Eine neue Studie belegt: Aus Angst vor Hasskommentaren halten sich immer mehr Menschen aus politischen Diskussionen im Internet raus. So werde die freie Meinungsäußerung zunehmend eingeschränkt, mahnt Extremismusforscher Matthias Quent.

Fast jeder fünfte junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren war schon einmal direkt von Hasskommentaren betroffen.

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Bmbf.de: Herr Quent, der Mord an dem hessischen CDU-Politiker Walter Lübcke zeigt: Hass, der im Internet beginnt, kann auch in die reale Welt übergreifen. Müssen wir in Zukunft öfter mit solchen Anschlägen rechnen?

Matthias Quent: Das ist ein Extremfall – die Spitze des Eisberges. Die rechte Szene radikalisiert sich und greift zunehmend neben Minderheiten auch den Staat und seine Repräsentantinnen und Repräsentanten an – in Worten und Taten. Und: Beleidigungen, Gewaltandrohungen oder Diskriminierungen schlagen auch aus dem Netz mehr und mehr über die Medien oder Talk-Shows bis in die reale Welt durch. Viele Menschen besorgt das: 72 Prozent der Deutschen fürchten, dass durch Aggressionen im Internet die Gewalt im Alltag zunimmt. Der Hass gehört schon fast zum Alltag – und wird weiter zunehmen.

"Das ist eine dramatische Entwicklung für unsere Demokratie. Politiker und Menschen, die sich für eine Sache öffentlich engagieren, dürfen nicht zu Freiwild werden. Ansonsten werden sich immer mehr Menschen aus der aktiven Politik zurückziehen."

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek zum Mord an Walter Lübcke, Interview mit PNP (22. Juni 2019)

Wie kommen Sie darauf?

Das ist eine Generationenfrage. Ein Ergebnis unserer Studie ist, dass jeder zwölfte Deutsche schon einmal persönlich von Hate Speech betroffen war. Aber: Bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren ist es schon fast jeder Fünfte! Je mehr die Menschen soziale Netzwerke nutzen, desto mehr sind sie dort auch von Hassbotschaften betroffen.

Hat Sie das überrascht?   

Nein, das hatten wir erwartet. Überraschend – und erschreckend – waren für uns die Konsequenzen daraus: Zwei Drittel derjenigen, die persönlich von Hassbotschaften betroffen sind, berichten von negative Folgen wie emotionalen Stress, Angst und Depressionen. Mehr als die Hälfte der Befragten bringen sich aus Angst vor Hasskommentaren weniger in politische Diskussionen im Internet ein. Hasskommentare bedrohen die Meinungsvielfalt und damit die Demokratie.

Matthias Quent ist Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. © Universität Jena

Können Sie das genauer erklären?

Wenn sich Menschen nicht mehr trauen, zum Beispiel rassistischen Aussagen zu widersprechen, kann die hasserfüllte Minderheit eine Meinungshoheit vortäuschen. Die Minderheit befeuert sich gegenseitig – sie bestätigt ihr Weltbild und entfremdet sich von tatsächlichen Mehrheitsverhältnissen in der Gesellschaft. Hate Speech schränkt damit die freie Meinungsäußerung ein und verschiebt gefühlte Mehrheiten.

Wer sind die Täterinnen und Täter?

Sie kommen meist aus dem rechtsradikalen Milieu. Teilweise starten solche Gruppen regelrechte Hasskampagnen gegen Andersdenkende, Politikerinnen und Politiker oder Minderheiten wie Homosexuelle oder Migranten. Hinzu kommen auch Vorurteile aus der Mitte der Gesellschaft, etwa gegen Migrantinnen und Migranten: Viele „Alltagsmenschen“ lassen ihre Wut, ihre Vorurteile und ihren Hass im Internet raus und machen damit Rassismus und andere Abwertungen salonfähig.

Was kann man dagegen tun?

Natürlich sind die Politik und Behörden gefragt, aber auch die Bürgerschaft kann etwas tun: Sich einmischen! Man muss zeigen: Hass ist nicht die Normalität. Eine hasserfüllte Minderheit darf nicht die Diskurse bestimmen und ungestört Angst und Schrecken verbreiten. Wer direkt betroffen ist, sollte Hasskommentare melden – beim Plattformbetreiber oder in strafrechtlich relevanten Fällen bei der Polizei. Die Täter und Täterinnen müssen spüren, dass ihre Taten Folgen haben.

Haben sie das…?

Leider kommen die Täterinnen und Täter viel zu oft ungestraft davon. Das muss sich schnell ändern: Sonst ist zu befürchten, dass mehr und mehr Menschen das Vertrauen in die Meinungsvielfalt und den Rechtsstaat verlieren. Das wäre für die Zukunft unserer Demokratie fatal.

Herr Quent, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hintergrund

Matthias Quent ist Soziologe und Extremismusforscher. Er ist Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) der Amadeu Antonio Stiftung in Jena. Das IDZ ist ein Teil des „Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird.

Für die repräsentative Studie im Auftrag von Campact e.V. haben Forschende um Matthias Quent 7.349 Internetnutzerinnen und -nutzer zwischen 18 und 95 Jahren befragt. Für die Studie wurde folgende Definition von Hate Speech zugrunde gelegt: Aggressive oder allgemein abwertende Aussagen gegenüber Personen, die bestimmten Gruppen zugeordnet werden.