Hat Goethe sich selbst inszeniert?

Forschungsverbund Marbach-Weimar-Wolfenbüttel startet / Schütte: „Wir stärken Deutschlands international einzigartige Sammlungen, Bibliotheken, Archive“

Zum ersten September startet der Forschungsverbund Marbach-Weimar-Wolfenbüttel. Er verknüpft das Deutsche Literaturarchiv Marbach, die Klassik Stiftung Weimar und die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel zu einer international einzigartigen Forschungseinrichtung. Darin werden die Kompetenzen, die digitalen Werkzeuge und die Forschungsmilieus der drei Einrichtungen miteinander verknüpft,  um so der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft ein besonderes Arbeitsmittel anbieten zu können. „Deutschland verfügt über einzigartige Sammlungen, Bibliotheken und Archive“, sagte Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bei der ersten öffentlichen Konferenz des Forschungsverbundes im Vorfeld des offiziellen Starts. „Die Einrichtungen in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel sind von höchster Bedeutung, wenn es darum geht, das deutsche literatur- und kulturgeschichtliche Erbe und seine materiellen Zeugnisse zu bewahren, zu pflegen, zu erschließen und zu erforschen und es damit sowohl der Wissenschaft als auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“

Die Konferenz findet unter dem Titel „Collecting Ideas – The Idea of Collecting“ vom 16. bis zum 18. Mai 2013 im Deutschen Literaturarchiv Marbach statt. Um die international einzigartigen Sammlungsbestände noch sichtbarer zu machen, fördert das BMBF die intensivierte Zusammenarbeit der drei Einrichtungen. Ab dem 1.9.2013 erhält der Verbund für zunächst fünf Jahre insgesamt zwei Millionen Euro jährlich.

 „Mit dem Verbund bietet sich die Chance, zukunftsweisende Projekte zur Digitalisierung der Sammlungsobjekte und zur Entwicklung forschungsorientierter Austauschplattformen durchzuführen“, betonte Schütte. „So stärken wir auch den Dialog zwischen den verschiedenen kultur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen und die internationale Leistungsfähigkeit und Attraktivität geisteswissenschaftlicher Forschung in Deutschland.“

Der Forschungsverbund ermöglicht es, gegenwärtig relevante Forschungsfragen besser und gemeinsam bearbeiten zu können und neue Forschungsfragen sinnvoll zu stellen. So interessieren sich die Forscher beispielsweise dafür, welchen Einfluss Inhalt und Struktur der Bibliotheken von Dichtern und Gelehrten wie Goethe oder Leibniz auf ihr Werk und ihre Arbeitsweise hatten und welche Rückschlüsse man daraus auf damalige Wissensordnungen ziehen kann. Sie wollen herausfinden, wie sich unter den Gelehrten Netzwerke ausgebildet haben; was grafische, malerische, plastische oder fotografische Porträts über die dargestellten Autoren aussagen und welche Rolle dabei Inszenierungs- und Marketingstrategien spielen. Darüber hinaus soll analysiert werden, wie sich die Präsentation kanonischer, also für die Literaturgeschichte bedeutsamer Texte im Laufe der Zeit medial entwickelt hat, etwa durch aufwändige Ausstattungen und Illustrationen namhafter Künstler oder andere mediale Darstellungsformen. Diese und andere Untersuchungen profitieren davon, dass die Sammlungen mehr als fünf Jahrhunderte umfassen. So werden auch grundlegende Einsichten in die Methodengeschichte der Geisteswissenschaften möglich.

Ein Fokus des neuen Verbunds liegt außerdem auf der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, unter anderem durch eine internationale Sommerschule für Doktoranden.

Durch den Verbund wird eine Empfehlung des Wissenschaftsrates umgesetzt, der 2011 empfahl, „die drei wichtigsten deutschen Forschungsbibliotheken und -archive mit dem Ziel zusammenzuführen, ihre Stellung als bedeutsame Forschungs- und Forschungsinfrastruktureinrichtungen für die deutschen und internationalen Geisteswissenschaften zu profilieren“.

Hintergrundinformationen zu den drei Einrichtungen:

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) mit Deutschem Literaturarchiv, Schiller-Nationalmuseum und Literaturmuseum der Moderne ist eine der bedeutendsten Literaturinstitutionen weltweit. In seinen Sammlungen bewahrt das Deutsche Literaturarchiv Marbach eine Fülle kostbarster Quellen der Literatur- und Geistesgeschichte von 1750 bis zur Gegenwart. Mit rund 1.400 Nachlässen von namhaften Schriftstellern, Schriftstellerinnen und Gelehrten gehört die Handschriftensammlung international zu den führenden Sammlungen ihrer Art, die Bibliothek ist mit mehr als 1.000.000 Bänden eine der größten Spezialbibliotheken für neuere deutsche Literatur und Literaturwissenschaft.

Die Klassik Stiftung Weimar bildet ein einzigartiges Ensemble von Kulturdenkmalen. Mit ihren mehr als 20 Museen, Schlössern, historischen Häusern und Parks sowie den Sammlungen der Literatur und Kunst zählt sie zu den größten und bedeutendsten Kultureinrichtungen Deutschlands. Die Arbeitsschwerpunkte der Stiftung liegen auf der Epoche der Weimarer Klassik, ihren Nachwirkungen in der Kunst und Kultur des 19. Jahrhunderts sowie auf der Moderne mit Franz Liszt, Friedrich Nietzsche, Henry van de Velde und dem Bauhaus. Es ist das Ziel der Stiftung, mit den ihr anvertrauten Kulturgütern ein in Deutschland und der Welt wirksames Zentrum der Kultur, der Wissenschaft und der Bildung zu sein.

Die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel ist mit ihren bedeutenden Buchbeständen eine moderne international ausgerichtete Forschungsinfrastruktur für die Geisteswissenschaften. Zu ihren zentralen Aufgaben gehört es, ihre Handschriften und Drucke aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit konventionell und digital zu erschließen und zugänglich zu machen, sie zu erhalten sowie ihre Geschichte und Bedeutung für die Gegenwart zu erforschen und kontextualisieren. Die Forschung wird durch Projekte, Tagungen, Stipendien und Veröffentlichungen gefördert, während sich das Kulturprogramm mit Ausstellungen, Lesungen, Vorträgen und Führungen an die Öffentlichkeit wendet.

Weitere Informationen unter http://www.bmbf.de/de/21592.php