Hepatitis-E: „Wir können die Chance auf Heilung vorhersagen“

Das Internationale Konsortium für personalisierte Medizin hat den Virologen Daniel Todt für seine Forschung zum Hepatitis-E-Virus mit dem „Best Practice Award“ ausgezeichnet. Er fand heraus, warum einige Menschen gegen das Virus chancenlos sind.

Frühzeitige Erkennung von Hepatitis-E Therapieversagern Infografik
Die Infografik erklärt die Tiefensequenzierung einer Blutprobe.  © BMBF

Bmbf.de: Herr Todt, das Hepatitis-E-Virus führt in der Forschung bislang ein Schattendasein: Warum?

Daniel Todt: Die meisten Hepatitis-E-Infektionen verlaufen unauffällig. Sie werden von Erkrankten nicht bemerkt – und folglich auch nicht diagnostiziert. Der Forschungsbedarf wurde daher lange Zeit unterschätzt. Zudem galt die Infektion lange als Reisekrankheit. Erst seit einigen Jahren wissen wir, dass das Virus auch hierzulande weit verbreitet ist. Ein Großteil der Schweine trägt es in sich – und über den Kontakt mit rohem Fleisch können sich Menschen infizieren. Aber auch bei Bluttransfusionen ist eine Übertragung möglich.

Der Bochumer Virologe Daniel Todt wurde für seine Forschung zum Hepatitis-E-Virus mit dem "ICPerMed Best-Practice Award" ausgezeichnet. © RUB / Tim Kramer

Kommt das häufig vor?

2017 wurden in Deutschland etwa 3.000 Infektionen gemeldet. Aber wie gesagt: Meist wird die Infektion erst gar nicht bemerkt. Neueste Untersuchungen deuten darauf hin, dass schätzungsweise jeder sechste Bundesbürger bereits eine Hepatitis-E-Infektion hinter sich hat.

Für wen ist das Virus gefährlich?

Für Schwangere, Menschen mit bereits bestehenden Lebererkrankungen sowie immungeschwächte Menschen wie HIV-Infizierte oder Transplantationspatienten. Bei ihnen kann das Virus chronische Infektionen hervorrufen und zum Leberversagen führen. Aber auch hier droht vor allem einer Gruppe Gefahr – den sogenannten „Therapieversagern“.

Können Sie das genauer erklären?

Es gibt keine spezifischen Medikamente gegen das Virus. Zurzeit werden chronische Hepatitis-E-Infektionen daher mit universellen antiviralen Mitteln wie Ribavirin behandelt. Allerdings wirkt dieses Mittel bei manchen Patienten – den Therapieversagern – nicht.

…aber Ihnen ist es gelungen, diese Menschen durch die sogenannten Tiefensequenzierung frühzeitig zu identifizieren. Können Sie das genauer erklären?

Dank der Tiefensequenzierung erhalten wir erstmalig Informationen über alle Viren, die in der Blutprobe enthalten sind. Früher war das anders: Man „griff“ einmal blind in die Probe und erhielt die Infos über das Erbgut der größten Viruspopulation – das ist einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung. Der Blick auf kleinere Populationen blieb dabei versperrt. Mit der neuen Methode können wir über eine Million Mal „zugreifen“. So bekommen wir ein detailliertes Bild aller Viren.

Hepatitis-E-Virus

Das Hepatitis-E-Virus trägt seine Erbinformation in Form von Ribonukleinsäure (RNA). RNA-Viren bauen während der Vermehrung im Wirt mit bestimmter Häufigkeit Fehler in ihre eigenen Erbinformationen ein. Dadurch wird die Erbinformation leicht verändert. Da pro Tag in einem infizierten Wirt mehrere Milliarden neuer Viren produziert werden, entstehen mehrere sogenannte Virus-Populationen, die sich durch gewisse Unterschiede im Erbgut auszeichnen. Klassische Sequenziermethoden können nur die am häufigsten vertretene Erbinformation abbilden. Oft sind aber gerade die weniger häufig anzutreffenden Informationen entscheidend für den Therapieverlauf. Hier kommt die sogenannte Tiefensequenzierung ins Spiel, mit der Forscher in der Lage sind auch seltenere Varianten abzubilden.

Was haben Sie dabei herausgefunden?

Wir haben die Erbinformationen der Viren im Blut von zwölf Hepatitis-E-Infizierten zu verschiedenen Zeitpunkten untersucht und miteinander verglichen. Dabei fiel auf, dass die Viren im Blut der Therapieversager von Probe zu Probe ganz bestimmte Veränderungen durchgemacht haben – sogenannte Mutationen. Anhand dieser Mutationen in der Virus-Population können wir jetzt die Chance auf Heilung frühzeitig vorhersagen.

Die Mutationen verraten Ihnen also, bei wem die Ribavirin-Therapie nicht anschlagen wird. Das hilft den Patienten doch nicht weiter, solange es keine anderen Medikamente gibt…

Das stimmt. Daher suchen wir derzeit nach alternativen Wirkstoffen. Ein vielversprechender Wirkstoff könnte Silvestrol sein – ein natürliches Molekül aus der Mahagonipflanze. Wir konnten kürzlich nachweisen, dass Silvestrol die Vermehrung der Viren in Zellkulturen und bei Mäusen hemmt.

Für Ihre Forschung wurden Sie mit dem „ICPerMed Best Practice Award“ ausgezeichnet. Heißt das, Sie können künftig jedem Patienten die für ihn passende Therapie bei Hepatitis-Infektionen anbieten?

Das ist unsere Vision. Aber mehr noch: Die Methode ist auf andere Virus-Erkrankungen übertragbar! In Zukunft könnten Ärzte bei Virusinfektionen auf Grundlage der Mutationsmuster der Viren individuelle Therapieentscheidungen treffen.

Herr Todt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

ICPerMed

Das internationale Konsortium für personalisierte Medizin (ICPerMed) bringt aktuell 42 internationale Partner aus 28 Ländern zusammen. Mitglieder sind ausschließlich Ministerien, Förderorganisationen sowie die Europäische Kommission als Beobachter. Deutschland ist in ICPerMed durch das BMBF und das BMG vertreten. ICPerMed ist eine Informations- und Dialogplattform, die eine Vernetzung nationaler und regionaler Förderer und weiterer wichtiger Akteure ermöglicht. Dadurch sollen koordinierte Forschungsansätze vorangetrieben werden, um die Wissenschaftsbasis für eine personalisierte Medizin zu erweitern und die Umsetzung erfolgversprechender personalisierter Ansätze in die klinische Praxis zu unterstützen. Hierzu werden u.a. Workshops und Konferenzen organisiert und weitere Instrumente und Informationen angeboten, wie etwa eine Datenbank zu Förderaktivitäten der Mitglieder oder eine Plattform zur weltweiten Vernetzung interessierter Forschungsinstitute und Organisationen.

ICPerMed veranstaltet am 20. und 21. November 2018 seine erste internationale Konferenz in Berlin. Gemeinsame Gastgeber sind das BMBF und das BMG. Organisiert wird die Konferenz durch das EU-finanzierte ICPerMed-Sekretariat. Neben anderen Beiträgen wird in drei rund 70minütigen „Best-Practice-Sessions“ anhand von ausgewählten Beispielen dargestellt, wie Ansätze zur personalisierten Medizin entwickelt wurden und wie die Forschungsergebnisse den Weg in die Gesundheitssysteme finden – und so zu einer verbesserten Versorgung der Patienten beitragen. Abgerundet wird die Veranstaltung durch Vorträge und die Ehrung der Gewinner des ersten ICPerMed „Best Practice in Personalised Medicine“ Award, zu denen auch Daniel Todt gehört. Die Veranstaltung mit über 400 Teilnehmenden wird auf der ICPerMed-Internetseite als Live-Stream übertragen.