"Heute muss der Lehrling digital weiter sein als der Meister"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über das Vermitteln von Alltagswissen in den Schulen, Digitalisierung im Unterricht und die Vorteile des föderalen Schulsystems. Ein Interview mit der "Wirtschaftswoche" vom 6. Januar 2017

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Wirtschaftswoche: Frau Wanka, Sie kennen den berühmten Tweet der Schülerin Naina? „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ,ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen." Hat sie recht?

Johanna Wanka: Ich glaube, dass Gedichtanalysen und vieles andere ganz wichtig sind für die Persönlichkeitsentwicklung, für das Genießen von Kultur oder das Verstehen der Welt. Ich sehe da keine Konkurrenz zu den Themen, die in der Schule vermittelt werden. Aber ich kämpfe schon seit Jahren um die Vermittlung von Alltagswissen in den Schulen. Das fehlt. Wir messen Schulleistung vor allem nach intellektuellen Kriterien. Dabei müssen wir auch andere Fähigkeiten, wie etwa handwerkliche und räumliches Denken, stärken.

Gehört Programmieren auch zu den Fähigkeiten, die wir stärken sollten?

Wir planen, fünf Milliarden Euro innerhalb der nächsten fünf Jahre für alle Schulen zur Verfügung zu stellen, für ihre digitale Ausstattung wie Breitband, WLAN, Server. Vorausgesetzt die Länder garantieren per Vertrag die Qualifizierung und Weiterbildung der Lehrer und man einigt sich auf technische Standards. Denkbar ist, unabhängig davon, auch eine Schul-Cloud aufzubauen, in der teure, aber gute Lernsoftware für alle vorgehalten wird.

Sie haben diesen Vorschlag ja im vergangenen Jahr bereits lanciert. Das Echo darauf war, vorsichtig formuliert, nicht gerade überwältigend.

Das habe ich anders wahrgenommen – alle Landesminister finden das interessant. Und die Länder haben die Kompetenz über die Lehrpläne der Schulen. Aber die Schulen reagieren sehr unterschiedlich, weil sie Sorgen haben, dieses Engagement ginge zulasten anderer Fächer …

…Sorgen, dass eine Programmiersprache am Ende das Latein verdrängt?

Ich bin gegen dieses Ausspielen und meine, man muss Sachen lernen, von denen man etwas fürs Leben hat. Das kann auch Latein sein, das für strukturiertes Denken steht. Auch bei der Digitalisierung geht es nicht einfach um eine Programmiersprache, sondern um Kenntnisse, von denen man langfristig etwas hat. Im Übrigen könnte man sicher auch mit digitalen Medien Latein lernen. Wer die Schule verlässt, muss sich weiterbilden können. Wir müssen Geld einsetzen, um Lehrlinge digital weiterzubilden. Heute muss der Lehrling digital weiter sein als der Meister. Ein bisschen Informatik reicht nicht mehr. Wir müssen neue Berufe kreieren.

Bleiben wir noch kurz bei der Schule. Bieten die eigentlich noch das richtige Lernumfeld? Viele Gebäude sind in einem ramponierten Zustand.

Die Ausstattung der Schulen in Deutschland ist sehr unterschiedlich. Manche Länder wie Sachsen, Bayern, Hessen und Brandenburg haben schon sehr viel getan, andere nicht einmal ein Viertel davon.

Sie sprechen von Nordrhein-Westfalen?

Auch.

Und Baden-Württemberg? Warum ist das Land im Pisa-Test so zurückgefallen?

Ich könnte mit Blick auf die Landesregierung in Stuttgart eine politische Antwort geben, aber das mache ich nicht. Die Wahrheit ist: Unsere Wissenschaftler wissen es auch nicht. Bei Pisa sind Bayern und Sachsen Spitze, die aber zugleich völlig unterschiedliche Schulsysteme haben: die einen zweigliedrig, die anderen dreigliedrig, die einen zwölf, die anderen bis vor einigen Jahren 13 Jahre. Aber was sie gemeinsam haben, ist eine hohe Kontinuität. Beide Länder haben nicht nach jeder Wahl das Schulsystem gewechselt, und sie sind sehr leistungsorientiert und arbeiten beide mit Noten.

Können wir daraus schließen, dass uns der Föderalismus daran hindert, im Bildungsbereich einheitliche hohe Standards festzulegen?

Es ist eine Illusion, zu glauben, dass eine zentrale Steuerung zu besseren Schulleistungen führen würde als eine föderale. Das können Sie in Spanien und Frankreich sehen. Der Vorteil des Föderalismus ist der Wettbewerb. Aber man muss schon die Standards festlegen, die auf jeden Fall zu leisten sind. Wir machen das, aber es hapert manchmal an der Kontrolle.

Welches Fach aus dem bisherigen Stundenplan könnte denn für das Programmieren geopfert werden?

Diese Frage können, falls es überhaupt nötig sein sollte, ein Fach nicht mehr zu lehren, nur die Länder beantworten. Das hängt von den jeweiligen Curricula ab.

Geht es eigentlich „nur" ums Programmlernen oder nicht viel mehr ums Verstehen der digitalen Welt - und ist das am Ende wirklich ein Schulfach?

Es geht mitnichten „nur" ums Programmieren. Ziel ist es, wie Sie selbst sagen, die digitale Welt insgesamt mit all ihren Chancen und Risiken besser zu verstehen. Außerdem geht es natürlich darum, digitale Hilfsmittel und Möglichkeiten im Unterricht zu nutzen. Die Schülerinnen und Schüler sind in ihrem Alltag längst gewöhnt, sich über digitale Kanäle zu informieren. Das sollte man auch im Unterricht, und sei es spielerisch, nutzen.

Die Fragen stellte Oliver Stock