High Tech und High Touch – Gesundheit wird digital!

Impulsstatement des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte in Berlin

 Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Professor Woopen,
sehr geehrter Herr Mittelstaedt,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Im Oktober vergangenen Jahres hatte ich die Gelegenheit, mit einer Delegation von hochrangigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland an die Ostküste der USA zu reisen und dort mehrere Gesundheitsforschungsinstitute und Krankenhäuser zu besuchen. Wir wollten uns ein Bild machen, wie die Amerikaner die Herausforderungen der translationen Gesundheitsforschung angehen und wie die Verzahnung von Gesundheitsforschung und Versorgung jenseits des Atlantiks gelingt. Die für einen Forschungspolitiker erst einmal beruhigende Erkenntnis war: Die Amerikaner beschäftigen sich beim Forschungstransfer in den Lebenswissenschaften mit den gleichen Fragen und Problemen wie wir hier in Deutschland und die dort praktizierten Lösungen werden in gleicher oder ähnlicher Weise auch in Deutschland gedacht und umgesetzt.

Aber: Mir und den Expertinnen und Experten ist ein ganz wesentlicher Unterschied aufgefallen: Bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind uns die Amerikaner um Längen voraus. In allen Universitätskliniken und Krankenhäusern der Maximalversorgung, die wir besucht haben, gehört die Digitalisierung wie selbstverständlich zum Versorgungsalltag. Von der Anmeldung in der Klinik über die verschiedenen Diagnose-Stationen bis hin zur Entlassung sind alle mitgebrachten und erhobenen Daten eines Patienten digital verfügbar und für die die behandelnden Ärzte und Pfleger einsehbar. Oft sind auch zahlreiche assoziierte ambulante Praxen an das Computernetz des Krankenhauses angebunden, so dass für viele Patienten auch Behandlungsdaten online zugänglich sind, die außerhalb des Krankenhauses erhoben wurden. 

Und, das sei in aller Deutlichkeit gesagt, wir haben keine digitalen Vorzeigekliniken besucht. Es rollten keine Roboter über die Flure; auf den Krankenstationen und in den Operationssälen arbeiteten genauso viele Menschen wie bei uns; überall war Kommunikation, Dialog und Fürsorge sichtbar und erlebbar. Besonders deutlich wurde dies im Children’s Hospital of Philadelphia, einem der renommiertesten Kinderkrankenhäuser der USA: Die Digitalisierung war allgegenwärtig, aber diente im wahrsten Sinne des Wortes den Ärzten, Pflegern, Sozialarbeitern und Psychologen dazu, ihre Arbeit auf die jungen Patientinnen und Patienten zu konzentrieren und sie bestmöglich zu versorgen.

Meine Damen und Herren!

In den USA war für uns anfassbar, woran wir hier in Deutschland noch hart arbeiten: Die Digitalisierung ist der stärkste Innovationstreiber im Gesundheitswesen und die Digitalisierung ist in der Lage, die medizinische Versorgung tatsächlich zu verbessern. Allein die vermeintlich simple Vernetzung der Leistungserbringer oder die Möglichkeiten der Telemedizin ersparen den Patienten Wege und Wartezeiten und erleichtern den Ärzten die Auswahl einer optimalen Therapie.

Darüber hinaus macht die Digitalisierung bestimmte innovative Behandlungen erst möglich:

Bahnbrechende technische und molekularbiologische Fortschritte der vergangenen Jahre haben den Weg zu mehr Personalisierung in der Medizin geebnet. Die sogenannte Präzisionsmedizin steht noch am Anfang. Die Forschung arbeitet zum Beispiel fieberhaft daran, Genanalysen für Diagnose und Therapie nutzen zu können. Ziel ist die richtige Therapie für den richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt.

Digitale Therapieunterstützungssysteme haben schon jetzt ihren festen Platz in der medizinischen Versorgung. Und immer mehr Medizinprodukte werden „digital“. Vom Hörgerät über die intelligente Prothese bis hin zu „mitdenkenden“ Herzschrittmachern – die Digitalisierung schafft einen Mehrwert und führt zu innovativen und individualisierten Therapiemöglichkeiten für eine noch bessere Patientenversorgung

Die Digitalisierung bietet auch das Potential, dass sich Gesundheitsversorgung und Gesundheitsforschung enger verzahnen. Dies bedeutet zum einen, dass Ärzten, die bei der Versorgung eines Patienten nach Krankheitsursachen oder Therapieoptionen fragen, neueste Forschungsergebnisse rascher und spezifischer zur Verfügung stehen. Andersherum sollte es möglich sein, dass Forscher in geeigneter Weise auf Versorgungsdaten Zugriff haben, um bestehende Konzepte mit wissenschaftlichen Methoden zu überprüfen, Szenarien zu simulieren oder neue Versorgungsleitlinien zu entwickeln. Mit der Öffnung der Telematik-Infrastruktur für die medizinische Forschung im e-Health-Gesetz hat die Bundesregierung eine wichtige Voraussetzung für die bessere Verzahnung von Forschung und Versorgung geschaffen. Jetzt gilt es, die geschaffenen Möglichkeiten in der Praxis umzusetzen.

Denn im Bundesforschungsministerium wollen wir, dass die Vision eines digital vernetzten Gesundheitssystems in Deutschland Wirklichkeit wird. Jeder Arzt soll zur richtigen Zeit die richtige Information haben, um seine Patienten besser und zielgenauer behandeln zu können.

Meine Damen und Herren!

Möglicherweise denken jetzt einige von Ihnen: Na, der hat gut reden. Das Versprechen von mehr digitalen Innovationen im Gesundheitswesen klingt gut, aber wir sind tagtäglich mit einer sehr kleinteiligen, manchmal engstirnigen, aber oft wenig technikaffinen Praxis konfrontiert. Mir ist sehr wohl bewusst, mit welchen Problemen und Hürden die Digitalisierung im Gesundheitswesen konfrontiert ist. Hier muss der riesige Tanker „Gesundheitssystem“ bewegt werden, unterschiedliche Interessen weisen in unterschiedliche Richtungen, Bedenken gibt es zahlreiche. Digitalisierung im Gesundheitswesen ist nichts anderes als ein kompletter Struktur- und Kulturwandel.

Als Bundesregierung ist es unsere Aufgabe, diesen Strukturwandel voranzutreiben und mitzugestalten. Mit unserer Forschungsförderung setzen wir Impulse, damit digitale Gesundheitsinnovationen schneller entstehen und rascher in der Praxis umgesetzt werden können.

In einem ersten Schritt schaffen wir die Grundlagen für eine innovative und sichere Nutzung von Gesundheitsdaten. Dazu treiben wir mit dem Förderkonzept Medizininformatik Datenverfügbarkeit, Vernetzung und Harmonisierung voran.

Es ist richtig, dass hier in den nächsten Jahren noch viel getan werden muss. Ein Blick auf die internationalen Wettbewerber in der Gesundheits-IT, – etwa IBM, Apple oder google -  zeigt aber auch, dass wir es uns nicht leisten können, viel Zeit zu verlieren. Entsprechend ambitioniert sind unsere Ziele.

Ziel des Förderkonzepts Medizininformatik ist es, die Nutzung von Daten aus Krankenversorgung, klinischer und biomedizinischer Forschung über die Grenzen von Institutionen und Standorten hinweg zu ermöglichen. Das Förderkonzept ist langfristig angelegt, soll aber zeitnah messbare Erfolge für Ärzte, Forscher und Patienten bringen.

Allein in der ersten Phase bis Ende 2021 stellen wir dafür rund 100 Millionen Euro zur Verfügung. Wir unterstützen leistungsstarke, institutionenübergreifende Konsortien aus mindestens zwei Universitätskliniken und ihren Partnern.

Darüber hinaus unterstützen wir Forschung zum intelligenten Umgang mit großen, heterogenen Datenmengen in Deutschland auch ganz gezielt in Big Data Kompetenzzentren. Bislang haben wir zwei Zentren in Dresden und in Berlin aufgebaut. Big Data wird wissenschaftliche Fortschritte und Innovationen schaffen und damit sowohl die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wissenschaft als auch die unserer deutschen Unternehmen steigern.

Neben der technologischen Entwicklung muss aber gerade auch in der Gesundheitsforschung die Anwendung in der Praxis mitgedacht werden. Daher setzen wir uns im Rahmenprogramm Gesundheitsforschung sowohl für die Entwicklung als auch für die Erprobung IT-basierter Gesundheitsanwendungen ein. Dies beginnt bei elektronischen Schulungs- und Behandlungsprogrammen für Patienten, Angehörige, Ärzte oder Pflegende. Es geht weiter über telemedizinische Plattformen und Videosprechstunden bis hin zu der Frage, wie Gesundheits-Apps Menschen bei einer gesunden Lebensführung unterstützen können. Im vom BMBF geförderten Projekt FONTANE konnten beispielsweise Berliner Wissenschaftler zeigen, dass bei Herzpatienten telemedizinische Betreuung die Überlebensrate erhöhen und die Zahl der Krankenhauseinweisungen senken kann.

In unserem Förderprogramm „Technik zum Menschen bringen“ ermöglichen wir die Erforschung intelligenter und vernetzter medizintechnischer Systeme, die nah oder im Körper getragen werden und präziser mit dem Nutzer interagieren können. So fördern wir im Innovationscluster INTAKT mit 13,6 Millionen Euro die Entwicklung einer neuen Generation von vernetzten Mikroimplantaten für verschiedene Anwendungsfelder, wie z.B. die Therapie von Funktionsstörungen des Verdauungstrakts oder die neuromuskuläre Stimulation zur Wiedererlangung von Greiffunktionen der Hand. Zukünftige Implantate werden lebenslang im Körper bleiben. Neben Biokompatibilität, Betriebs- und Datensicherheit sowie Energieversorgung wird Flexibilität hinsichtlich sich ändernder Bedürfnisse hier zu einer zentralen Herausforderung.

Neben der Förderung von Forschungsprojekten haben wir auch immer die langfristige Perspektive im Blick. Wenn wir wollen, dass Forschung zu einem bestimmten Thema sich auch nach dem Ende eines spezifischen Förderprogramms weiterentwickelt, müssen wir Strukturen aufbauen. Dazu gehören etwa Nachwuchsprofessuren, wie wir sie in der Medizin- oder Bioinformatik fördern.  

Gemeinsam mit den Ländern wollen wir eine Nationale Forschungsdateninfrastruktur aufbauen. Der Wissenschaft sollen Speicherkapazitäten und Dienstleistungen zur Verfügung stehen, mit denen Forschungsdaten langfristig archiviert und auffindbar gemacht werden können. Damit schaffen wir die Grundlage für die Nachnutzung und die Möglichkeit zur Verknüpfung von Forschungsdaten auch über Disziplingrenzen hinweg. So erhoffen wir uns neuen Erkenntnisgewinn und Innovationen an den Schnittstellen unterschiedlicher Branchen.

Im Bundesforschungsministerium setzen wir uns für innovationsfreundliche Rahmenbedingungen ein. Gemeinsam mit unseren Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Versorgungssystem wollen wir Hürden gezielt abbauen. In dem von uns initiierten Forum Gesundheitsforschung führen wir einen kontinuierlichen Dialog mit den fachlichen Spitzenvertretern der wichtigen Wissenschafts- und Forschungsorganisationen sowie Wirtschaftsvertretern über die Weiterentwicklung der Gesundheitsforschung in Deutschland. Bestehende Hürden, z.B. bei der flächendeckenden Einführung der Telemedizin, lassen wir z.T. konkret in Studien untersuchen. Mit Ergebnissen aus unserer Studie zu Hürden bei der Einführung der Telemedizin in die Regelversorgung rechnen wir Ende diesen Jahres.

Meine Damen und Herren!

Gerade die Digitalisierung macht an Ländergrenzen nicht halt. Ich weiß, dass im Gesundheitswesen oft noch nationale Gegebenheiten im Vordergrund stehen, die eine Vernetzung erschweren. Aber auch hier wird die Digitalisierung über kurz oder lang Grenzen aufbrechen. Daher ist es wichtig, Digitalisierung von Anfang an international zu denken. In Wissenschaft und Forschung fördern wir bei der Digitalisierung die europäische und internationale Zusammenarbeit, z.B. im Rahmen der Entwicklung der European Open Science Cloud. Durch Stärkung und Vernetzung bestehender Strukturen will die Europäische Kommission den 1,7 Millionen Wissenschaftlern und 70 Millionen F&E-Mitarbeitern in der EU eine eigene virtuelle Umgebung anbieten, in der wissenschaftliche Daten archiviert, genutzt und ausgetauscht werden können.

Bei vielen Projekten in der Gesundheitsforschung steht zunächst die Vernetzung innerhalb Deutschlands im Vordergrund. Wir denken aber weiter und planen von Anfang an die internationale Anschlussfähigkeit mit, z.B. im Rahmen des Förderkonzepts Medizininformatik oder bei der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur. Die beteiligten Expertinnen und Experten orientieren sich bei der Entwicklung ihrer Konzepte an internationalen Standards und Nomenklaturen.

Jetzt habe ich ganz viel über High Tech im Gesundheitswesen gesprochen. Sie haben Ihre Veranstaltung aber ganz bewusst unter das Motto “High Tech und High Touch“ gestellt. Ich bin froh, dass Sie sie nicht „High Tech versus High Touch“ genannt haben, sondern sich – bewusst oder unbewusst – für die Konjunktion UND entschieden haben. Dies zeigt mir, dass auch Sie nicht nur die technische Entwicklung, sondern immer auch deren Umsetzung in die Praxis im Blick haben.

Im Bundesforschungsministerium stellen wir uns der Verantwortung, die bei der Einführung technischer Möglichkeiten und neuen Wissens notwendig ist. Konkret heißt das, dass wir uns schon zu Beginn jedes Innovationsprozesses intensivmit ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten neuer Technologien sowie deren möglichen Folgen für unser gesellschaftliches Zusammenleben beschäftigen.

Der Schutz sensibler Daten ist gerade in Gesundheitswesen und Gesundheitsforschung ein vordringliches Thema. Informationen über den Gesundheitszustand eines Menschen sind hochsensibel und müssen, wie in der analogen Welt seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert, im geschützten Raum des Gesundheitssystems verbleiben. Wenn die Daten von Forschern genutzt und weiterverarbeitet werden, müssen sie vorher anonymisiert oder pseudonymisiert werden. Dafür gibt es gute rechtliche und wissenschaftliche Standards und Prozesse. Damit Digitalisierung im Gesundheitswesen einen Nutzen stiften kann, ist es aber unbedingt notwendig, dass Ärzte Daten austauschen. Bislang geschah dies oft per Telefon oder auf dem Postweg. Dass Daten aus der digitalen Gesundheitswelt an unbefugte Dritte gelangen, muss verhindert werden. Dass sie den behandelnden Ärzten zur Information vorliegen, darf jedoch nicht durch wenig praxistaugliche Datenschutzrichtlinien verhindert werden. Hier gilt es, ein sinnvolles Maß zwischen dem wichtigen und notwendigen Schutz persönlicher Daten und dem Wunsch nach effizienten und ergebnisorientierten Behandlungsabläufen zu finden.

Gleichwohl ist festzustellen, dass die Anwendung moderner Technologien bei vielen Menschen Ängste auslöst. Bei der Digitalisierung steht oft die Sorge im Vordergrund, dass die technischen Geräte eine Eigendynamik entwickeln, die der einzelne nicht mehr beeinflussen kann. Die Menschen haben Angst, dass sie nicht mehr Herr ihrer Daten sind und Maschinen bzw. deren Betreiber unbemerkt Informationen in einem Umfang und Detaillierungsgrad sammeln und horten, die sich unserer Vorstellung entzieht. Für mich immer wieder interessant steht dieser Sorge die mittlerweile absolut gängige soziale Praxis der freiwilligen Datenfreigabe gegenüber. Davon ist insbesondere der Konsum, ein ebenfalls sehr persönlicher Lebensbereich, zunehmend aber auch der Life-Style-Bereich betroffen, etwa mit Fitnessarmbändern oder Smartwatches, die regelmäßig Herzfrequenz, Blutdruckwerte oder Schrittzahlen an Betreiberfirmen übermitteln. Diese Diskrepanz wollen wir besser verstehen. Ziel ist es immer, Lösungen für berechtigte Sorgen zu finden und die Akzeptanz digitaler Innovationen zu erhöhen. Schon jetzt wissen wir, dass wir dafür besser verständliche Informationen, mehr Transparenz und modellhafte Pilotprojekte benötigen, die Chancen und Grenzen digitaler Innovationen aufzeigen.

Meine Damen und Herren!

Für ein Land wie Deutschland, dessen Wohlstand von der Leistungsstärke und Innovationskraft seiner Wirtschaft abhängt, ist es unerlässlich, dass Innovationen zum gesellschaftlichen Konsens gehören, in der Mitte unserer Gesellschaft einen festen Platz haben. Für die Digitalisierung hat die Bundesregierung dieses Ziel in der Digitalen Agenda für Deutschland festgeschrieben. Der digitale Wandel ist zentrale Gestaltungsaufgabe für Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik.

Strukturwandel beginnt in den Köpfen. Daher will das BMBF mit der Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft den Erwerb von digitalen Kompetenzen flächendeckend in Bildung, Ausbildung und Fortbildung verankern. Digitale Bildung ist Voraussetzung dafür, dass sich Menschen in einer sich digitalisierenden Welt schneller zurechtfinden und digitale Technologien als Teil ihrer Lebenswirklichkeit akzeptieren können.

Digitalisierung schafft für viele Menschen Verunsicherung, vor allem in der Arbeitswelt. Diese hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren durch die digitale Vernetzung und die verstärkte Automatisierung für uns alle spürbar verändert. Und sie wird sich weiter verändern. Wer sich intensiver mit den Möglichkeiten befasst, die technologische Neuerungen für die Arbeitswelt bringen, sieht stärker auch die Chancen des Wandels. Wir unterstützen diesen Prozess mit anwendungsorientierter Forschung zur „Zukunft der Arbeit“. Beispielsweise werden hier Konzepte erarbeitet, die gesundheitliche Belastungen im Arbeitsleben reduzieren und individuelle Bewältigungsressourcen steigern.  Ein zentraler Punkt dieses Ansatzes ist auch die Modernisierung der beruflichen Bildung. Gerade für Beschäftigte in der Medizin und Pflege fördern wir zahlreiche digitale Bildungsangebote. Den Dialog mit den Bürgern zu diesem Thema setzen wir im Wissenschaftsjahr 2018 zur Zukunft der Arbeit fort.

Insbesondere für Mitarbeiter im Gesundheitswesen stellt die Digitalisierung jedoch keine Bedrohung da. Aktuelle Studien besagen, dass allein durch die Digitalisierung der Arbeitskräftebedarf in der Gesundheits- und Pharmabranche bis 2030 um 11 Prozent zunehmen wird, so stark wie in keinem anderen Wirtschaftssektor. Das bedeutet, dass für das Gesundheitswesen der Zukunft viele Fachkräfte mit digitalen Kompetenzen benötigt werden. Im Bundesforschungsministerium unterstützen wir die Nachwuchsförderung in den lebenswissenschaftlichen Data Sciences, z.B. mit der Förderung von Nachwuchsprofessuren in den Fächern Bio- oder Medizininformatik.

Wenn ich an meinen Besuch im Kinderkrankenhaus in Philadelphia denke, dann weiß ich, dass High Tech im Gesundheitswesen zwar wichtig, aber High Touch absolut notwendig ist. Gerade wo so schwache und sensible Patienten wie Kinder behandelt werden, ist menschliche Zuwendung und Fürsorge besonders wichtig für den Therapieerfolg. Alle Eltern unter ihnen wissen, wie wichtig für kranke Kinder neben medikamentösen oder gar technischen Behandlungen die Zuneigung und Begleitung der Eltern, das Einfühlungsvermögen der Ärzte und Pflegenden ist. In Philadelphia hat sich gezeigt, dass digitale Hilfsmittel Kinder, Ärzte und Angehörige entlasten können: Wartezeiten werden verkürzt, Doppeluntersuchungen werden vermieden, wichtige Informationen gehen nicht im schnelllebigen Arbeitsalltag eines Krankenhauses verloren. Ein Teil der Belastung der Patienten in einer Klinik kann durch Digitalisierung reduziert werden, im Idealfall haben Ärzte und Pflegende sogar mehr Zeit für die betroffenen Kinder und ihre Eltern. Reale und digitale Welt ergänzen sich zum Wohle der kleinen Patientinnen und Patienten.

Im Bundesforschungsministerium setzen wir uns dafür ein, dass im Gesundheitswesen ein gutes Miteinander von realer und digitaler Welt gelingen kann. Neunzig Prozent der Bundesbürger legen großen Wert auf das ausführliche Gespräch und den persönlichen Vor-Ort-Besuch bei einem Arzt. Gleichzeitig würde mehr als jeder dritte Bürger bei einem ihm unbekannten Arzt eine Online-Sprechstunde besuchen. Dies zeigt, dass sich reale und digitale Welt, High Touch und High Tech im Gesundheitswesen nicht ausschließen, sondern sich ergänzen können und müssen.

Die Bundesforschungsministerin, Frau Wanka, hat gesagt, dass bei aller Digitalisierung die Menschlichkeit nicht verloren gehen darf. Dies gilt nicht nur, aber ganz besonders für die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Sie ist kein Selbstzweck, sondern muss Menschen und ihrer Gesundheit dienen. In  unserem Rahmenprogramm Gesundheitsforschung behalten wir den Menschen im Blick und fragen immer wieder nach dem Nutzen digitaler Gesundheitsanwendungen für den Patienten, für die Patientin. Wir setzen uns dafür ein, dass Technik dem Menschen dient und nicht umgekehrt. Unsere Aufgabe ist es, uns auf diese Entwicklungen einzustellen und geeignete Bedingungen für digitale Innovationen zu schaffen. Dann, meine Damen und Herren, kann uns E-Health  in Zukunft spürbar gesünder machen.