Spezielles Training für Alleinerziehende

Alleinerziehende Mütter haben oft finanzielle Sorgen und sind eher krank. Ein Grund ist häufig der hohe emotionale Druck, der sie belastet. Forscher der Universität Düsseldorf haben ein Programm entwickelt, das sie nachweislich emotional stärkt.

Stress abbauen, Beziehung stärken: Spezielle Übungen können Alleinerziehenden helfen, den Alltag besser zu meistern. © Thinkstock

„Wie können wir alleinerziehenden Müttern helfen?“ Diese Frage haben sich Matthias Franz und sein Team vor einigen Jahren gestellt. Denn alleinerziehende Mütter sind gesundheitlich und psychosozial stark belastet. Sie sind häufiger depressiv als Mütter in partnerschaftlichen Beziehungen. Hinzu kommt, dass die Gesundheit der Kinder und deren seelische Entwicklung auch gefährdet sein können. Das äußert sich nicht selten in Verhaltensauffälligkeiten. Bis ins Erwachsenenalter hinein können emotionale und soziale Beeinträchtigungen andauern. Das zeigen auch internationale Studien.

Selbstvertrauen und Elternkompetenzen stärken

Franz ist stellvertretender Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik in Düsseldorf. Mit seinem Forschungsteam hat er ein Training entwickelt, das sich an alleinerziehende Mütter richtet und ihr Selbstvertrauen und ihre Elternkompetenzen stärken soll. Dafür werden sie ein halbes Jahr lang in wöchentlichen Kursen im Umgang mit Stress und der Wahrnehmung von Gefühlen geschult. „Affektmobilisierende Rollenspiele sind ein wichtiger Bestandteil unserer Kurse“, so Franz. „Sie sind extrem hilfreich, da sie die Möglichkeit bieten, sich in das Erleben des Kindes hinein zu versetzen und typische Konflikte aus dem Alltag in der Gruppe zu besprechen und dadurch zu verarbeiten. So können die Frauen in ähnlichen Situationen zukünftig bewusster und weniger gestresst reagieren.“ Ergänzt wird das Programm durch spezielle Mutter-Kind-Übungen für Zuhause. Das Ziel des Elterntrainings ist: Balance herstellen, Bindung aufbauen, Beziehung stärken.

Wirksamkeit Wissenschaftlich getestet

Der Inhalt des Kurses ist dabei in einem extra hierfür angelegten Handbuch festgelegt, dem so genannten Manual. „Dieses Handbuch ist wichtig, denn es stellt sicher, dass sich die Durchführung des Kurses nach gewissen Standards richtet, die vergleichbar sind“, erklärt Franz. Das Manual bildet damit auch eine wesentliche Grundlage dafür, dass die Wirksamkeit der Kurse wissenschaftlich getestet werden kann.

Die wissenschaftliche Entwicklung des Leitfadens, die Durchführung der Kurse und die Auswertung in einer kontrollierten, randomisierten Studie wurden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Kooperationen mit den Kommunalverwaltungen in Neuss und Hilden haben es ermöglicht, die Kurse zunächst in diesen Orten anzubieten. Die Auswertung belegt, dass das Training die alleinerziehenden Mütter in ihrem Alltag unterstützt: Im Vergleich zu alleinerziehenden Müttern, die den Kurs nicht besuchten, waren sie nachhaltig weniger depressiv und emotional gestärkt. Der Kurs hatte darüber hinaus auch Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung: Es gibt Hinweise, dass die Kinder der ″trainierten″ Mütter während und nach dem Kurs weniger verhaltensauffällig waren als Kinder der alleinerziehenden Mütter, die nicht teilgenommen haben.

Kursprogramm "wir2"

Dieses Ergebnis war der Anlass, das Training bundesweit Alleinerziehenden anzubieten. Franz und sein Team haben einen Businessplan erstellt und das Kursprogramm "wir2" getauft. „Dieser Name soll den Wert und den Einfluss der Beziehung zum Kind verdeutlichen“, sagt Franz. Seit Februar 2014 hat die Walter-Blüchert-Stiftung "wir2" in ihr Förderprogramm aufgenommen. Mittlerweile werden nach intensiver Schulung von Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern vom „wir2“-Team Kurse in vielen Gemeinden angeboten.

Förderhilfe des BMBF

„Das BMBF hat ganz am Anfang dieser erfolgreichen Entwicklung eine entscheidende Start- und Förderhilfe gewährt und so dazu beigetragen, dass mit diesem Unterstützungsangebot die Lage für Alleinerziehende und ihre Kinder verbessert werden kann“, sagt Franz. Er weist außerdem darauf hin, dass nicht nur die Mütter, sondern auch die Kinder vom Kurs profitieren und ihre Kindergarten- und Schulzeit unbeschwert erleben. „Wir wünschen uns, dass Krankenkassen, Jugendämter und auch die Politik uns dabei unterstützen, dieses Programm weiter in die Breite zu bringen. Der Bedarf ist jedenfalls groß.“

Alleinerziehende Väter

Aufgrund seiner nachweisbaren Wirksamkeit steht das Programm in der höchsten Evidenzkategorie der „Grüne Liste Prävention“. Diese Liste ist eine Datenbank, die deutschlandweit einen Überblick über empfehlenswerte Präventionsansätze bietet. Zudem wurde das Programm mit dem renommierten Heigl-Preis ausgezeichnet. Franz und sein Team wollen diese erfolgreiche Präventionsmaßnahme nun auch für alleinerziehende Väter weiter entwickeln.

Präventionsforschung

Die Gesundheit zu fördern und zu erhalten ist ein zentrales Anliegen medizinischer und gesundheitswissenschaftlicher Forschung. Unsere Gesundheit wird dabei durch viele Faktoren beeinflusst. Erbgut und Lebensstil spielen ebenso eine Rolle wie Umwelt und Gesellschaft. Das Bundesforschungsministerium hat mit seinem Aktionsplan zur Präventions- und Ernährungsforschung ein umfassendes Maßnahmenpaket verschiedener Förderaktivitäten geschnürt, die die Entwicklung präventiver Ansätze anstoßen.

Die moderne Präventionsforschung zeigt, dass die Ansätze darauf ausgerichtet sein müssen, die Gesundheitskompetenzen der Menschen selbst zu erhöhen. Der Einzelne soll in die Lage versetzt werden, selbstständig und eigenverantwortlich einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu entwickeln.