Hilfe für pflegende Angehörige

Pflegende Angehörige sind oft durch Pflege- und Betreuungsaufgaben sehr belastet. Das Bundesforschungsministerium unterstützt eine wissenschaftliche Studie, die ein gestuftes Hilfskonzept für Betroffene auf seine Wirksamkeit untersucht.

Viele pflegebedürftige Menschen in Deutschland werden von ihren Angehörigen versorgt. © Projekttraeger DLR Gesundheitsforschung im Auftrag des BMBF

Knapp zwei Millionen Menschen in Deutschland werden zuhause gepflegt oder betreut. Häufig übernehmen Angehörige diese wichtige Aufgabe, in vielen Fällen allein und ohne weitere Hilfen. „Die Pflege eines Angehörigen kann sehr herausfordernd sein. Sie verändert das Leben der Pflegenden mitunter gravierend und wirkt sich auf nahezu alle Lebensbereiche aus“, weiß Klaus Pfeiffer vom Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart. „Für diese Menschen ist deshalb eine professionelle und methodisch fundierte Beratung sinnvoll und notwendig.“

Gemeinsam mit Gabriele Wilz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat Klaus Pfeiffer ein gestuftes Beratungskonzept für pflegende Angehörige entwickelt. Es baut auf vorangegangenen Studien der Jenaer und Stuttgarter Arbeitsgruppen auf. „Unser Hilfskonzept kombiniert zwei unterschiedliche Maßnahmen – eine Pflegeberatung und eine psychotherapeutische Intervention“, erläutert Gabriele Wilz. „Beide Maßnahmen wurden von uns entwickelt und jede für sich erfolgreich getestet. Durch die Kombination beider Maßnahmen entsteht ein umfassendes Hilfsangebot, dessen Intensität an den Bedarf angepasst werden kann.“ Die Wirksamkeit ihres Konzeptes gegenüber einer Kontrollgruppe untersuchen die Forschenden aktuell in der ReDiCare*-Studie, die durch das Bundesforschungsministerium gefördert wird.

Probleme im Alltag lösen lernen

Die Teilnehmenden der Studie erhalten zunächst eine dreimonatige Pflegeberatung, die auf einem strukturierten Problemlöseansatz basiert. Dieser hilft pflegenden Angehörigen bestehende Probleme im Alltag besser zu bewältigen. Im Beratungsprozess werden die Pflegenden mit ihren individuellen Fähigkeiten in alle Beratungsschritte aktiv und systematisch einbezogen und in ihren Eigenbemühungen im Umgang mit der Pflegesituation gestärkt.

Bei einer Hälfte der Teilnehmenden wird die Beratung telefonisch durchgeführt, bei der anderen Hälfte erfolgt die telefonische Beratung im Anschluss an einen Hausbesuch. Die Pflegeberaterinnen und Pflegeberater werden zuvor methodisch geschult und über den Zeitraum der Studie hinweg durch Coaches telefonisch begleitet.

Angehörigen, die nach diesen drei Monaten weiterhin hoch belastet sind, wird zusätzlich eine psychotherapeutische telefonische Unterstützung angeboten. Die sechsmonatige verhaltenstherapeutische Intervention ist unter anderem darauf ausgerichtet die Angehörigen im Umgang mit Stress, aber auch mit pflegebedingten Emotionen wie Wut oder Trauer zu stärken und ihr Verständnis für und den Umgang mit krankheitsbedingten Herausforderungen zu verbessern. Weitere wichtige Ziele sind die Stärkung der Selbstfürsorge und die Förderung der Bereitschaft Hilfe anzunehmen. An der Studie sollen insgesamt etwa 570 pflegende Angehörige teilnehmen, die über die beteiligten Pflegekassen vermittelt werden.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt das Forschungsprojekt ReDiCare durch die Fördermaßnahme „Studien der Versorgungs- und Pflegeforschung für ältere und hochbetagte Menschen“. Sie ist Teil der Förderinitiative „Gesund – ein Leben lang“.
Ziel der Fördermaßnahme ist es, die Grundlage dafür zu schaffen, dass in der Versorgung und Pflege die Bedürfnisse älterer und hochbetagter Menschen besser berücksichtigt werden. Dabei sollen Funktionalität, Selbstbestimmung, soziale Teilhabe und gesundheitsbezogene Lebensqualität im Vordergrund stehen.

Enge Einbindung der Pflegekassen

Die häusliche Pflege wurde in den vergangenen Jahren durch das Pflegeergänzungsgesetz und die Pflegestärkungsgesetze in Deutschland gestärkt. So besteht seit 2009 ein gesetzlicher Anspruch auf eine Pflegeberatung (§7a SGB XI). Viele der bereits erfolgreich evaluierten Interventionsprogramme für pflegende Angehörige werden in der Versorgung bislang allerdings kaum umgesetzt. Im Projekt ReDiCare sind deshalb zwei Pflegekassen (AOK Baden-Württemberg, AOK Bayern) sowohl bei der Rekrutierung der belasteten Pflegenden als auch in die Durchführung der Pflegeberatung eingebunden. Die Wissenschaftler erhoffen sich davon wichtige Informationen darüber, wie das Hilfskonzept zukünftig in den Versorgungsalltag integriert werden kann.

Neben Dietrich Rothenbacher von der Universität Ulm (Datenmanagement, Statistik) als weiterer Verbundpartner wirken Christian Ernst von der Universität Hohenheim (Gesundheitsökonomie) und Thomas Heidenreich von der Hochschule Esslingen (Coaching und Arbeitsgesundheit der Pflegeberater/innen) im Projekt ReDiCare mit.

* Relieving Distressed Caregivers: A Pragmantic Trial (Deutscher Arbeitstitel: BerTA – Beratung und telefonische Therapie für pflegende Angehörige)