Hochschulen bald total digital?

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka spricht im Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung über Pädagogik im Online-Zeitalter – und über die Bedeutung der Schreibschrift. Die Fragen stellte Reinhard Zweigler.    

Johanna Wanka im Interview
Johanna Wanka im Interview © Laurence Chaperon

MZ: Finden Sie MOOCS, die massiven offenen Online-Kurse an Hochschulen, wie der Uni Regensburg, auch so toll und zukunftsweisend?

Wanka: Zuerst gab es in den USA einen Hype, also viel Aufsehen darum. Weil aber kein Geschäftsmodell dahinter steckt, hat sich das gelegt. Dennoch haben diese offenen Online-Kurse ihre Berechtigung. Sie sind schon nützlich für Studierende, die räumlich unabhängig mit Lehrenden und Kommilitonen digital in Verbindung treten und sich austauschen können, und für Hochschulen, die darüber weltweit um gute Studierende werben.

In den 90er Jahren hieß der Slogan virtuelle Hochschule. Sind offene Online-Kurse in der digitalen Zeit heute etwas anderes?

Mit den neuen digitalen Techniken geht es heute nicht etwa um abgefilmte Vorlesungen, sondern um viel mehr, um die Möglichkeiten des digitalen Lernens. Sie können etwa in Naturwissenschaften Experimente zeigen, die in einer normalen Vorlesung nicht gezeigt werden könnten. Sie können weltweit Experten zuschalten. Studierende können mit Lehrenden kommunizieren, wie es vor 15 Jahren noch nicht möglich war. Aber wichtig ist, dass ein kluges pädagogisches Konzept dahinter steckt, digitale Technik allein greift zu kurz.

Haben wir bald Hochschulen total digital?

Nein, auf keinen Fall. Der direkte Kontakt zu den Lehrenden, die Kommunikation und Interaktion sind und bleiben unersetzlich. Es geht beim Studium nicht nur um reine Wissensvermittlung, sondern immer auch um die Bildung der Persönlichkeit, um Wertevermittlung. Das Vorbild des Professors, der Professorin, der oder die die Studierenden begeistert, ist unabdingbar. Aber man kann heute die weitreichenden digitalen Möglichkeiten klug einbinden. Ich selbst war vor zehn, 15 Jahren noch skeptisch, doch heute sehen wir, es gibt einen Quantensprung in der digitalen Entwicklung.

Gilt auch in der digitalen Zeit Humboldts Anspruch an die möglichst universelle Bildung?

Ich bin der festen Überzeugung: Ja. Die Hochschule ist viel mehr als eine reine Wissensvermittlungsstätte. Sie ist der Ort für vielfältige Kontakte zu anderen Disziplinen. Probleme können aus unterschiedlichen Perspektiven angegangen werden. Man kann sich über soziale, moralische Aspekte austauschen.

Ist es hilfreich, dass heutige junge Studentengenerationen ganz selbstverständlich mit digitalen Medien umgehen?

Auf jeden Fall. Allerdings besagen OECD-Studien auch, dass die IT-Bildung auch einen Bezug hat zur sozialen Herkunft. In eher bildungsfernen Schichten werden digitale Medien häufiger zum Spielen genutzt, andere setzen sie auch gezielt zum Lernen, zur Suche nach Inhalten und Lösungen ein, nutzen etwa gute Lernsoftware. Es nützt nichts, Schülern einfach Computer, Tablets in die Hand zu geben. Wichtig ist ein pädagogisches Konzept, was man auf diesem Wege erreichen will. In der Qualitätsoffensive Lehrerbildung legen wir etwa einen Schwerpunkt darauf, wie digitale Medien im Unterricht genutzt werden können.

Plädieren Sie für ein Schulfach digitale Medien?

Es gibt viele Forderungen nach neuen Fächern. Aber man muss auch die begrenzte Zeit von Schülern und Lehrern im Blick behalten. Mir ist wichtig, dass diese Themen auch in den bestehenden Fächern gelehrt und gelernt werden. Das schließt das Wissen um Risiken und Missbrauch ein.

Müssen Schüler heute noch die Schreibschrift erlernen und können? Hamburg will sie abschaffen.

Das halte ich für verkehrt. Mit dem Schreiben entwickeln sich feinmotorische Fähigkeiten. Schreiben ist zudem ein Kulturgut, das wir nicht einfach aufgeben dürfen. Und Hirnforscher sagen, dass das Schreiben mit der Hand für die Entwicklung des Gehirns ganz wichtig ist.

Wie muss Hochschulpolitik auf die digitale Welt reagieren?

Ich denke, dass das Thema von Bund und Landesregierung sehr ernst genommen wird. Wir haben gerade eine Plattform für IT-Bildung und Wissenschaft gegründet. Experten von Hochschulen und aus der Wirtschaft werden ihre Ergebnisse, Hinweise und Anregungen zum IT-Gipfel 2016 vorlegen. Wie kann man sich vernetzen, welche Geräte, welche Schnittstellen, welche Standards benötigt man?

Ist Google in diesem Prozess eher ein Gegner oder ein Partner?

Wir nutzen Suchmaschinen, weil sie uns schnell Antworten liefern. Beim Umgang mit digitalen Informationen muss auch der Schutz und die Sicherheit unserer Daten gewährleistet sein. Beispielsweise kann Google als ein Gesellschafter der Deutschen Gesellschaft für künstliche Intelligenz dazu beitragen, dass die Forschung verlässliche und alltagstaugliche, aber auch verständliche und verbraucherfreundliche Lösungen hervorbringt.

Braucht es neue Finanzierungsquellen für die digitalen Unis?

Den Hochschulen stehen Bundes- und Länderprogramme für Investitionen zur Verfügung. Sie brauchen eine kluge Strategie, wie sie die neuen digitalen Möglichkeiten nutzen wollen. Dann kann das Geld auch dafür eingesetzt werden.