Hochschulen im digitalen Zeitalter

Rede der Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen anlässlich der Tagung  „Hochschulen im digitalen Zeitalter“

Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium frü Bildung und Forschung, eröffnet die Fachtagung. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

die Bedingungen der Hochschulbildung haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren stark gewandelt. Mehr als die Hälfte eines Altersjahrgangs entscheidet sich heute für ein Hochschulstudium. Gleichzeitig steigt die Heterogenität der Studierenden: mehr beruflich qualifizierte Studienanfänger und mehr Studienanfänger aus dem Ausland belegen, dass sich Studieren in Deutschland lohnt.

Bund und Länder sind gemeinsam diese Herausforderungen mit der Exzellenzinitiative, dem Hochschulpakt und dem Pakt für Forschung und Innovation zielstrebig angegangen und haben eine enorme Dynamik im Hochschul- und Wissenschaftssystem bewirkt.

Mit der Expansion des Hochschulsektors ist eine Ausdifferenzierung des Hochschulsystems einhergegangen, der Ausbau der Fachhochschulen und das rasche Wachstum privater Hochschulen. Und immer stärker verändert die Digitalisierung die Hochschulen. Das kann zu einer echten Revolution werden, eine Revolution, die gerade erst begonnen hat: Bildung kann gerechter und individueller werden. Freiräume für diskursives und forschendes Lernen können entstehen. Hochschulen können Menschen erreichen, die bisher hochschulfern waren. Reputation kann neu definiert, Hochschulprofile geschärft und Lebenslanges Lernen zur Selbstverständlichkeit werden. Dies alles gelingt dann, und nur dann, wenn Hochschulen und Hochschulpolitik diese Chancen entschlossen ergreifen.

Im 19. Jahrhundert ging eine Revolution der Hochschulen von Deutschland aus, von der Bildungsreform in Preußen und dem Ideal der Hochschule, wie es Wilhelm von Humboldt prägte. Viele Hochschulen, gerade auch in den USA, ließen sich davon inspirieren. Heute schauen wir mit einigem Respekt auf die Entwicklung digitaler Bildungsangebote nicht nur, aber vor allem auch in den USA. Wie so oft werden hier schneller neue Geschäftsmodelle entwickelt, neue Formate erprobt. Vieles gelingt nicht von Anfang an, wie die erste MOOC-Welle gezeigt hat. Und inzwischen sind wir auch hier in Deutschland aufgewacht, diskutieren lebhaft Chancen und Herausforderungen, während sich viele Hochschulen bereits digital verändern.

Heute und morgen haben wir die Gelegenheit, über die notwendigen Veränderungen in den Hochschulen und insbesondere in der Hochschulbildung zu diskutieren und dabei auch die internationale Perspektive einfließen zu lassen. Ich freue mich sehr, dass Sie hier sind und begrüße ganz besonders unsere Gäste aus dem Ausland. Ich begrüße alle, die sich seit Jahren aktiv mit der Digitalisierung der Hochschulen befassen, und alle, die im Hochschulforum Digitalisierung mitwirken, das wir seit Jahren und gerne für weitere vier Jahre fördern. Das Forum unterstützt Hochschulen bei der strategischen Verankerung der Digitalisierung sowie deren Nutzung in der Lehre. Es leistet Pionierarbeit im besten Sinne. Dafür herzlichen Dank!

Zur Debatte heute und morgen möchte ich fünf Thesen und Herausforderungen beitragen: Herausforderungen, auf die Politik und Hochschulen zum Teil bereits gute Antworten haben – und solche, bei denen wir gute Antworten gemeinsam suchen müssen.

Die Digitalisierung der Hochschulen ergibt sich nicht von allein

Das Bild des vielseitig orientierten Studenten oder der technikaffinen Studentin, die sich individuelle Lernportfolios zusammenstellen, bestätigt sich bislang nicht. Die digital natives, wenn sie überhaupt so zahlreich sind, wie oft behauptet, meistern die Anforderungen eines digital unterstützten Studiums oder der Arbeitswelt 4.0 nicht aus sich heraus. Die private Nutzung digitaler Medien übersetzt sich nicht zwangsläufig in den Hochschulalltag. Sie führt erstaunlicherweise auch nicht dazu, dass Studierende digital unterstützte Bildungsformate einfordern. Vielmehr funktioniert digitale Lehre vor allem dann, wenn Dozierende sie aktiv einführen. Wie gelingt es uns, aus diesen Aktiven eine breite Bewegung zu schaffen? Welche Strukturen müssen wir etablieren? Das sind entscheidende Fragen.

Es reicht nicht, die digitale Lehre den Pionieren zu überlassen, so stark ihre Angebote auch sind. Digitalisierung muss Kernthema der Hochschulen und ihrer Leitungen sein. Ich erwarte, um das ganz klar zu sagen, dass absehbar jede Hochschule ihre Digitalisierungsstrategie erarbeitet. Daraus werden keine einheitlichen Lösungen entstehen – und das ist gut so! „Die digitale Hochschule gibt es nicht“ – so lautete die erste von 20 Thesen des Hochschulforums 2015. Die deutsche Hochschullandschaft lebt von Vielfalt in jeder Hinsicht. Digitalisierung homogenisiert diese Vielfalt nicht, sie kann sie stärken: Digitale Profile können ganz unterschiedlich aussehen, nach Fächern, Zielgruppen und der Frage, ob Präsenzlehre oder Online-Angebote im Zentrum stehen.

Die Digitalisierung wird dann gelingen, wenn digitale Lehre erkennbar ein Gewinn für die Studierenden ist, die sich weiterhin und gerade auch digital gut betreut wissen. Und sie wird gelingen, wenn digitale Lehre ein Gewinn für die Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer ist: Wenn Inhalte, nicht Technik im Zentrum stehen und die Angebote ohne zu großen Aufwand und mit der technischen Unterstützung der Hochschule erarbeitet werden können.

Kurz: Die Hochschulen müssen die Digitalisierung nicht nur gut verwalten – das muss auch sein –, sondern sie müssen sie gestalten.

Digitalisierung der Hochschulen ist kein Selbstzweck. Sie muss auf eine digitale Welt vorbereiten. Sie kann die Lehre verbessern sowie Austausch und Mobilität erhöhen.

Manch einer oder eine geht angesichts der digitalen Revolution auf Tauchstation und meint: Auch dieser Trend wird irgendwann vorüber gehen. Natürlich kennt auch die Digitalisierung Trends und einige davon sind bereits vorübergegangen, andere werden es tun. Aber man muss keine Hellseherin sein, um zu wissen, dass die Digitalisierung Kommunikation, Produktion, Wertschöpfung, Lehre und Forschung – ja nahezu alle Lebensbereiche dauerhaft prägen wird.

Umso wichtiger ist es, dass wir uns und anderen klar machen: Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Wenn wir uns selbstbestimmt, neugierig und kreativ in der digitalen Welt bewegen wollen, müssen wir sie verstehen. Digitale Bildung vermittelt die nötigen Schlüsselkompetenzen und schafft Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe. Sie bereitet auf eine digital geprägte Arbeitswelt vor. Sie ermöglicht, Digitalisierung zu gestalten, um sie zu einem Gewinn für den einzelnen wie für die Gesellschaft zu machen.

Ein derzeit weit verbreitetes Missverständnis lautet: Es gibt keine Belege dafür, dass die digitale Bildung die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, der Studierenden verbessert. Aus meiner Sicht geht es aber nicht primär um bessere Leistungen, sondern um eben jenes Verständnis der Chancen wie der Herausforderungen der Digitalisierung. Der nächsten Generation dieses Verstehen zu ermöglichen, das ist unsere pädagogische Pflicht: In den Schulen, den Betrieben, den Hochschulen. Es gilt der Primat der Pädagogik. Im Zentrum steht für uns der Mensch, mit seinen Bedürfnissen und Erwartungen.

Neben einem möglichst weit verbreiteten allgemeinen Verständnis brauchen wir zugleich mehr Expertinnen und Experten, die Algorithmen entwickeln, Programme schreiben, Daten sinnvoll verknüpfen und die Ergebnisse der Verbindungen verstehen und vermitteln können; Menschen, die digitale Archive verwalten können, die technische Neuerungen entwickeln. Kurz: wir brauchen Köpfe und Kompetenzen für die digitale Wissenschaft – eine neue Generation von Datenwissenschaftlerinnen und Datenwissenschaftlern. Als Grundlage hierfür benötigen wir neue oder erweiterte Studien- und Ausbildungsgänge und zusätzliche Angebote in der Fort- und Weiterbildung.

Wenn es richtig ist, dass digitale Bildung bislang nicht die Leistungen verbessert, dürfen wir uns zugleich nicht damit zufrieden geben. Wir müssen sie so gestalten, dass sie sich positiv auf die Leistungen auswirkt. Die Experimentierphase digitaler Bildung ist vorbei, die Erkenntnis ist da, dass rein digitale Inhalte ohne Austauschmöglichkeiten und ohne jede Präsenz zu hohen Abbruchquoten führen. Die meisten Menschen sind soziale Wesen, sie lernen besser im Dialog, und diese einfache Wahrheit muss auch die digitale Bildung konsequent berücksichtigen.

Mit dem Qualitätspakt Lehre hat das BMBF einen wichtigen Veränderungsimpuls für eine bessere Hochschullehre und für digital gestütztes Lehren und Lernen gesetzt. Weit über 50 % der geförderten Vorhaben der ersten Förderperiode setzen entsprechende Maßnahmen um. Sie drehen sich vor allem um Assessment und Prüfungen, E-Learning und Blended Learning sowie die Organisation von Lehren und Lernen. In der zweiten Förderperiode rückt die Digitalisierung noch stärker in den Fokus.

Die digital gestützte Lehre kann nicht nur die bessere, sie kann auch die effektivere Lehre sein. Eine Vorlesung wie die „Einführung in die Statistik“ muss vom selben Dozenten vielleicht nicht jedes Jahr erneut und nicht von tausenden Dozentinnen und Dozenten in Deutschland jährlich gehalten werden, wenn sie als hervorragender Online-Kurs zur Verfügung steht. Dabei darf es nicht darum gehen, Arbeitsplätze einzusparen – das sollte nach diversen Konsolidierungen und angesichts weiterhin hoher Studierendenzahlen an den Hochschulen tabu sein. Mir geht es um Freiräume: Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer könnten sie für eine intensivere Betreuung der Studierenden nutzen.

Last but not least kann digitales Lehren und Lernen die Mobilität erhöhen, weil sich Kurse von nahezu überall weiter verfolgen lassen, weil man sich auf einen Auslandsaufenthalt oder die Rückkehr aus dem Ausland mit Hilfe von Online-Kursen viel besser und passgenauer vorbereiten kann. Studierende können außerdem Zeugnisse, Prüfungsergebnisse und ECTS-Punkte online mitnehmen. Neue Formen internationaler Kooperation können entstehen, ob beim Hochschulmarketing oder bei Propädeutika. Für zum Teil tiefgreifende Prozessinnovationen in der internationalen Kooperation zwischen Hochschulen müssen Strategien entwickelt und umgesetzt werden. Der internationale Austausch und internationale Entwicklungen können über die digitale Vernetzung den deutschen Hochschulalltag stärker prägen als je zuvor.

Mit Hilfe der Digitalisierung können die Hochschulen neue Zielgruppen erreichen. Dabei müssen wir die digitale Spaltung verhindern.

Neue Zielgruppen sind in aller Munde. Dabei ist es mit ihnen ähnlich wie mit den besseren Leistungen durch digital gestützte Bildung: Wir dürfen nicht den Wunsch, die Hochschulen für sie attraktiv zu machen, mit der Wirklichkeit verwechseln. Hochschulen und Hochschulpolitik müssen sich konsequent und nachhaltig dafür einsetzen, dass aus dem Wunsch Wirklichkeit wird.

Mit den räumlich und zeitlich flexiblen Angeboten können wir jene erreichen, die in Teilzeit studieren wollen, die weniger mobil sind, beispielsweise weil sie alleinerziehend sind oder jemanden pflegen; Menschen, die sich neben dem Beruf weiterqualifizieren und solche, die sich aus dem Ausland auf ein Studium in Deutschland vorbereiten wollen.

Natürlich ist das in vielerlei Hinsicht für die Hochschulen eine große Herausforderung. Aber: Wir können so viel mit der Öffnung für neue Zielgruppen gewinnen! Wir gewinnen eine Hochschule, die für viele Menschen nicht nur in jungen Jahren eine Rolle spielt. Wir verankern die Hochschulen stärker in der Gesellschaft, ganz konkret auch der Bürgerschaft einer Stadt oder einer Region. Wir können die Durchlässigkeit zwischen Ausbildung und akademischer Bildung erhöhen und damit zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen. Ich glaube nicht, dass dadurch das Niveau der Studierenden sinkt: Wer „von außen“ kommt und den virtuellen oder realen Schritt in die Hochschulen wagt, ist häufig besonders motiviert.

Diese Überzeugungen prägen das Handeln des BMBF und der Bundesregierung. Seit 2011 gibt es den Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. Das Programm zielt darauf, dem Fachkräftemangel vorzubeugen, die Durchlässigkeit zu befördern, wissenschaftliche Weiterbildung zu entwickeln und das deutsche Hochschulsystem in diesem Feld international anschlussfähig zu machen. Es unterstützt die Entwicklung und Erprobung von Angeboten für berufsbegleitendes Studieren und lebenslanges, wissenschaftliches Lernen an Hochschulen. Die Weiterbildungsangebote richten sich vor allem an Berufstätige, Personen mit Familienpflichten und Berufsrückkehrer.

Das Programm war nicht primär zur Erforschung oder Entwicklung digitaler Bildung gedacht. Gleichwohl hat sich die wissenschaftliche Weiterbildung in kürzester Zeit zum Pionierfeld digitaler Bildung entwickelt. Genutzt werden neben virtuellen Klassenräumen und Seminaren auch Online-Foren und Chatrooms. Zum Einsatz kommen mobile Endgeräte. Virtuelle Labore werden eingerichtet. Mediendidaktik ist Forschungs- und Lehrgegenstand.

Ich appelliere an die Hochschulen: Nutzen Sie diese Erfahrungen in anderen, digital bislang weniger geprägten Bereichen! Das kann die Lehre insgesamt verbessern und die Attraktivität deutscher Hochschulen im europäischen und internationalen Bildungsraum steigern.

Dafür ist viel zu tun. Wir wollen neue Zielgruppen erreichen und sind zugleich mit der Herausforderung einer digitalen Spaltung konfrontiert. Vor einiger Zeit hat eine Studie des Centrums für Hochschulentwicklung die wenige Forschung in dem Sinne zusammengefasst: Bislang profitieren von der digitalen Bildung eher jene aus bildungsaffinen Elternhäusern. Dabei darf und dabei muss es nicht bleiben: Digitale Bildung kann individuelle Förderung erleichtern – ob durch Dozenten oder die Peer-Group. Adaptives Lernen setzt auf dem individuellen Niveau des Lerners an, und dort, wo Studieren teuer ist – also nicht in Deutschland – können hochwertige Angebote für deutlich weniger Geld wahrgenommen werden. Aber das alles ist, das haben die letzten Jahre gezeigt, kein Selbstläufer. Die Möglichkeiten sind da, jetzt müssen wir sie für mehr Bildungsgerechtigkeit nutzen.

Hochschulen brauchen gute Rahmenbedingungen für digitale Forschung und Lehre.

Dabei ist völlig klar, dass die Hochschulen und die vielen Engagierten dies nicht alles allein leisten können. Gute Rahmenbedingungen für digitale Forschung und Lehre zu schaffen, ist primär eine politische Aufgabe, auf Bundes- wie auf Landesebene.

In der Nachfolge des auslaufenden Hochschulpakts wollen wir gute Lehre und digital innovative Universitäten und Fachhochschulen weiter stärken.

Die Digitalisierung ist auch eine Zeitenwende für die Wissenschaft: Noch nie konnte sie auf so viele Daten zurückgreifen, nie hat sie so viele Daten produziert. Um diese sinnvoll und effizient zu nutzen, brauchen die Hochschulen geeignete Infrastrukturen. Bund und Länder arbeiten gemeinsam daran, zusätzlich zur Infrastruktur von Höchstleistungsrechnern ein zukunftsfähiges System von Hochleistungsrechnern für die Hochschulen zu etablieren. Ziel ist ein deutschlandweit zugängliches koordiniertes Netzwerk. Hochschulen sollen durch diese gemeinsame, strukturierte Förderung die Möglichkeit erhalten, sich für eine Finanzierung von Hochleistungsrechenzentren zu bewerben.

Dabei kommt es auf gemeinsame Standards und Schnittstellen an. Aus meiner Sicht kann nur eine Förderung der Infrastruktur erhalten, wer sein System anschlussfähig macht. Inseldenken und Eitelkeiten, wie wir sie beim Dialogorientierten Serviceverfahren erleben, müssen der Vergangenheit angehören. So wenig zielorientierten Dialog und so wenig gemeinsame Serviceorientierung wie in diesem Fall können wir uns einfach nicht mehr leisten, weder finanziell noch im internationalen Wettbewerb.

Die Digitalisierung bietet die Möglichkeit, aus bestehenden Daten durch die Verknüpfung mit anderen Daten völlig neues Wissen zu erzeugen. Big Data, Smart Data, Data Analytics und Künstliche Intelligenz sind hier wichtige Stichworte. Dazu brauchen wir funktionierende, gemeinsam nutzbare Infrastrukturen. Wir sind mitten in den Beratungen über eine Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI): Der Rat für Informationsinfrastrukturen hat eine verteilte nationale Infrastruktur vorgeschlagen. Sie kann künftig als Rückgrat für das Forschungsdatenmanagement in Deutschland dienen, wenn sie einrichtungs- und länderübergreifend strukturiert ist. Interoperabilität und disziplinenübergreifende Datennutzung erlauben völlig neue Forschungsfragen, neue Arbeitsmethoden und Forschungsformen und damit neue Erkenntnisse und Innovationen. Wenn Forschungsdaten unterschiedlicher Herkunft strukturiert gespeichert und nachgenutzt werden, können Doppelerhebungen, ungewollte Parallelstrukturen und unnötiger Aufwand vermieden werden. Langzeiterhebungen können über die Zeit gesichert weitergeführt werden. Gleichzeitig können neue Forschungsgebiete und Disziplinen wie Bioinformatik und Wissenschaftliches Rechnen nur mit neuen digitalen Infrastrukturen erschlossen werden.

Parallel dazu müssen wir noch mehr dafür tun, dass sich neue Erkenntnisse rascher und leichter verbreiten. Ein zentraler Baustein hierfür ist der freie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen über das Internet. Diesen freien Zugang stärkt das BMBF mit seiner Open Access-Strategie. Wir geben damit wichtige Impulse, um Open Access in Deutschland zu einem Standard des wissenschaftlichen Publizierens zu machen. Für unsere eigene Forschungsförderung gilt das bereits. Anfang Juni haben wir außerdem eine neue Förderinitiative ausgeschrieben, um innovative Projekte gerade auch aus den Hochschulen zu stimulieren. Bis 31. Juli können Sie sich bewerben.

Die rasche und leichte Verbreitung von Wissen und Erkenntnissen ist auch eine rechtliche Frage. Ich bin froh und glücklich, dass sich der Deutsche Bundestag am vergangenen Freitag doch noch dazu durchringen konnte, das Urheberrecht zu reformieren. Trotz etlicher Kompromisse – die Neufassung ist ein Gewinn für Lehre und Forschung: Hochschulen können Studierenden unkompliziert Auszüge aus Werken zur Verfügung stellen. Forschende können zeitgemäße, digital gestützte Wissenschaft betreiben. Wir schaffen damit Rechtssicherheit. Und wir machen den Umgang mit urheberrechtlich geschützten Werken in der Praxis der Schulen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen einfacher. Zugleich werden, anders als in den vergangenen Wochen oft behauptet, die Urheber angemessen vergütet.

Eine rechtliche Frage anderer Art ist der Datenschutz. Wir bewundern die Strategiefähigkeit und den Mut, mit denen amerikanische und viele asiatische Universitäten die Digitalisierung an den Hochschulen vorantreiben, gerade auch in der Lehre. Wir glauben aber, dass wir in Deutschland aus guten Gründen Datenschutz und Persönlichkeitsrechte auch künftig anders gewichten werden. Wir haben Vorbehalte dagegen, dass individuelle Lerndaten an Arbeitgeber verkauft werden, wollen aber zugleich datenbasierte Lehr-Lernforschung und neue adaptive Anwendungen ermöglichen. Einfache Lösungen, es tut mir leid, gibt es dafür nicht, denn für beide Anliegen gibt es gute Argumente.

Ein letzter rechtlicher Punkt, und ein Appell an die Länder: Künftig, hier folge ich der Empfehlung des Hochschulforums, sollten sich die Zulassungskapazitäten nicht nur an der Präsenzlehre orientieren. Wer gute digitale Angebote erarbeitet, investiert viel Zeit – auch zugunsten anderer. Digitale Lehrformate müssen also angemessen berücksichtigt werden. Das ist ein Schlüssel, damit digitale Angebote ausgebaut werden. Zugleich darf die Unterstützung für digitale Lehrangebote sich nicht nur am Nutzen für die Hochschule oder das Bundesland orientieren. Ihre Chance besteht ja gerade in der Grenzen überschreitenden Wirkung.

Damit Digitalisierung gelingt, brauchen wir Impulse aus der Forschung.

Um noch einmal das Hochschulforum zu zitieren: „Die evidenzbasierte Erforschung von digitalen Lehr- und Lernprozessen ist … immer noch ein Desiderat“ (Zusammenfassung zentraler Ergebnisse 2016, S. 7). Dem wollen wir als BMBF abhelfen. Vor einem Jahr haben wir eine erste eigene Förderlinie zur digitalen Hochschulbildung gestartet. Mittlerweile haben alle 20 ausgewählten Projekte zur Wirkung und Wirksamkeit digitaler Bildungsformate ihre Arbeit aufgenommen. Auf der heutigen Konferenz besteht erstmals die Gelegenheit zu einem direkten und persönlichen Austausch zwischen diesen Projekten. Nutzen Sie diese Chance!

Für das BMBF ist diese Förderlinie keine Einmalaktion. Wir wollen die Forschung zur digitalen Hochschulbildung als einen Förderschwerpunkt verstetigen und ausbauen. Über 75 Mio. Euro wollen wir hier investieren. Noch im Sommer werden wir eine weitere Förderlinie starten. Sie wird sich besonders innovationsträchtigen Konzepten Digitaler Hochschulbildung widmen. Ich wünsche mir hier eine ebenso rege Beteiligung wie im letzten Jahr. Ich bin zuversichtlich, dass uns hier wie in anderen Forschungsbereichen der Auf- bzw. Ausbau von international wettbewerbsfähiger Forschungskompetenz gelingt.

Dazu trägt auch unser Förderprogramm zum Forschungsdatenmanagement bei. Wir wollen erfahren, wie Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen den Umgang mit Forschungsdaten systematisch bewältigen.

Wir brauchen außerdem mehr Expertise für den technologischen und gesellschaftlichen Wandel insgesamt. Deshalb fördern wir das „Deutsche Internet-Institut“ in Berlin, das gerade seine Arbeit aufnimmt. Das Konzept des Konsortiums aus fünf Hochschulen aus Berlin und Potsdam sowie zwei außeruniversitären Forschungseinrichtungen hat sich in einem zweistufigen Wettbewerb durchgesetzt. Es wird ethische, rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen der Digitalisierung erforschen. Ein Themenkomplex wird der Bereich „Wissen, Bildung und soziale Ungleichheit“ sein. Ich bin gespannt auf die Impulse, die das Institut zu vielen der genannten Fragen wie digitale Spaltung, Datenschutz und verantwortungsvolle Datennutzung oder neue Zielgruppen geben wird.

Das Humboldt‘sche Hochschulideal und die Digitalisierung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
der amerikanische Historiker Mitchell Ash hat auf der Veranstaltung der Humboldt-Universität zum 250. Geburtstag von Wilhelm von Humboldt dessen Hochschulideal nach vier Idealen differenziert:

  • Die Lehr- und Lernfreiheit als Freiheit der Studierenden, die Lehrenden zu wählen und als Freiheit der Lehrenden, die Veranstaltungen inhaltlich und methodisch frei zu gestalten.
  • Die Einheit von Lehre und Forschung.
  • Die Einheit der Wissenschaft, die nicht nach Disziplinen zerfallen soll.
  • Und: die Bildung durch Wissenschaft, weil hochschulische Bildung etwas anderes sein soll als Berufsausbildung.

Ich will nicht sagen, dass die Hochschulwelt 2017 diesen Idealen genügt. Ich frage auch durchaus, ob sie in jeder Hinsicht diesen Idealen genügen muss. Die Digitalisierung der Hochschulen steht diesen Idealen jedenfalls nicht entgegen. Sie kann sie auf neue Weise lebendig machen:

  • Durch die Digitalisierung erweitert sich für die Studierenden die Auswahl der Lehrangebote beträchtlich.
  • Die Lehrenden können ganz neue Formen von Lehrangeboten machen.
  • Die internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit in Forschung und Lehre gewinnt neue Möglichkeiten und
  • die Chancen, das zu vertiefen, wofür man brennt, werden digital eher größer als kleiner.

Die Bildungsrevolution des 19. und die des 21. Jahrhunderts können sich verbinden im Sinne einer exzellenten und offenen Hochschule. Hochschule wird dann noch mehr zu dem, was sie sein soll:
Das Herz von Lehre, Forschung und gesellschaftlichem Austausch.

Arbeiten wir gemeinsam dafür, dass das gelingt.
Vielen Dank.