Humboldt-Professur holt Spitzenforscher nach Deutschland

Sechs weltweit führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind mit der Alexander von Humboldt-Professur ausgezeichnet worden. Sie werden in den nächsten fünf Jahren an deutschen Universitäten lehren und forschen.

Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen (l.) mit Katrin Kogman-Appel (2.v.l.), eine der Preisträgerinnen der Alexander von Humboldt-Professur 2016. © David Ausserhofer

Drei Spitzenwissenschaftlerinnen und drei Spitzenwissenschaftler aus dem Ausland sind mit dem höchstdotierten Forschungspreis Deutschlands ausgezeichnet worden, der Alexander von Humboldt-Professur. Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium, und der Präsident der Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz, haben die Preise an William Crawley-Boevey, Tiffany Knight, Katrin Kogman-Appel, Judith Pfeiffer, Wolfgang Wernsdorfer und Andreas S. Schulz verliehen. Die Preisträger werden in den kommenden fünf Jahren an den Universitäten in Bielefeld, Bonn, Halle/Leipzig, Karlsruhe, München und Münster forschen.

Die Preisträger der Humboldt-Professur sind:

William Crawley-Boevey, Reine Mathematik

William Crawley-Boevey © Humboldt-Stiftung/Wolfgang Hemmann

Der Mathematiker William Crawley-Boevey gilt als einflussreicher Vordenker auf dem Gebiet der Darstellungstheorie und der Algebren. Als Theoretiker mit einer Vorliebe für besonders schwierige Fragen leistete er wichtige Beiträge zu zentralen mathematischen Herausforderungen, wie dem Hornschen Problem, dem Deligne-Simpson Problem und den Kac-Moody Algebren. Er entwickelte zentrale Konzepte in der Theorie der zahmen Algebren, die bis heute die Darstellungstheorie bestimmen, und war einer der Pioniere, die die Beziehungen zwischen Darstellungstheorie und Geometrie erforschten – ein Thema, das ihn neben seinen aktuellen Arbeiten etwa zu Vektorbündeln und Analysen von Riemannschen Flächen bis heute beschäftigt.

Tiffany Knight, Ökologie

Tiffany Knight © Humboldt-Stiftung/Wolfgang Hemmann

Welchen Einfluss haben invasive Arten, die in neue Lebensräume vordringen, auf deren ursprüngliche Artenvielfalt? Warum erhöhen Invasionen die Biodiversität in manchen Fällen und warum verringern sie sie in anderen? So genannte Invasionsprozesse sind ein zentrales Forschungsgebiet der weltweit renommierten Ökologin Tiffany Knight. Die amerikanische Umweltforscherin befasst sich insbesondere mit Interaktionen zwischen Pflanzen, Mikroorganismen, Bestäubern und pflanzenfressenden Tieren. An der Universität Halle-Wittenberg und am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig soll Knight die unterschiedlichen Bereiche der ökologischen Forschung von der molekularen Forschung bis zur Forschung zum Biotopverbund inhaltlich zusammenführen. Sie soll als Alexander von Humboldt-Professorin generelle Fragestellung ihres Fachgebiets aufgreifen, beispielsweise zur Seltenheit oder zur Invasivität von Pflanzen.

Katrin Kogman-Appel, Jüdische Studien

Katrin Kogman-Appel © Humboldt-Stiftung / Wolfgang Hemmann

Was verrät die jüdische Buchmalerei des Mittelalters über das jüdische Gemeindeleben dieser Zeit? In welchem Austausch stand die jüdische Bild- und Buchkultur mit christlichen und islamischen Kulturen? Die Judaistin Katrin Kogman-Appel gilt in der jüdischen Kunstgeschichte des Mittelalters als weltweit führend. Dabei versteht sie die Kunstgeschichte als Kulturgeschichte – und verbindet sie stets mit sozialhistorischen und religionsgeschichtlichen Fragen. Als exemplarisch für diesen Ansatz gelten Kogman-Appels Arbeiten zum sogenannten Leipziger Machsor, eine Sammlung von Gebeten für jüdische Festtage und eines der berühmtesten Beispiele der hebräischen Buchmalerei des Mittelalters. Das Gebetbuch entstand um 1310 in Südwestdeutschland und befand sich nachweislich im 16. Jahrhundert in Worms. Kogman-Appel lenkt den Fokus auf die Rolle des Machsor und der dargestellten Riten für das spätmittelalterliche jüdische Gemeindeleben und den sozialen Zusammenhalt innerhalb der jüdischen Gemeinde im südwestdeutschen Worms, einem damaligen Zentrum des Judentums in Deutschland. An der Universität Münster soll sie die interdisziplinäre geisteswissenschaftliche Forschung stärken. Als Alexander von Humboldt-Professorin soll sie insbesondere zur Etablierung der Judaistik neben den bestehenden Forschungen zum Christentum und Islam in Münster beitragen.

Judith Pfeiffer, Islamwissenschaften

Judith Pfeiffer © Humboldt-Stiftung / Wolfgang Hemmann

Was bedeutet es für eine Religionsgemeinschaft, wenn sie neue Mitglieder aufnimmt? Welche Prozesse werden durch Glaubenswechsel und Religionsübertritte ausgelöst? Fragen wie diese klingen aktueller denn je. Wie sehr sie die Menschheitsgeschichte begleiten, zeigen die Arbeiten der Islamwissenschaftlerin Judith Pfeiffer. Sie gilt als weltweit führende Spezialistin für die Geschichte der Mongolen vom 13. bis 16. Jahrhundert und die Geistesgeschichte der mongolischen Reiche im islamischen Osten, vom Iran über Syrien, Anatolien bis zum Irak. Pfeiffer befasst sich dabei unter anderem mit der Konversion der eingewanderten Mongolen und Herrscher zum Islam. Dazu wertet sie persische, arabische und osmanische Textquellen aus und bettet sie in den weiteren historischen und gesellschaftlichen Kontext ihrer Entstehungszeit ein. Mit einer Alexander von Humboldt-Professur für Judith Pfeiffer möchte die Universität Bonn ihren Schwerpunktforschungsbereich in der Historischen Islamwissenschaft weiter stärken und um die Forschungsgebiete Iran und Zentralasien erweitern.

Wolfgang Wernsdorfer, Experimentelle Festkörperphysik

Wolfgang Wernsdorfer © Humboldt-Stiftung/Wolfgang Hemmann

Wolfgang Wernsdorfers Spezialgebiet ist die experimentelle Festkörperphysik an der Schnittstelle zur Chemie und zu den Materialwissenschaften. Er ist einer der weltweit führenden Experten für Nanomagnete und ihren Einsatz in der molekularen Quanten-Spintronik. Bereits als Doktorand am Tieftemperaturlabor in Grenoble hatte er mit dem nano-SQUID ein bahnbrechendes Messinstrument entwickelt, mit dessen Hilfe er die magnetischen Eigenschaften von einzelnen Nanostrukturen und Molekülen untersuchen konnte. Wernsdorfer fand heraus, welche Rolle die Quantengesetze für molekulare Magnete spielten, und konnte dadurch elektronische Schaltkreise bauen, wo die Magnetisierung des Moleküls den elektrischen Strom steuert. Eines seiner neuen Ziele ist es, kleine molekulare Quantumprozessoren in die hochmoderne CMOS-Technologie der Mikroelektronik zu integrieren. So könnten molekulare Nanomagnete in künftigen Quantencomputern eingesetzt werden.

Andreas S. Schulz, Angewandte Mathematik

Andreas S. Schulz © Humboldt-Stiftung/Wolfgang Hemmann

Andreas Schulz ist einer der weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet Operations Research (OR) und eine treibende Kraft der neuen Forschungsdisziplin Algorithmische Spieltheorie. Interdisziplinär ausgerichtet gilt er als Experte dafür, mathematische OR-Forschung mit der originären Wirtschaftstheorie zusammenzubringen – ein Ansatz, der in Deutschland bislang wenig verfolgt wird. An der Technischen Universität München (TUM) soll Andreas Schulz eine Professur für Quantitative Methods in Management an der TUM School of Management bekommen und daneben der TUM School of Mathematics angehören. Ziel der interdisziplinären Forschungstätigkeit ist, die Zusammenarbeit zwischen beiden Fakultäten auf eine neue Grundlage zu stellen und damit die TUM in eine führende Position im Bereich der Grundlagenforschung in Deutschland zu bringen.

„Mit der Alexander von Humboldt-Professur gelingt es in beeindruckender Weise, internationale Spitzenforscherinnen und -forscher nach Deutschland zu holen. Dieser Preis leistet aber noch mehr: Im Idealfall ist die Einwerbung einer Humboldt-Professur für eine Universität Baustein einer umfassenden Internationalisierungsstrategie und ermöglicht es ihr, neue Forschungsfelder zu erschließen und ihr Profil zu schärfen “, sagte Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung. „Die Humboldt-Professoren wirken an ihren Hochschulen oft als Impulsgeber – für die Forschung, für die Lehre und für die internationale Vernetzung.“

Deutsche Wissenschaft bereichern

Die Alexander von Humboldt-Stiftung pflegt ein Netzwerk von weltweit mehr als 27.000 Forscherinnen und Forschern aller Fachgebiete in über 140 Ländern – unter ihnen 52 Nobelpreisträger.
 

Mit der Alexander von Humboldt-Professur zeichnet die Humboldt-Stiftung jährlich bis zu zehn weltweit führende, im Ausland tätige Forscherinnen und Forscher aller Disziplinen aus. Neben der herausragenden wissenschaftlichen Qualifikation der Kandidaten sind die Konzepte der Hochschulen entscheidend, die den Forschern und ihren Teams eine dauerhafte Perspektive in Deutschland bieten sollen. Die Auszeichnung ist mit je fünf Millionen Euro für experimentell und je dreieinhalb Millionen Euro für theoretisch arbeitende Wissenschaftler dotiert. Gefördert werden die Professuren aus den Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.