"Ich bin eine ausgesprochene Krimiliebhaberin"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über das Lesen und über Autoren, die sie besonders schätzt. Ein Interview mit der Rhein-Zeitung vom 21.8.2015. Die Fragen stellte Rena Lehmann.

Interview mit Johanna Wanka
Interview mit Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Steht man als Bildungsministerin unter Druck, besonders belesen zu sein?

Nein. Dass man natürlich eine gewisse humanistische Bildung hat, das wird vorausgesetzt, aber einen besonderen Druck empfinde ich nicht.

Lassen Sie sich anmerken, wenn sich ein Gespräch um ein Buch dreht, das Sie nicht kennen?

Ich würde das ohne Problem zugeben. Mein Leseverhalten hat sich in der Zeit als Ministerin  stark verändert. Vorher waren Bücher für mich das wichtigste Medium, um Kultur zu genießen. Dann war ich ja als Ministerin in Brandenburg und Niedersachsen auch für Kultur zuständig. In dieser Zeit habe ich aus dem Amt heraus viele andere Kulturbereiche, also Konzerte, Tanz- und Theateraufführungen neben dem Lesen erlebt und mir dafür auch mehr Zeit genommen.

Und als Bundesbildungsministerin haben sie jetzt noch weniger Zeit zum Lesen?

Für das genussvolle Lesen genauso wenig. Ich bin aber nach wie vor eine ausgesprochene Krimiliebhaberin. Ich mag die Spannung. Man ist rasch weg von Alltagsfragen, und man kann auch einfach weiterlesen, wenn wieder ein Zeitfenster ist. Gerade lese ich besonders die Krimis von Elizabeth George. In den Urlaub nehme ich mir aber meist interessante wissenschaftliche Untersuchungen mit, für die im Alltag die Zeit nicht reicht. Mir ist wichtig, dass ich manches im Original und ausführlich lese und nicht nur die Zusammenfassungen kenne.

Das klingt alles nicht so, als würden Sie als Bildungsministerin gern jedem einen Kanon zur Lektüre vorschreiben wollen? Oder gibt es Bücher, die man kennen muss?

In der Schule halte ich eine Art Kanon für wichtig, um gewisse Grundkenntnisse zu vermitteln und in die wunderbare Welt der Literatur einzuführen. Bestimmte Autoren sind da schon unverzichtbar. Aber dass man für eine kurze lockere Unterhaltung immer wissen muss, was gerade auf der Bestsellerliste steht, halte ich für absolut unwichtig.

Gibt es Bücher, die Sie in Ihrem Leben besonders geprägt haben?

Maxi Wander „Guten Morgen, Du Schöne“ ist so ein Buch. Es ist eine Sammlung von Portraits über Frauen in der DDR. Das hat deutlich gemacht, wie unterschiedlich man leben kann, selbst in so einem System.

Sie haben den Roman „Das Mädchen“, von Angelika Klüssendorf mitgebracht. Es geht um ein Kind, das von seiner Mutter erniedrigt wird und auf schmerzhafte Weise lernen muss, sich zu behaupten. Warum haben sie es ausgewählt?

Es ist nicht mein Lieblingsbuch, aber es ist eines, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Es hat eine tolle Sprache. Es geht um Selbstbehauptung und menschliche Entwicklung unter widrigen Umständen. Das ist für mich ein ganz faszinierendes Thema. Ich halte nichts von dieser fatalistischen Haltung, dass die Kindheit schwierig war und sich daraus alle späteren Probleme erklären. Es ist wichtig, auch Menschen zu erleben, die sich trotz schwieriger Situationen behauptet haben.

Ist der große Roman zur DDR-Aufarbeitung schon geschrieben worden?

Es gibt schon eine ganze Reihe von interessanten Büchern. Sehr oft sind es aber eher Sachbücher als Belletristik. „Der Turm“ von Uwe Tellkampf ist ein Buch, wovon ich auch die Verfilmung gesehen habe und das das Leben in der DDR ziemlich treffend beschreibt.

Werden DDR-Autoren heute noch genügend wahrgenommen?

Der Bekanntheitsgrad ist nicht immer gerecht verteilt und verhält sich auch nicht immer proportional zur schriftstellerischen Leistung. Ich glaube aber schon, dass es Autoren gibt wie etwa auch Günter Kunert, die wichtig sind. Es sind auf jeden Fall viele Bücher entstanden, die unabhängig von der Zeit sind.

Greifen Sie bei Ihrer Buchauswahl auch mal richtig daneben?

Mein Problem ist, dass ich keine Bücher wegwerfen kann. Aber ich habe eine große Kiste mit Büchern, die ich nie wieder in die Hand nehmen würde. Mir ist die Zeit zu schade für schlechte Bücher. Was ich damit mache, weiß ich noch nicht. Vielleicht kann sie eine Bibliothek gebrauchen.

Welches Buch würden Sie Linken-Parteichefin Katja Kipping gern mal ausleihen?

Tja, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wenn ich das tun müsste, dann würde ich sie fragen, ob sie die Bücher kennt, die für mich in meiner Jugend wichtig waren, zum Beispiel von Brigitte Reimann „Franziska Linkerhand“. Das ist ein Buch, das bei jemandem, der wegen seines Alters vielleicht keine eigene Vorstellung mehr von der DDR hat, vielleicht manches geraderücken würde. Franz Fühmann oder Günter de Bruyn sind auch Autoren der DDR, die sie vielleicht kennen sollte.

Das Bücherregal welches Kabinettskollegen würden Sie gern mal genauer unter die Lupe nehmen?

Das von Innenminister Thomas de Maizière. Er ist jemand, der viel darüber nachdenkt, was im Leben wichtig ist. Welche Bücher ihm wichtig sind, das würde mich wirklich interessieren.