"Ich bin keine Forscherin"

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek über die berufliche Bildung, den Digitalpakt Schule und eine freie Wissenschaft. Ein Interview mit der „Rheinischen Post“

Rheinische Post (RP): Werden Sie auch als Bildungsministerin zum Elternabend in der Schule gehen und dort Ihre Meinung sagen?

Anja Karliczek: Ich hoffe, dass ich das weiterhin tun kann. Das Thema Schule ist für mich privat aber bald abgeschlossen. Mein drittes Kind hat nur noch ein Schuljahr vor sich. Der Schulleiter hat jedenfalls den Wunsch, dass ich das letzte Jahr noch Schulpflegschaftsvorsitzende bleibe. Ob ich das zeitlich mit dem Ministeramt vereinbaren kann, da bin ich mir noch nicht sicher.

RP: Das Handwerk klagt über Azubi-Mangel. Wie kann die Ausbildung attraktiver werden?

Karliczek: Die engere Vernetzung von Theorie und Praxis muss einen höheren Stellenwert bekommen. Je schneller sich die Arbeitswelt wandelt, umso mehr müssen wir darauf achten, dass junge Menschen nicht nur theoretisch ausgebildet werden. Dies bietet die duale Ausbildung sehr gut. Dies bietet auch ein duales Studium. Die Spezialisierung der Arbeitswelt nimmt in allen Bereichen zu. Die Automatisierung und die Digitalisierung nehmen im Handwerk ebenso zu wie in akademischen Berufen.

RP: Wir haben 15 Jahre Akademisierung hinter uns. Nehmen inzwischen zu viele junge Leute eines Jahrgangs ein Studium auf?

Karliczek: Die Anforderungen in der Arbeitswelt werden anspruchsvoller. Dafür brauchen wir auch eine spezialisierte und gleichzeitig umfassende Bildung. Beides können die Hochschulen sehr gut. Aber wir müssen auch die Durchlässigkeit im System erhöhen und die berufliche Ausbildung wieder stärker in den Blick nehmen.

RP: Wie das?

Karliczek: Die beruflichen Fortbildungen wie der Meister sind bereits im Deutschen Qualifikationsrahmen gleichwertig zum Bachelor-Studium. Es sollte künftig auch praktisch einfacher sein, dass man nach einer beruflichen Fortbildung in einen Studiengang wechseln kann. Wir müssen dafür sorgen, dass junge Menschen in einer dualen Ausbildung ihre Chance sehen, in einen Beruf einzusteigen und in einer nächsten Stufe theoretisches Wissen ergänzen. Mir persönlich hat das sehr geholfen. Ohne Bank-Ausbildung hätte ich mit vielen Inhalten des BWL-Studiums nicht so viel anfangen können. Wir brauchen eine noch engere Verzahnung zwischen Theorie und Praxis. 

RP: Sind die Universitäten überhaupt darauf eingerichtet, Theorie und Praxis enger zu verzahnen?

Karliczek: Es muss nicht immer ein duales Studium sein. Es gibt viele Ansätze mit Praktika in den Semesterferien. Schauen wir an die Fachhochschulen, so gelingt dort die Vermittlung von Theorie und Praxis als Einheit bereits sehr gut.

RP: Wie wollen Sie die Medizin-Studienplatzvergabe reformieren, nachdem das Bundesverfassungsgericht gesagt hat, dass die Abiturnote nicht das einzige Kriterium sein darf?

Karliczek: Grundsätzlich sollten das die Länder regeln. Den dazu notwendigen Prozess haben sie in der Kultusministerkonferenz bereits angestoßen. Wir wollen die Länder bei der Novellierung der Hochschulzulassung zum Medizinstudium begleiten.

RP: Wann wollen Sie damit starten, den Digitalpakt Schule umzusetzen?

Karliczek: Es gibt ja schon eine erste Verständigung, wie der Digitalpakt Schule mit den Ländern organisiert werden kann. Wir brauchen nach dem Koalitionsvertrag nun erst eine Grundgesetzänderung für mehr Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern in der Bildungspolitik, bevor wir die Vereinbarung abschließen können. Das ist das drängendste Thema. Das muss jetzt ganz schnell geschehen. Wir sollten es noch vor der Sommerpause angehen. In die reale Umsetzung können wir erst gehen, wenn der Fonds aus der Versteigerung der 5G-Lizenzen da ist. Die sollen noch in diesem Jahr versteigert werden.

RP: Es wird nur noch mit einem Erlös von 3,5 Milliarden Euro gerechnet. Reicht das?

Karliczek: Ja. Der Bund stellt für den Digitalpakt Schule fünf Milliarden Euro zur Verfügung, in dieser Wahlperiode 3,5 Milliarden, die von Bund und Ländern mit weiteren Investitionen ergänzt werden, zum Beispiel dem Breitbandförderprogramm der Bundesregierung. Das Geld wird auch ausreichen, die Infrastruktur der Schulen digital aufzurüsten. Die Digitalisierung ist ja nicht nur eine Frage des Geldes, sondern die Frage, was Bau- und IT-Unternehmen leisten können.

RP: Was macht digitale Schule aus?

Karliczek: Dass Lehrer mit digitalen Mitteln die Begeisterung von Schülern für einzelne Fächer wecken. Mit digitalen Lernangeboten können Kinder und Jugendliche viel individueller gefördert werden und sich Wissen spielerischer aneignen. Ich lege aber weiterhin großen Wert darauf, dass Kinder ihre Handschrift lernen und trainieren und auch Rechtschreibung und Grammatik nicht dem Computer überlassen.

RP: Geplant ist eine Bildungscloud, um Lerninhalte bundesweit zu bündeln. Wie soll das genau aussehen?

Karliczek: Es geht darum, dass wir ein großes Reservoir an digitalen Bildungsmöglichkeiten schaffen wollen. Angefangen bei der Schule, wo Kinder und Jugendliche aber auch Lehrer auf Bildungsangebote aus der Cloud zugreifen können sollen. Die Vision ist, dass es künftig auch Angebote für die berufliche Weiterbildung gibt.

RP: Wann soll die Bildungscloud an den Start gehen?

Karliczek: Die Länder haben teils schon eigene Plattformen entwickelt oder konzipiert. Es muss uns gelingen, all diese Plattformen zusammenzuführen, nur dann macht ein Cloud-Projekt Sinn. Dieser Prozess ist sehr aufwendig. Die Cloud ist aktuell ein Pilot, welcher in einigen Schulen schon erprobt wird, und soll spätestens ab 2021 im Regelbetrieb der Schulen nutzbar sein.

RP: Ist mit der Bildungscloud die Vereinheitlichung von Inhalten geplant?

Karliczek: Nein, das wäre auch mit der Länderhoheit über Bildung nicht vereinbar. Trotzdem werde ich dafür kämpfen, dass wir bei der Vergleichbarkeit von Unterrichtsinhalten zwischen den Bundesländern vorankommen. Wir können unseren Kindern nicht weiter zumuten, bei einem Umzug mit den Eltern in der Schule zurückgeworfen zu werden.

RP: Ihnen wurde vorgeworfen, Sie hätten keine Ahnung vom Hochschulbetrieb. Wie begegnen Sie dem?

Karliczek: Das nehme ich gelassen. Es stimmt ja, ich bin keine Forscherin, und das will ich auch nicht sein. Dennoch werde ich mich für die Forschung in Deutschland und im internationalen Kontext einzusetzen. Ich will Wissenschaft die nötige Freiheit geben und dabei die Finanzierung und unnötige rechtliche Hürden in den Blick nehmen. Wenn wir ein interessanter Forschungsstandort bleiben wollen, müssen wir da etwas tun.

RP: Ist es für Sie ein Vorteil, dass Sie die Überraschung im Kabinett sind?

Karliczek: Zumindest bringe ich einen frischen Blick von außen mit, der fast immer hilfreich ist. Das sehe ich als meinen Vorteil.

Mit Anja Karliczek sprachen Jan Drebes und Eva Quadbeck.