"Ich rufe zur Mitarbeit an der Bürgerforschung auf"

Johanna Wanka wünscht sich mehr Hilfe von Wissenschaft und Forschung, wenn es um die Aufklärung über neue technische Möglichkeiten geht. Und Bürger, die künftig selbst Daten für die Forschung generieren. Ein Interview mit den VDI-Nachrichten.

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

VDI nachrichten: Frau Ministerin, Sie sind von Haus aus Mathematikerin, Vertreterin einer reinen Wissenschaft. Was haben Mathematiker den Ingenieuren voraus?

Wanka: Sicher nichts. Wie interessant das Ingenieurstudium ist, habe ich erst bemerkt, als ich an einer technischen Hochschule Ingenieure in Mathematik unterrichtet habe. Bei meiner eigenen Entscheidung für das Studienfach Mathematik wusste ich noch kaum von der sehr reizvollen Vielfalt einer Ingenieursausbildung, zu der ja neben den technischen Disziplinen auch Physik, Chemie und Mathematik gehören.

Das Thema ihrer Doktorarbeit lautete „Lösung von Kontakt- und Steuerproblemen mit potenzial-theoretischen Mitteln“. Was hat sich ein Ingenieur darunter vorzustellen?

Ganz einfach: Ich habe mit mathematischen Mitteln die Ausbreitung von Wärme in einem Körper aus unterschiedlichen Materialien untersucht, etwa in einer Kugel, in der weitere kleine Kugeln eingeschlossen sind. Es ging darum, was an den Kontaktstellen der unterschiedlichen Materialien geschieht, wenn man den inhomogenen Körper erwärmt, und darum, wie man die Temperatur ganz im Innern beeinflussen kann. Die Arbeit widmet sich also einem ganz handfesten physikalischen Problem.

Sie waren später Rektorin der Fachhochschule Merseburg. Mussten Sie selbst jemals Forschungsmittel beim Bund beantragen?

Nein. Ich bin 1993 Professorin geworden und damals gab es für unsere Forschung noch kein Förderprogramm, auf das wir uns hätten bewerben können.

Warum sind Förderanträge so kompliziert? Warum müssen Forscher neben guten Ideen auch noch bürokratische Fähigkeiten mitbringen?

Fördermittel sind Steuergelder und es geht um beträchtliche Summen. Da muss klar sein, dass das Forschungsprojekt Sinn macht und dass man eine Antwort auf die Fragestellung erwarten kann. Das heißt allerdings nicht, dass geförderte Forschung stets die in Aussicht gestellten Ergebnisse zu erbringen hat. Auch Projekte, die ihre Ausgangshypothesen widerlegen, bringen die Wissenschaft voran. Aber einfach auf Zuruf oder aufgrund der Biografie des Antragstellers kann unser Haus keine Mittel vergeben.

Wir schauen die Anträge sehr genau an. So hat das Bundesforschungsministerium vor Jahren etwa einen wichtigen Förderantrag des heutigen Nobelpreisträgers Stefan Hell bewilligt, obwohl manche Gutachter damals davon abrieten. Nur so flossen die Mittel, die Hells Forschungen schon in einem frühen Stadium unterstützten.

In die neue Hightech-Strategie fließen Gelder ihres Hauses und zudem Mittel der Ministerien für Wirtschaft und Energie sowie für Verkehr und digitale Infrastruktur.

Ja, insgesamt hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr für die neue Hightech-Strategie 11 Mrd. € zur Verfügung gestellt. Diese Summe erhöht sich in den kommenden Jahren noch, weil ein Teil der 3 Mrd. €, die wir in dieser Legislaturperiode zusätzlich für Forschung zur Verfügung stellen, in die Hightech-Strategie fließt.

Drei Milliarden zusätzlich pro Jahr?

Nein – insgesamt 3 Mrd. € mehr für Forschung bis zum Jahr 2017, von denen ein Teil der Hightech-Strategie zugute kommt.

Gibt es Leuchtturmprojekte, für die Ihr Herz besonders schlägt?

Ich finde die Hightech-Strategie hervorragend, kann aber nicht einige Projekte hervorheben. Klar ist, dass dieses große Programm ganz zentral für unsere Zukunft ist. Nehmen wir die Arbeitswelt von morgen. Viele Menschen machen sich Sorgen und Ängste. Wir nehmen diese in unsere Forschung auf und wollen auch zukünftig die Arbeitsplätze so gestalten, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Das ist ganz wichtig für das praktische Leben von Hunderttausenden von Arbeitnehmern. Da gehen Forscher der Frage nach, was im Rahmen der Industrie 4.0 aus traditionell einfachen Tätigkeiten wird, die es auch in der Metallverarbeitung immer noch gibt.

Dabei geht es in der Hightech-Strategie stets um Forschung und deren praktische Umsetzung. Wir wollen im Bereich innovative Arbeitswelt möglichst nur solche Projekte fördern, die ihre Ansätze gleich in mittelständischen Unternehmen oder bestimmten Branchen erproben.

Die neue Hightech-Strategie will Bürgerforschung unterstützen und es soll ein neues, breiter aufgestelltes Begleitgremium geben.

Das Begleitgremium heißt jetzt Hightech-Forum, in ihm sind Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft gleich stark vertreten. Es ist zentrales Steuerungsgremium der Hightech-Strategie, das inhaltliche Impulse gibt und diskutiert, was konkret zu tun ist.

Ist im Hightech-Forum die Gesellschaft mehr präsent als früher?

Auf jeden Fall. Die konstituierende Sitzung des Forums wird schon bald stattfinden. Das Hightech-Forum wird 23 Mitglieder zählen. Je sechs stammen aus Wissenschaft, Wirtschaft und gesellschaftlichen Organisationen. Hinzu kommen drei Vertreter der beteiligten Ministerien sowie die beiden Präsidenten, Andreas Barner vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und Reimund Neugebauer von der Fraunhofer-Gesellschaft.

Wie steht es um die geplante Bürgerforschung?

Umfragen zufolge interessieren sich Bürgerinnen und Bürger für Forschung und wollen nicht nur informiert, sondern von Anfang an eingebunden werden. Das ist aber meist schwierig zu organisieren. Recht einfach kann man Citizen Science umsetzen, wo es um Informationen geht, die die Menschen selbst an die Wissenschaft liefern können. So geschieht es beim Mückenatlas. Wer eine Mücke gefangen hat, kann diese zur Bestimmung einschicken. Tausende Mücken konnten seit 2012 so genutzt werden, um wissenschaftliche Aussagen zu ihrer Population zu gewinnen.

Oder wenn die Wissenschaft etwa die Scheibenwischerfrequenz von Autos auswerten könnte, hätten wir sehr viel detailliertere Informationen über den gefallenen Regen, als sie die Wetterstationen liefern können. Das Smartphone könnte man zur Aufzeichnung regional typischer Töne oder Geräusche nutzen. In Japan werden derzeit sehr einfache Bausätze für Geräte angeboten, mit denen jeder die radioaktive Strahlung in seiner Umgebung messen kann.

Wenn es das persönliche Umfeld, die eigene Lebensqualität betrifft, ist das Interesse der Bürger groß.

Genau. Wissenschaft und Forschung können aber auch helfen, wenn es um Aufklärung über neue technische Möglichkeiten geht. Dabei muss man die Sorgen stets ernst nehmen, Chancen und Risiken genau darstellen. Einen solchen Dialog von Forschung und Bürgern kann man mit moderner IT-Technik viel besser organisieren, als dies vor 10 oder 15 Jahren möglich gewesen wäre.

Bürger sollen dann selbst Daten bereitstellen oder generieren. Ingenieure könnten sicher viele Ideen für die Bürgerforschung beisteuern.

Vorschläge von Ingenieuren sind für uns sehr interessant. Ich kann sie nur zur Mitarbeit an der Bürgerforschung aufrufen.

Stichwort Industrie 4.0: Wie können mittelständische Firmen sicher an der vernetzten und sich teils selbst steuernden industriellen Fertigung teilhaben?

Industrie 4.0 ermöglicht ganz neue Geschäftsmodelle, wirft aber auch Sicherheitsfragen auf. Man braucht eine moderne Vorstellung vom geschäftlich Möglichen im Netz, über die der klassische Entwickler, der gute Ingenieur, bislang nicht verfügen musste.

Hier wollen wir den Mittelstand unterstützen: über Hochschulausbildung, durch neue Forschungszentren zur IT-Sicherheit und zum Umgang mit Big Data und durch das bald anlaufende Programm „Selbstbestimmt und sicher in der digitalen Welt“. Die Forschungseinrichtungen verstehen sich als Dienstleister für mittelständische Firmen. Im Frühjahr 2014 haben wir das „Berlin Big Data Center“ und im Herbst in Leipzig und Dresden das ScaDS, das „Competence Center for Scalable Data Services and Solutions“, ins Leben gerufen. Diese Institutionen bündeln das Wissen und sorgen für Kompetenztransfer in die Wirtschaft.

Wie kann man den Mittelständler dazu bringen, externe Angebote auch anzunehmen?

Dass ein Großteil der Mittelständler in Umfragen die IT als nicht entscheidend für ihr Geschäft bezeichnet, bereitet uns Sorgen. Hier kann Beratung ein wichtiger Schlüssel sein. Andererseits hat eine Expertise für US-Präsident Barack Obama der deutschen Wirtschaft die Fähigkeit bescheinigt, sich in traditionellen Bereichen immer wieder erneuern und an die Spitze setzen zu können. Wir wollen das auch bei Industrie 4.0 schaffen.

Der neue Grundgesetzartikel 91b erlaubt dem Bund die direkte Finanzierung von Hochschulen. Auf welche Mittel vom Bund können die Hochschulen hoffen?

In der Lehre dürfen Bund und Länder seit 2006 kooperieren, nur dadurch wurde der Hochschulpakt möglich. Allerdings konnte der Bund die Hochschulen nur temporär und nicht institutionell fördern. Die aktuelle Grundgesetzänderung erlaubt uns nun die unbefristete Finanzierung im Hochschulbereich. Im Koalitionsvertrag ist etwa die Gründung eines interdisziplinären Internet-Instituts vorgesehen, das das Netz unter technischen, rechtlichen oder auch psychologischen Gesichtspunkten erforschen soll.

Für ein solches vom Bund finanziertes Institut hätten bislang nur außeruniversitäre Einrichtungen die Federführung übernehmen können, jetzt könnte auch eine einzelne Universität oder ein Verbund mehrerer Hochschulen den Zuschlag bekommen. Der Bund kann sich auch bei bestimmten Studiengängen finanziell einbringen, etwa bei solchen die für die Industrie 4.0 wichtig sind.

Müssen Sie an anderer Stelle kürzen, wenn Sie Hochschulen direkt Geld geben?

Nein – der Etat für Bildung und Forschung steigt in dieser Legislaturperiode um 25 %. Die zusätzlichen Mittel stehen also zur Verfügung. Dadurch können wir nach der Grundgesetzänderung nun auch neue Förderwege gehen.

Das Interview führte Jürgen Voges.