"Ich schaue kaum etwas noch lieber als Tiefseefernsehen"

Die Meeresbiologin Antje Boetius hat im September 2015 die Expedition des Forschungsschiffs SONNE im Südpazifik geleitet. Die 40-köpfige Crew hat untersucht, welche Auswirkungen ein zukünftiger Tiefseebergbau auf die Meeresumwelt haben kann.

Die Meeresforscherin Antje Boetius auf dem Forschungsschiff SONNE im September 2015. © AWI

Manganknollen – kleine anthrazitfarbene Klumpen, die in bis zu 6000 Metern Tiefe am Meeresboden liegen. Sie enthalten neben Mangan noch andere wertwolle Elemente wie Kupfer, Kobalt, Eisen oder die Seltenen Erden, die in Mobiltelefonen und Windkraftanlagen eingesetzt werden. Weil die Manganknollen damit eine wichtige Rohstoffquelle sein könnten, wird immer wieder die Frage nach einem Tiefseebergbau gestellt. Bisher gibt es keinen solchen Abbau von Manganknollen. Nicht zuletzt auch, weil die Risiken für die Meeresumwelt weitgehend unerforscht sind: Welche Schäden würde ein derartiger Bergbau am Meeresgrund anrichten? Wie lange würde die Natur benötigen, um die Wunden wieder zu schließen?

Manganknollen in einem Kastengreifer an Bord des Forschungsschiffes Sonne. © Alfred-Wegener-Institut/ Sabine Kasten

Mit den möglichen Folgen des Tiefseebergbaus beschäftigt sich derzeit das europäische Forschungsprojekt „JPIOceans - Ecological Aspects of Deep-Sea Mining“. Die erste Pilot-Expedition des Forschungsprojekts wird von deutscher Seite koordiniert und mit elf europäischen Partnern durchgeführt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Portugal, Großbritannien, Belgien und den Niederlanden sind mit dem deutschen Forschungsschiff SONNE unter Fahrtleitung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel im Südpazifik unterwegs.

Frau Boetius, Sie waren im September 2015 die Fahrtleiterin auf dem Forschungsschiff SONNE. Wie sah die Reiseroute aus?

Wir waren am 28. August von Guayaquil, der großen Hafenstadt von Ecuador, ausgelaufen – vier Wochen waren wir dann auf dem offenen Südpazifik, genauer gesagt, im Peru Becken bei 7°04’ S, 88° 28’ W und 4150 Metern Wassertiefe. Am 1. Oktober sind wir wieder in Guayaquil eingelaufen.

Was war das Ziel der Expedition?

Im Rahmen Forschungsverbunds JPI Oceans haben wir auf diesem Fahrtabschnitt der Expedition unter der Leitung von Matthias Haeckel (GEOMAR) die Spuren eines wissenschaftlichen Experimentes zum Tiefseeumweltschutz aus dem Jahr 1989 untersucht. Damals war die Hoffnung groß, wertvolle Metalle wie Kupfer und Nickel aus den natürlich vorkommenden Manganknollen zu gewinnen.  Aufgrund wissenschaftlicher Bedenken, welche Schäden der Tiefseebergbau anrichten könne, wurde schon vor  26 Jahren ein Projekt zum Tiefseeumweltschutz vom Bundesforschungsministerium finanziert. Es ist daher sehr spannend, fast drei Jahrzehnte später zu schauen, welche Spuren die damals mit einer Art Pflug erzeugte künstliche Störung des Meeresbodens hinterlassen hat. Wir wollen herausfinden, wie sich die Tiefseeumwelt, aber auch die Aktivität von Mikroorganismen, seit dieser Zeit verändert haben. Erste Bildauswertungen zeigen an, dass die Entfernung von Manganknollen die Besiedlung des Meeresbodens langfristig verändert. Letztlich geht es uns darum, herauszufinden, ob und ggf. unter welchen Bedingungen ein umweltverträglicher Tiefseebergbau möglich ist.

Haben Sie auch Plastikmüll am Meeresgrund entdeckt?

Ja, auch Plastikmüll ist zu sehen. Die Verschmutzung ist weniger als in anderen küstennahen Meeresgebieten, aber wir finden immer wieder einige Tüten und Dosen.

Einsatz des ROV Kiel 6000 auf RV SONNE im Südpazifik
Einsatz des ROV Kiel 6000 auf RV SONNE im Südpazifik © Johannes Lemburg

Wie muss man sich einen Tag auf der „Sonne“ vorstellen?

Es wird ja rund um die Uhr gearbeitet, das Schiff steht niemals still. Als Fahrtleiterin habe ich nach dem frühmorgendlichen Lesen meiner E-Mails eine Besprechung mit Kapitän, Offizieren und Bootsmann. Meist gehe ich danach für ein paar Stunden in den ROV-Container, um einen Teil des Tauchgangs zu begleiten. Dann schaue ich mir erste Ergebnisse an, frage alle Gruppen nach ihren nächsten Bedarfen, spreche mit dem ROV-Teamleiter die geplanten Tauchgänge durch, schreibe neue Stations- und Tauchpläne. Dann bereite ich den Vortrag für unser abendliches Meeting vor und hänge den neuen Stationsplan aus.  Jeden Tag um 19 Uhr treffen sich alle Wissenschaftler im Besprechungsraum, um sich über die Ergebnisse und die Planung für den nächsten Tag auszutauschen.

Aber Feierabend ist danach noch nicht, oder?

Nein, gegen 20 Uhr kommt unser Tauchroboter ROV wieder an Bord. Während der Nachtschicht bearbeiten wir die Bodenproben und schauen uns die Aufnahmen der Tiefseekamera an. Ich schaue kaum etwas lieber als „Tiefseefernsehen“ – in der Tiefseelandschaft gibt es immer etwas zu entdecken.

Können Sie mehr über die Crew verraten? Wer ist mit Ihnen an Bord?

Wir sind 40 Wissenschaftler und 31 Mann Besatzung. Das heißt, die zwei Köche haben alle Hände voll zu tun, uns satt zu kriegen. Unter den Wissenschaftlern sind 13 Frauen und 27 Männer, die aus sieben verschiedenen Ländern kommen: Deutschland, England, Frankreich, Holland, Norwegen, Belgien und Brasilien. Die Jüngste ist 22 Jahre alt, der Älteste 57. Wir sind ein bunt gemischtes Team, das sich in den wissenschaftlichen Methoden und Experimenten sehr gut ergänzt. Und Neptun ist gnädig mit uns: Wir hatten bisher keinen technischen Ausfall und auch kein schlechtes Wetter.

Das klingt sehr aufregend, aber auch anstrengend. Wie entspannen Sie zwischendurch?

Erholung finde ich, wenn ich mittags über das Schiff gehe, mich aufs Peildeck setze, oder dort gar mal ein Nickerchen mache, auf den Horizont schaue, aber auch bei vielen guten Gesprächen mit Mannschaft und Wissenschaft. Und wenn Zeit ist, schaue ich mir den wunderschönen pazifischen Sonnenuntergang an, und wie die fliegenden Fische, Goldmakrelen, Delphine oder Wale springen.

Frau Boetius, vielen Dank für das Gespräch.

Antje Boetius

Antje Boetius hat als wissenschaftliche Expertin für das Thema „Zukunft der Meere“ am G7-Wissenschaftsministertreffen teilgenommen. Mit den Folgen des Tiefseebergbaus und der Vermüllung der Meere beschäftigt sie sich als Meeresbiologin am Max-Plack-Institut für Marine Mikrobiologie, am Alfred Wegener Institut Helmholtz Zentrum für Polar und Meeresforschung sowie am Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) der Universität Bremen.