"Ich warne vor einem ideologischen Kampf"

Bundesministerin Johanna Wanka über das Verhältnis von Studium und dualer Berufsausbildung, präventive Berufsberatung und immer neue Schulreformen. Ein Interview mit der "Welt am Sonntag".

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Welt am Sonntag: Frau Wanka, 54 Prozent der Deutschen geben in einer Umfrage an, sie könnten mit Ihrem Namen nichts anfangen. Welchen Wert streben Sie für das Ende der Wahlperiode an?

Johanna Wanka: (lacht) Heute früh hat mich der Taxifahrer erkannt. Als Bildungs- und Forschungsministerin wird man nie den Bekanntheitsgrad der Kanzlerin oder des Außenministers haben. Mich erstaunt eher, dass mich schon etwa die Hälfte kennt. Das finde ich beachtlich.

Welt am Sonntag: Haben Sie in Ihrem ersten Jahr auf der Bundesbühne auch die Schattenseiten des Betriebs kennengelernt? In der Hauptstadt gehe es selbstbezogen und mimosenhaft zu, urteilte zuletzt der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig. Auch die nordrhein-westfälische Regierungschefin Hannelore Kraft klagte darüber, wie Politik gemacht werde in Berlin ...

Johanna Wanka: Das haben zwei SPD-Leute gesagt. Von CDU-Ministerpräsidenten wie Stanislaw Tillich oder Christine Lieberknecht habe ich so etwas noch nicht gehört. Man kann vielleicht feststellen, dass der Wert der Landespolitik nicht von allen in Berlin erkannt wird. Als ich neu ins Bundeskabinett kam, hat ein Kollege zu mir gesagt, Landespolitik sei Kreisklasse. Das fand ich schon ziemlich erstaunlich, und das hat mich als langjährige Landespolitikerin auch geärgert.

Welt am Sonntag: Sie sind Naturwissenschaftlerin – wie Angela Merkel. Prägt auch das Ihre Art, Politik zu machen?

Johanna Wanka: Ja. Naturwissenschaftler versuchen, schnell das Substanzielle an Problemlagen zu erkennen. Und wir denken die Dinge voraus – ähnlich dem Schachspiel.

Welt am Sonntag: Was stimmt am Klischee vom nüchternen, kühlen Naturwissenschaftler?

Johanna Wanka: Ich war jahrelang an der Hochschule. Bei den Naturwissenschaftlern gibt es genauso viele Eitelkeiten wie bei den Geisteswissenschaftlern. Da geht es nicht immer rational und kühl zu.

Welt am Sonntag: Annette Schavan ist Geisteswissenschaftlerin. Begegnen Sie Ihrer Vorgängerin noch ab und zu?

Johanna Wanka: Ja klar. Wir sind befreundet.

Welt am Sonntag: Ist Schavan Unrecht geschehen, als sie ihren Doktortitel verloren hat?

Johanna Wanka: Das ist kein Thema, das von mir bewertet werden sollte. Ich halte es allgemein für wichtig, dass die Wissenschaft über Qualitätssicherung bei Promotionen spricht – bei der Erstellung der Arbeit wie auch bei der Überprüfung.

Welt am Sonntag: Haben Sie sich gefreut, als Schavan jetzt die Ehrendoktorwürde der Universität Lübeck verliehen wurde?

Johanna Wanka: Ich freue mich sehr über die Perspektive von Annette Schavan, Botschafterin im Vatikan zu werden.

Welt am Sonntag: Die Plagiatsjäger ruhen nicht. Zuletzt ist Entwicklungsminister Gerd Müller ins Visier geraten. Haben Sie sicherheitshalber Ihre eigene Doktorarbeit noch einmal angeschaut?

Johanna Wanka: Nein, nach so vielen Jahren würde ich auch nicht mehr alles verstehen. Aber ich weiß, dass andere sich die Arbeit genau angeguckt haben. Zum Beispiel mein Mann, der selbst Mathematiker und ein sehr Gründlicher ist.

Welt am Sonntag: Sie haben in Mathematik promoviert – einem Fach, in dem der Doktorgrad nicht so leicht zu erwerben ist wie beispielsweise in Medizin. Gibt es Titel erster und zweiter Klasse?

Johanna Wanka: Ob man bei Promotionen differenzieren soll, war ein großes Thema, als wir im Wissenschaftsrat über Qualitätsstandards gesprochen haben. Am Ende hat sich der Wissenschaftsrat dagegen entschieden, die Promotion in Medizin anders zu bewerten. Man würde den Medizinern Unrecht tun. Da gibt es viele exzellente Doktorarbeiten.

Welt am Sonntag: Die Zahl der Studenten nimmt zu, nicht nur in Medizin. Ist es zu viel, wenn 55 Prozent eines Jahrgangs studieren?

Johanna Wanka: Wir sind jahrelang von der OECD angezählt worden, weil es zu wenig Studenten in Deutschland gab. Jetzt ist von einer Überakademisierung die Rede. Diese Diskussion wird zu vereinfachend geführt. Es gibt gute Gründe, zu studieren: gutes Einkommen, selbstbestimmteres Leben, größter Schutz vor Arbeitslosigkeit. Das kann man jungen Leuten nicht ausreden. Für mich sind die hohen Abbrecherzahlen das Problem – volkswirtschaftlich und individuell. In manchen Fächern beenden 40 Prozent vorzeitig das Studium.

Welt am Sonntag: Wozu raten Sie?

Johanna Wanka: Wir brauchen schon in der Schule, auch in den Gymnasien, eine intensivere Beratung. Wenn jemand Elektrotechnik studieren will, aber wegen Schwächen in Mathematik oder Physik keine gute Erfolgsprognose hat, sollte er lieber eine Lehre als Elektroniker oder Elektromonteur beginnen. Wer die Ausbildung gut bewältigt, kann immer noch studieren. Mit einer präventiven, individuellen Berufsberatung stärken wir die duale Ausbildung. Darin sehe ich einen Schwerpunkt meiner Arbeit.

Welt am Sonntag: Wie passt dazu das Vorhaben der großen Koalition, Ungelernten ab 18 Jahren einen Mindestlohn von 8,50 Euro zu garantieren?

Johanna Wanka: Ich hatte meine Bedenken angemeldet. Die mehrheitliche Entscheidung des Kabinetts akzeptiere ich. Die Union hat auf eine Evaluierung Wert gelegt, die jetzt im Gesetz steht. Wenn die Regeln für den Mindestlohn die berufliche Ausbildung beeinträchtigen sollten, muss nachgebessert werden.

Welt am Sonntag: Der Koalitionsvertrag von Union und SPD legt auch fest, dass die Länder mehr Geld für Schulen und Hochschulen bekommen sollen. Die Verhandlungen sind allerdings ins Stocken geraten. Wird der Motor der Bildungsrepublik abgewürgt?

Johanna Wanka: Wir haben im Koalitionsvertrag vereinbart, dass sechs Milliarden Euro zusätzlich für Kitas, Schulen, Hochschulen und Ausbildung investiert werden sollen. Die Länder sollen entlastet werden, wir vergeben aber keine Blankoschecks. Ein zentrales Projekt ist der Einstieg des Bundes in die Grundfinanzierung der Hochschulen. Entscheidend ist für mich, dass das Geld wirklich bei den Studierenden ankommt und nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet wird. Der Finanzminister eines Bundeslandes hat mir ganz unverblümt gesagt: "Wir wollen das Geld cash, ohne Zweckbindung. Wegen der Schuldenbremse." Aber das ist nicht Sinn der Sache.

Welt am Sonntag: Mit Bildungspolitik kann man Wahlen verlieren. Erklärt das die Nervosität, mit der sich manche Bundesländer an Strukturreformen versuchen?

Johanna Wanka: Bildungspolitik ist Länderkompetenz. Es ist legitim, dass jedes Land versucht, den richtigen Weg in der Bildungspolitik zu finden. Ein Stadtstaat wie Bremen mit einem hohen Migrantenanteil muss vielleicht ganz andere Schulstrukturen wählen als Bayern oder Sachsen. Wegkommen müssen wir aber davon, dass ideologische Debatten die Bildungspolitik prägen. In der Kultusministerkonferenz habe ich heftige Kämpfe erlebt. Und zu oft gab es das Bestreben, nach jeder Landtagswahl wieder das Schulsystem zu verändern.

Welt am Sonntag: Gerade kehrt ein Bundesland nach dem anderen zum neunjährigen Gymnasium zurück ...

Johanna Wanka: Ich warne davor, über die Frage des acht- oder neunjährigen Gymnasiums einen ideologischen Kampf zu führen. Aus Sicht des Bundes ist vor allem Vergleichbarkeit wichtig. Es dürfen keine Hürden aufgebaut werden. Der Wechsel von einem Bundesland zum anderen muss problemlos möglich sein. Es gibt auch Länder wie Nordrhein-Westfalen, die beim achtjährigen Gymnasium bleiben wollen. Manchmal ist Durchhaltevermögen gefragt.

Welt am Sonntag: Persönlich sind Sie für das G8?

Johanna Wanka: Es gibt kein Richtig oder Falsch, das muss jedes Land für sich entscheiden. Ich bin Sächsin. Und in Sachsen funktioniert das G8 klasse.

Welt am Sonntag: Der Stress für Kinder ähnele dem von Managern, man stehle dem Nachwuchs die Zeit für die Reifung der Persönlichkeit – mit solchen Argumenten ziehen Väter und Mütter gegen das achtjährige Gymnasium zu Felde. Lassen sich manche Bildungspolitiker zu sehr von Stimmungen in der Elternschaft beeinflussen?

Johanna Wanka: In der Politik ist wichtig, dass man Stimmungen nicht ignoriert. Aber man muss auch in der Lage sein, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, wenn sie richtig sind. Dafür muss man auch mal Gegenwind und Ärger aushalten. Politik nach Umfragen zu machen, halte ich für verkehrt. Auf dem Feld der Bildung sind jene Länder am erfolgreichsten, die über einen langen Zeitraum hinweg Kontinuität haben. Das ist für Eltern, Schüler und Lehrer wichtig, und das halte ich für etwas ganz Grundlegendes. Man kann unterschiedliche Wege gehen, aber ständig zu wechseln, bringt Unsicherheit.

Welt am Sonntag: Sie wollen Ruhe.

Johanna Wanka: Ich bin für Schulfrieden. Man muss die Schulen auch mal in Ruhe lassen. Ständig über neue Strukturen zu reden statt über Inhalte, führt uns nicht weiter.

Welt am Sonntag: Wie lange soll der Frieden dauern?

Johanna Wanka: Es ist grundsätzlich sinnvoll, Schulreformen über Parteigrenzen hinweg zu vereinbaren. Dann haben sie länger Bestand als eine Wahlperiode.