Im heimischen Flair zur natürlichen Geburt

Snackbar, Ruhezone, DVDs: Kann ein alternativer Gebärraum die Chance auf eine natürliche Geburt erhöhen? Das will eine Wissenschaftlerin aus Halle mit finanzieller Unterstützung des Bundesforschungsministeriums herausfinden.

In einer Ruhezone können Schwangere im alternativen Gebärraum entspannen. © Thinkstock

Fast jedes dritte Kind in Deutschland kommt durch einen Kaiserschnitt zur Welt. Das ist deutlich mehr, als von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen wird. Laut WHO sollten maximal 15 Prozent der Kinder das Licht der Welt per Kaiserschnitt erblicken – ein Wert, den Deutschland zuletzt vor etwa 30 Jahren erreichte. Seither ist die Kaiserschnittrate kontinuierlich gestiegen, und stagniert seit einigen Jahren bei etwa 30 Prozent. Eine Wissenschaftlerin der Medizinischen Fakultät in Halle möchte mithilfe einer Studie herausfinden, ob sich die Chance auf eine natürliche Geburt erhöht, wenn die Bedürfnisse werdender Mütter im Kreißsaal stärker berücksichtigt werden. Das Bundesforschungsministerium fördert die Studie mit etwa 1,1 Millionen Euro.

Im alternativen Gebärraum soll es eine Snackbar, Esstische und Stühle sowie ausreichend Platz zum Entspannen geben. © Thinkstock

Für die Studie richten zwölf geburtshilfliche Abteilungen in Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Sachsen und Berlin einen alternativen Kreißsaal ein. Dort gibt es eine Snackbar, einen Esstisch und Stühle, Kissen, eine Matratze, DVDs mit Naturszenen, ausreichend Platz für Bewegung, eine Ruhezone und Angebote zur Entspannung. „Der Gebärraum soll einen heimischen Flair haben“, erklärt Studienleiterin Gertrud Ayerle, „damit die Frauen sich wohlfühlen, frei bewegen können und selbst bestimmen können, was gut für sie ist.“ Dass sie sich in einem Kreißsaal befinden, sollen die werdenden Mütter gar nicht erst wahrnehmen. Daher befindet sich das Kreißbett an einer Wand – verdeckt hinter spanischen Gardinen.

„Wir wollen herausfinden, ob die Gestaltung der Gebärumgebung die Wahrscheinlichkeit auf eine natürliche Geburt erhöht“, sagt Ayerle. Bisher sei das noch in keiner größeren Studie untersucht worden. Diese Forschungslücke will Ayerle mit ihrem Team schließen. Für die Studie werden einige Teilnehmerinnen im klassischen Kreißsaal entbinden, während andere Gebärende im alternativen Gebärraum untergebracht werden. „Wenn sich der alternative Gebärraum als effektiv erweist und zukünftig bundesweit eingesetzt würde, könnten in Deutschland zusätzlich etwa 21.000 Gebärende pro Jahr eine natürliche Geburt erleben,“ schätzt die Wissenschaftlerin.

Hintergrund

Das Bundesforschungsministerium unterstützt in der Fördermaßnahme „Klinische Studien mit hoher Relevanz für die Patientenversorgung“ Studien zum Wirksamkeitsnachweis von Therapiekonzepten. Dabei werden definierte Patienten- und Probandengruppen systematisch beobachtet, um daraus neue Behandlungsempfehlungen abzuleiten. Die Studie „Effekt der Geburtsumgebung auf den Geburtsmodus und das Wohlbefinden von Frauen am Geburtstermin“ der Medizinischen Fakultät Halle wird bis September 2020 mit etwa 1,1 Millionen Euro durch das BMBF gefördert. Ab April 2018 sollen Teilnehmerinnen für die Studie gefunden werden.