"Im Kampf gegen das Coronavirus brauchen wir eine internationale Anstrengung"

Im Kampf gegen das neue Coronavirus wirbt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek um Geduld bei der Entwicklung eines Impfstoffes. „Soweit wir es verantworten können, beschleunigen wir die Verfahren“, sagte sie der „Passauer Neuen Presse“.

Das Interview ist am 18. März 2020 in der Passauer Neuen Presse (PNP) erschienen. Die Fragen stellte Andreas Herholz.

Frau Karliczek, Sie sind seit Montag in häuslicher Selbstbeobachtung. Wie geht es Ihnen?

Anja Karliczek: Danke, gut. Ich war auf einer Veranstaltung, an der auch jemand teilgenommen hat, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Nach den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts  müssen alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer für 14 Tage nach dem Termin zu Hause bleiben. Daran halte ich mich auch als Ministerin, so wie sich jede und jeder von uns an die RKI-Richtlinien halten sollte. Ich wäre natürlich lieber in Berlin. Arbeiten kann ich aber auch von hier aus. Ich habe keine Beschwerden.

Sie sind ja nicht die einzige Person aus der Politik, der das Virus nun den Terminplan diktiert. Verändern sich die Prioritäten?

Karliczek: Alle Menschen müssen sich der Situation stellen und ihr Leben anpassen. Das gilt auch für die Politik. Auch in meinem Ministerium wird die Arbeit neu organisiert. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden in den nächsten Wochen von zu Hause aus arbeiten. Arbeitsabläufe müssen völlig neu organisiert werden. Gleichzeitig wird aber überall in der Politik mit Hochdruck gearbeitet, um das Coronavirus einzudämmen. Diese Epidemie ist ein riesiger Stresstest für die ganze Gesellschaft. Aber ich finde, Bund, Länder und Kommunen arbeiten sehr gut zusammen. Unser Land zeigt insgesamt, dass es in der Krise zusammensteht. Wir besinnen uns gerade auf unsere Stärken.
Aber die Corona-Pandemie breitet sich auch in Deutschland weiter aus. Sind wir gut  vorbereitet?

Karliczek: Wir haben sehr gute Voraussetzungen, diese Herausforderung zu bestehen. Aber wir werden sehr viel Kraft aufwenden müssen – so viel wie vielleicht noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik. Wir können auch auf unsere Forschung vertrauen. Als Bundesforschungsministerin unterstütze ich die Forschung, wo immer es geht. Sollte noch weitere finanzielle Unterstützung nötig sein, ist Deutschland sehr schnell in der Lage, immer wieder nachzulegen. Gerade in der letzten Woche haben wir die Mittel für die Impfstoffforschung noch einmal um 140 Millionen Euro aufgestockt.

Worum geht es in der Forschung konkret?

Karliczek: Es geht momentan um drei Punkte, die wir parallel mit all unseren Möglichkeiten unterstützen: Die Forscherinnen und Forscher müssen in die Lage versetzt werden, das Virus noch besser zu verstehen. Weiterhin geht es darum, Medikamente für die Behandlung von Erkrankten zu entwickeln und schon zugelassene Medikamente auf Wirksamkeit gegen das Covid-19-Virus zu testen. Und drittens muss die Entwicklung eines Impfstoffs vorangetrieben werden. Überall arbeiten die Forscherinnen und Forscher mit allem Hochdruck daran. Wir sind mit ihnen in einem engen Austausch, aber die Entwicklung braucht ihre Zeit. Wir haben hohe Sicherheitsstandards in der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen. Wir wollen sicher sein, dass sie wirken und möglichst wenige Nebenwirkungen haben. Deshalb findet die Beschleunigung der Verfahren genau dort ihre Grenzen. Soweit wir es verantworten können, beschleunigen wir die Verfahren.

US-Präsident Donald Trump will nach dem deutschen Biotech-Unternehmen CureVac greifen, das führend in der Corona-Forschung ist. Der  Haupteigentümer Dietmar Hopp denkt nicht an Verkauf. Müssen solche Unternehmen besser geschützt oder gar verstaatlicht werden?

Karliczek: Ein wirksamer Impfstoff ist das beste Mittel, um das Virus auf mittlere Sicht zurückzudrängen. Daran wird überall auf der Welt fieberhaft gearbeitet. Ganz wichtig ist dabei die internationale Impfstoff-Allianz CEPI, die auch Deutschland durch mein Haus mitträgt. Sie wurde in Reaktion auf die Ebola-Epidemie gegründet. Schon vor Wochen hat CEPI weltweit mehrere Einrichtungen mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus beauftragt. Diese Einrichtungen verfolgen verschiedene Ansätze. Damit kommt man in der Regel schneller ans Ziel. Beauftragt ist auch das deutsche Biotech-Unternehmen CureVac in Tübingen. Das Netzwerk CEPI hat die Coronaviren, zu denen auch die Sars- und Mers-Viren gehören, schon lange auf der Agenda. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir auf einem guten Weg sind. Gerade im Kampf gegen das Coronavirus brauchen wir eine gemeinsame internationale Anstrengung.

Sie stellen mehr Mittel zur Erforschung des Coronavirus bereit. Muss die Forschung im Bereich von Viren und Pandemien nicht insgesamt und weltweit intensiviert werden?

Karliczek: Die jetzige Pandemie zeigt, dass wir weltweit die Anstrengungen in der Viren- und Pandemieforschung noch einmal verstärken müssen. Nach der Ebola-Epidemie, die in Afrika unendlich viele Opfer gekostet hat, wurde die Impfstoff-Allianz CEPI gegründet. Ohne CEPI stünden wir im Kampf gegen das Virus heute viel schlechter da. Aber wir werden CEPI besser ausstatten müssen und die Forschung in dem Bereich noch einmal erheblich ausbauen. Diese Pandemie zeigt doch, was solche unglaublichen Infektionswellen für Folgen haben können – für die Gesundheit von unzähligen Menschen und für unseren Wohlstand. Jeder Euro in die Forschung wird sich hundertfach auszahlen.

Die Schulen und Kitas bleiben bundesweit geschlossen. Wie lässt sich eine Betreuung für berufstätige Eltern gewährleisten?

Karliczek: Die Länder sind dabei Betreuungsangebote zu organisieren. Das wird aber nicht für alle Kinder gelingen. Eltern werden zu Hause bleiben. Es schließen sich auch Eltern zusammen, um Kinder in sehr kleinen Gruppen wechselseitig zu betreuen. Vielleicht zeigt auch der eine oder andere Nachbar Bereitschaft, sich hier zu engagieren. Arbeitgeber müssen jetzt Verständnis zeigen. Hier gilt, was überall gelten sollte: Wir sollten uns alle gegenseitig unterstützen. Es sollte eine Zeit der Nächstenliebe sein.

Wie lässt sich der Unterricht jetzt trotz Schulschließungen fortsetzen? Die Digitalisierung der Schulen lässt weiter auf sich warten.

Karliczek: Wir stehen mit den Ländern in Kontakt, die Angebote für digitale Bildung zu forcieren. Es gibt bereits entsprechende Plattformen. Auch der Bund betreibt zum Beispiel mit Niedersachsen eine Schulcloud, an der 300 Schulen deutschlandweit beteiligt sind. Das sind Ansatzpunkte. Wir müssen auch hier kreativ sein. Wir müssen es schaffen, trotz geschlossener Schulen, Unterricht anzubieten. Dafür brauchen wir mehr Formen für digitalen Unterricht. Durch die Corona-Pandemie darf das Lernen nicht zum Erliegen kommen.