Im Stall und auf dem Feld: Multiresistente Keime sind weit verbreitet

Multiresistente Keime gibt es in vielen landwirtschaftlichen Betrieben. Das zeigt eine vom Bundesforschungsministerium geförderte Studie. Die G7-Wissenschaftsminister beraten in Berlin darüber, wie sie die Gesundheitsforschung vorantreiben können.

In jedem der 34 untersuchten Hühnerställe wurden multiresistente Keime gefunden. © thinkstock

Bakterien sind überall. Sie haben lange vor dem ersten Menschen die Erde besiedelt und viele leben mit uns in Symbiose. Ohne sie könnten wir nicht überleben. Krankheitserregende Bakterien schaden jedoch dem Menschen - und werden immer häufiger resistent gegen Medikamente wie Antibiotika. Der Grund dafür: Bakterien haben eigene Abwehrmechanismen. Schon ohne menschliches Zutun können sie Resistenzen entwickeln.

Wenn Bakterien gegen eine Vielzahl von Wirkstoffen resistent sind, dann spricht man von einer Multiresistenz. Für den Menschen sind Infektionen mit solchen besonders widerstandfähigen Keimen sehr gefährlich. Allein in Europa wird die Zahl der Todesfälle durch multiresistente Erreger auf jährlich 10.000 bis 15.000 geschätzt.

Dabei kann jeder Mensch Träger multiresistenter Keime sein. Für gesunde Personen ist das oft unbedenklich, da diese Bakterien Teil der normalen Keimflora sind. Auch Tiere und insbesondere Tiere in der Landwirtschaft können multiresistente Keime in sich tragen. Und hier wird es problematisch: Es gibt Bakterien, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können. Für Menschen mit einem schwachen Immunsystem kann das gefährlich werden. Fachleute sprechen bei diesen Infektionen von Zoonosen.

Zoonosen – Kurz erklärt

Unter Zoonosen verstehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Krankheiten, die zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können. Immer wieder tauchen neue Erreger, beispielsweise Viren auf, die neben Tieren auch Menschen infizieren können. Ein Beispiel ist die Vogelgrippe. Auch die Infektionskrankheit Ebola ist eine Zoonose. Zoonosen können sich sehr rasch ausbreiten. Experten schätzen, dass mehr als die Hälfte aller bekannten Erreger, die Infektionen beim Menschen auslösen, zwischen Tier und Mensch übertragen werden.

Durch verschiedene Übertragungswege kann ein solcher Erreger die Barriere zwischen Tier und Mensch überwinden. Ein Beispiel hierfür sind Darmbakterien, auch Enterobakterien genannt. Sie können durch Tierkontakt, bei der Schlachtung oder über Tierkot - den Stallmist, der als Dünger eingesetzt wird - in die Umgebung und in die Lebensmittelkette und letztendlich zum Menschen gelangen. Ein Problem entsteht, wenn diese Enterobakterien sich vor therapeutisch besonders wichtigen Antibiotika schützen können, das heißt, wenn sie den Bauplan für bestimmte Enzyme haben, die sogenannten Beta-Laktamasen oder kurz ESBL.

Multiresistente Keime im Stall

Der vom Bundesforschungsministerium geförderte Forschungsverbund RESET untersucht unter anderem, wie häufig und wo Enterobakterien, die das Enzym ESBL herstellen können, in der Landwirtschaft gefunden werden. Die ersten Studienergebnisse in landwirtschaftlichen Betrieben in ganz Deutschland sind alarmierend: In jedem der 34 untersuchten Hähnchenmast-Betriebe wurden ESBL-bildende Bakterien gefunden. Bei Schweine- und Rindermastbetrieben waren es nur geringfügig weniger, aber auch hier konnten bei fast jedem Betrieb ESBL-bildende Darmbakterien nachgewiesen werden (85 Prozent bei Schweinen und 80 Prozent bei Rindern). Selbst in Betrieben, in denen die Tiere nur mit geringen Antibiotika-Mengen oder gar nicht behandelt wurden, ließen sich resistente Keime finden.

Die multiresistenten Keime sind aber nicht nur im Stall, sondern auch in der Umgebung – in Böden, im Wasser und auch in Gemüsepflanzen. Das hat ein Experiment mit präparierter Gülle gezeigt, die als Dünger auf ein Feld aufgetragen wurde. „Noch wissen wir nicht, ob durch die Verbreitung der multiresistenten Bakterien in der Landwirtschaft tatsächlich ein Gesundheitsrisiko für die Verbraucher entsteht“, sagt Lothar Kreienbrock. Er führt das Institut für Biometrie, Epidemiologie und Informationsverarbeitung an der tierärztlichen Hochschule in Hannover und leitet das Projekt RESET.

Das Bundesforschungsministerium fördert seit Juli 2007 13 interdisziplinäre Forschungsverbünde zu zoonotischen Infektionskrankheiten. 2008 wurde die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen eingerichtet. Beteiligt sind die Bundesministerien für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), für Bildung und Forschung (BMBF) und für Gesundheit (BMG).

Der Forschungsverbund fand bei menschlichen Bakterien auch Stämme, die das Enzym ESBL bilden, das Antibiotika wirkungslos macht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass dies derzeit bei ungefähr sechs Prozent der Allgemeinbevölkerung der Fall ist. Die gefundenen Keime stimmen allerdings nur in Teilen mit denen aus der Landwirtschaft überein, so dass die Größenordnung der Übertragung von Tieren auf Menschen, aber auch von Menschen auf Tiere derzeit noch nicht endgültig bewertet werden kann. „Unsere Ergebnisse zeigen aber auch, dass es bereits jetzt sinnvoll ist, Maßnahmen zu ergreifen, die zum Beispiel die hygienische Situation verbessern, um Resistenzentstehung und -verbreitung zu vermindern“, so Lothar Kreienbrock.

Einheitliche Nachweismethoden

Um die Ausbreitung der multiresistenten Keime einzudämmen, ist internationale Zusammenarbeit gefragt: Der Forschungsverbund konnte dazu beigetragen, dass die Methode zum Nachweis und zur Charakterisierung von ESBL-Resistenzen vereinheitlich wurde. Die vom RESET-Verbund etablierte Methode wurde vom gemeinschaftlichen Referenzlabor für Antibiotikaresistenz geprüft und wird nun für die in der gesamten Europäischen Union verpflichtend durchzuführenden Untersuchungen empfohlen. Geholfen hat dabei die internationale Vernetzung der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Auch die gemeinsam geschaffenen Datenbanken erleichtern den Wissensaustausch und die Charakterisierung resistenter Bakterienstämme.

Der Kampf gegen multiresistente Keime und Antibiotikaresistenzen – im Krankenhaus, im Seniorenheim genauso wie im Tierstall – ist eine globale Aufgabe und deshalb eines der Schwerpunktthemen der deutschen G7-Präsidentschaft in diesem Jahr. Die Wissenschaftsminister der G7-Nationen werden im Oktober darüber beraten, wie man die Gesundheitsforschung gemeinsam vorantreiben kann.