Impfstoffentwicklung: "Keine nationalen Alleingänge"

"Egal welches Unternehmen mit seinem Ansatz bei der Impfstoffentwicklung erfolgreich sein wird: die Ergebnisse müssen letztlich allen zu Gute kommen", schreibt Forschungsministerin Karliczek in der FAS. "Dafür werde ich mich weiter stark machen."

Aufziehen einer Spritze
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind bislang rund 41 Impfstoffentwicklungen gegen das neuartige Coronavirus angelaufen. © Adobe Stock / Swapan

Der Gastbeitrag von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek ist am 22. März 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen.

Weltweit arbeiten derzeit Forscherinnen und Forscher mit Hochdruck an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das neuartige Corona-Virus SARS-CoV-2. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind bislang rund 41 Impfstoffentwicklungen angelaufen. Das ist eine gute Nachricht. Denn: Mit der hohen Anzahl von Ansätzen, die verschiedene methodische Herangehensweisen abdecken, steigt die Chance auf Erfolg erheblich. Die zweite gute Nachricht: An ähnlichen Viren wird bereits seit einigen Jahren geforscht. Die Forscherinnen und Forscher können daher auf eine ganze Menge an Vorarbeit aufbauen.

Die Erwartungen sind enorm. Aber: Die Entwicklung eines neuen Impfstoffs braucht Zeit. Auch wenn es aktuell immer mehr Meldungen zum Beginn erster Studien gibt. Es lässt sich heute nicht genau sagen, wann wir einen wirksamen Impfstoff gegen das Corona-Virus haben werden. Auch bei einigem Optimismus müssen wir von einer Entwicklungszeit von mindestens einem Jahr bis zu einem ersten großflächigen experimentellen Einsatz ausgehen. Natürlich sind wir für jeden Tag dankbar, den ein Impfstoff früher verfügbar ist.

Warum dauert es so lange, fragen viele. Bevor ein Impfstoff breit jedem angeboten werden kann, muss er zugelassen sein. Dafür muss er wirksam sein. Er muss zudem hohe Sicherheitsansprüche erfüllen und für den Menschen gut verträglich sein. Zudem soll der Impfstoff möglichst wenig Nebenwirkungen haben. Man spricht von einer günstigen Nutzen-Risiko-Abschätzung, die ein Impfstoff erfüllen muss.

Sicherheit und Patientenschutz bleiben bei der Impfstoffzulassung die Richtschnur

Diese Voraussetzungen werden in Zulassungsverfahren überprüft. Für europaweite Zulassung macht das die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA). Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat hier eine wichtige Rolle. Dort will man die Verfahren so schnell wie möglich durchführen. Die Behörden sind bereits im engen Austausch mit den Impfstoffentwicklern, damit die weiteren Schritte hin zur Zulassung schnell gemeinsam abgestimmt werden. Dabei müssen wir verantwortlich handeln und Risiken und Nutzen gegeneinander abwägen. Sicherheit und Patientenschutz bleiben bei der Impfstoffzulassung die Richtschnur. 

Ein wirksamer Impfstoff ist das beste Mittel, um das Corona-Virus dauerhaft in den Griff zu bekommen. Gerade beim Kampf gegen das Corona-Virus brauchen wir eine gemeinsame internationale Anstrengung. Eine wichtige Rolle übernimmt hier die internationale Impfstoff-Allianz CEPI, die auch Deutschland durch mein Haus von Anfang an finanziell mitträgt.

CEPI wurde in Reaktion auf die Ebola-Epidemie gegründet. Jetzt gibt uns diese Initiative die Möglichkeit, schnell konkrete Forschungsvorhaben zum Corona-Virus zu fördern und auf Erkenntnisse aus früheren Epidemien aufbauen zu können. Bereits vor Wochen haben wir mit den anderen Förderpartnern entschieden, dass sich die Impfstoff-Allianz aktuell auf die Forschung nach einem Impfstoff gegen das neuartige Corona-Virus konzentrieren soll. CEPI unterstützt so gegenwärtig weltweit acht Forschungsprojekte, die alle geeignet erscheinenden methodischen Ansätze für eine Impfstoffentwicklung einschließen.

Dazu gehört zum Beispiel die Impfung mit Nukleinsäuren, wie sie unter anderem schon das amerikanische Unternehmen Moderna und das deutsche Unternehmen CureVac aus Tübingen erforschen. Zu den Firmen, die ebenfalls neben den von CEPI geförderten Unternehmen diese Richtung eingeschlagen haben, gehört zudem die deutsche Firma Biontech. Nukleinsäuren haben den Vorteil, sicherer und schnell auch im großen Maßstab herstellbar zu sein. Sie können schneller als andere Ansätze in die klinische Prüfung gehen. Dennoch ist es wichtig, dass viele verschiedene Ansätze verfolgt werden. Denn die Erfahrung zeigt, dass nur der kleinere Teil von Impfstoffkandidaten, der in die klinische Prüfung eintritt, diese auch erfolgreich beendet.  

140 Millionen Euro extra für CEPI

Eines muss allen klar sein: Bei der Impfstoffentwicklung kann es keine nationalen Alleingänge geben. Egal welches Unternehmen mit seinem Ansatz bei der Impfstoffentwicklung erfolgreich sein wird: die Ergebnisse müssen letztlich allen zu Gute kommen. Dafür werde ich mich weiter stark machen und ich freue mich, dass ich hierin von vielen Seiten Unterstützung finde. 

Erfolgreiche Forschung kostet Geld. Meine Aufgabe ist es, die Forschung zu unterstützen, wo immer es geht. Forscherinnen und Forscher sollen die Gelder für die Impfstoffentwicklung zum Corona-Virus erhalten, die sie benötigen. Deutschland wird daher kurzfristig über meinen Haushalt die laufende Förderung von CEPI um 140 Millionen Euro erhöhen. Und ich werde mich für weitere Erhöhungen einsetzen, wenn dies erforderlich ist.

Die gegenwärtige Corona-Pandemie zeigt uns, dass wir Forschung mit langem Atem unterstützen müssen, damit diese gerade im Krisenfall kurzfristig reagieren kann. Daher müssen wir diskutieren, wie wir die Viren- und Pandemieforschung künftig nachhaltiger und großzügiger fördern können. Und: Wie können wir internationale Netzwerke wie das CEPI weiter voranbringen?

Gegen eine Pandemie kann kein Land alleine kämpfen

Darüber müssen wir uns gemeinsam mit unseren europäischen und internationalen Partnern sofort austauschen, wenn das Virus zurückgedrängt ist. Gegen eine Pandemie kann kein Land alleine kämpfen. Das geht nur miteinander. Ich werde daher diese Fragen zum Gegenstand der deutschen EU-Ratspräsidentschaft machen, die in wenigen Monaten beginnt. Im Verbund mit den Forschungsministerinnen und -ministern der EU möchte ich dazu beitragen, dass wir zu einem gemeinsamen europäischen Ansatz kommen.

Die gegenwärtige Ausbreitung des Corona-Virus hat gezeigt: Pandemien sind eine Gefahr für die gesamte Menschheit. Die Corona-Epidemie hat alle Kontinente erfasst. Sie zerstört Leben, untergräbt den Wohlstand der Nationen und bedroht den Zusammenhalt in unserer Welt. Unser gemeinsames Ziel kann am "Tag x" nach Corona nur lauten: Diese Pandemie daf sich nicht wiederholen, auch wenn wir vielleicht heute den nächsten bedrohlichen Virus noch gar nicht kennen.