Impulse zur Gesellschaftsgestaltung setzen

Das Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik beschäftigt sich mit Herausforderungen unserer Gesellschaft: Mit Demografie zum Beispiel. Wie finden Wissenschaftler konkrete Lösungsansätze, die zu gesellschaftlichem Fortschritt beitragen?

Demografie, Inklusion und Migration gestalten: Dies sind Zukunftsaufgaben, für die sich nicht einfach Lösungen finden lassen. Sie sind vielschichtig und haben Auswirkungen auf verschiedene Sektoren von der Zivilgesellschaft bis zur Wirtschaft. Wie gehen Wissenschaftler an solch komplexe Themen heran? Wie finden sich Ansätze für konkrete Lösungen, die der gesellschaftlichen Entwicklung dienen und bei den Menschen ankommen?

Das Max-Planck-Institut (MPI) für Sozialrecht und Sozialpolitik zeigt, wie es gehen kann. Im Gespräch mit bmbf.de gibt Axel Börsch-Supan, Geschäftsführender Direktor des MPI für Sozialrecht und Sozialpolitik, einen Einblick in die Arbeit des Institutes. Am Beispiel des Themas „Altern“ beschreibt er, wie die Wissenschaft zu neuen Erkenntnissen kommt.

Prof. Dr. Axel Börsch-Supan, Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik. © Jan Roeder/MEA

„Wir konstruieren Lebensgeschichten“, so Börsch-Supan. Dazu sammelten die Wissenschaftler Daten, wie Menschen altern. Die Wissenschaftler beobachten Menschen über eine sehr lange Zeit, beginnend mit dem 50. Lebensjahr, über den Eintritt in die Rente, bis zum Tod. Altern zu erforschen, heiße, Geduld und Zeit mitzubringen, so Börsch-Supan. Es gehe um Prozesse, die sich über weite Teile eines Menschenlebens hinweg ziehen. Die Beobachtungen, die dabei zu machen sind, sind immer unterschiedlich. Denn das Altern der Einzelnen sei stets mit gesellschaftlicher Veränderung verknüpft. 70-Jährige heute würden anders leben und altern als 70-Jährige früher – sodass immer neue Schlussfolgerungen über die gesellschaftliche Entwicklung zu ziehen seien.

Alle zwei Jahre führen Börsch-Supan und seine Kollegen Interviews mit ihren Probanden. Was ist beruflich passiert? Wie gelingt der Übergang in die Rente? Wie steht es um die Gesundheit? Wie gestaltet sich die wirtschaftliche Lage? Dies sind nur einige der Fragen, die die Wissenschaftler stellen, um ein ganzheitliches Bild ihrer Probanden zu erhalten. Wichtig sei ihnen, möglichst objektiv und mit international vergleichbaren Maßstäben zu arbeiten, so Börsch-Supan. Konkret bedeutet das, z.B. Einkommens-, Renten- und Steuerbescheide heranzuziehen, wenn es um die wirtschaftliche Lage geht. Oder Blutwerte zu analysieren, um den gesundheitlichen Zustand zu erkennen. Die Arbeit sei sehr empirisch, statistische und mathematische Methoden spielten eine große Rolle, erzählt Börsch-Supan.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist entscheidend

Diese Methoden spielen in der wissenschaftlichen Arbeit des MPI jedoch nicht die einzige Rolle. Daten alleine reichen den Wissenschaftlern nicht. Vielmehr kommt es ihnen auf ein verzahntes und vernetztes Denken und Forschen an, um zu innovativen wissenschaftlichen Ergebnissen zu kommen und die Vielschichtigkeit komplexer Themen zu greifen. Börsch-Supan erklärt dies am Beispiel des Alterns: Alter umfasse soziale, gesundheitliche und ökonomische Dimensionen. Im Alterungsprozess könnten in allen drei Dimensionen vermehrt Herausforderungen auftreten: Verstärkte gesundheitliche Probleme, geringerer finanzieller Spielraum, mehr Bedarf an Betreuung bei gleichzeitig größerer Gefahr sozialer Isolierung. All dies gelte es zu berücksichtigen, wenn Lösungen für einen fortschrittlichen Umgang mit dem Alter gefunden werden sollen, die den Menschen konkret dienen. Damit dies gelingt, setzt das MPI auf interdisziplinäre und themenübergreifende Zusammenarbeit. Deshalb arbeiten hier unter anderem Psychologen, Mediziner und Ökonomen zusammen.

Dieses interdisziplinäre Arbeiten bringe auch neue Erkenntnisse für die Wissenschaft selber mit sich. Alle Beteiligten müssten sich im Arbeitsprozess auf die Methoden, Denk- und Handelsweisen anderer Disziplinen einlassen. Dabei lerne man viel, bilanziert Börsch-Supan. Er selber sei zum Beispiel Ökonom, beschäftige sich aber viel mit medizinischen Fragen. Oder, wenn es etwa um die Rente geht, mit juristischen Fragen. Zum Beispiel verstehe man die Rentenversicherung nur, wenn man sich mit dem Sozialgesetzbuch auseinandergesetzt habe. Und es ließen sich nur dann ökonomische Schlüsse hinsichtlich der Zukunft der Rente ziehen, wenn man die gesetzliche Struktur durchdrungen habe.

Forschung macht Vorschläge für gesellschaftliche Veränderung

Analyse auf empirischer Basis, verzahnt mit den Fachkompetenzen verschiedener Disziplinen: Das ist ein Erfolgsrezept, um wissenschaftliche Antworten auf politische und ökonomische Fragen zu finden. So bleibt Forschung nicht bei abstraktem Wissen stehen, sondern kann ganz konkrete Vorschläge machen, die gesellschaftliche Veränderung anstoßen. Börsch-Supan sieht darin eine wichtige Aufgabe für sich und seine Kollegen: „Wissenschaft muss konkret werden.“ Wissenschaftler müssten mit ihren Ergebnissen etwas an die Gesellschaft zurückgeben.

Börsch-Supan erkennt in seinen Forschungsfeldern noch viel zukünftigen Handlungsbedarf: Unter anderem beim Thema Rente. Hier ließe sich unter anderem noch viel stärker erforschen, wie man Rente flexibler gestalten kann, wie Menschen reagieren, wenn sie früher oder später in Rente gingen. Seine persönliche Antriebsfeder für seine wissenschaftliche Arbeit ist: „Je länger man dabei ist, desto mehr Spaß macht es.“

Über das Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik

Das Munich Center for the Economics of Aging (MEA) ist die sozialpolitische Abteilung des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik und wird geleitet von Prof. Axel Börsch-Supan, PhD. Forschungsaufgabe des MEA ist es, mithilfe empirischer Modelle mikro- und makroökonomische Aspekte des demografischen Wandels vorauszusehen, zu begleiten und auszuwerten. Zudem ist es dem MEA möglich, politische Maßnahmen im Kontext des demografischen Wandels wissenschaftlich zu analysieren. Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen wie der Wirtschaftswissenschaft, der Mathematik, der Psychologie, den Sozialwissenschaften, der Statistik, der Philosophie und der Biologie erforschen am MEA interdisziplinär die Herausforderungen von alternden Gesellschaften auf der ganzen Welt.