Informationsabend zur Theatertournee „Der erste Mensch“

"Dass in unserem Land so viele Menschen die Schule verlassen, ohne ausreichend Lesen und Schreiben zu können, darf uns nicht gleichgültig lassen", sagt Staatssekretär Christian Luft beim Informationsabend zur Theatertournee „Der erste Mensch“.

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Herr Raiser,

ich begrüße Sie herzlich zum heutigen Informationsabend zur Grundbildung im Rahmen der Theater-Tournee „Der erste Mensch“.

Zwei Dinge liegen mir am Herzen:

1. Thema aus der Tabu-Ecke herauszuholen.

2. Dank an Sie für Ihre Engagement.

An Camus scheiden sich die Geister. Den einen ist er ein skeptischer Existenzialist, der von Zweifel und Hoffnungslosigkeit geprägt war, den anderen ein glühender Humanist und Menschenfreund.  Mit Sicherheit aber ist er bis heute einer der einflussreichsten Literaten weltweit.

Geboren im heutigen Algerien wuchs er in einem Umfeld auf, in dem nur sehr wenige lesen und schreiben konnten. Doch sein Lehrer entdeckte früh das Talent und die Wissbegier des Jungen und förderte ihn über Jahre. Ohne seinen Lehrer wäre aus Camus vermutlich einer der vielen Gelegenheitsarbeiter geworden, wie andere Jungen in seiner Umgebung.

Die Kindheit Camus ist keine exotische Geschichte vergangener Zeiten und ferner Orte – sie ist leider auch heute und hierzulande hochaktuell. Wir wissen: rund 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland sind funktionale Analphabeten, können nicht angemessen lesen und schreiben.

Dass in unserem Land so viele Menschen die Schule verlassen, ohne ausreichend Lesen und Schreiben zu können, darf uns nicht gleichgültig lassen. Aus der Sicht der Bundesregierung ist dies völlig inakzeptabel. Deshalb haben Bund, Länder und viele weitere gesellschaftliche Partner wie z.B. Kirchen, Gewerkschaften, Stiftungen vor zwei Jahren die „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ ins Leben gerufen. Mit der Alpha-Dekade wollen wir gemeinsam dieses wichtige Thema in die Öffentlichkeit bringen und mit einer Vielzahl von bildungspolitischen Maßnahmen den Betroffenen helfen. Denn eine bessere Grundbildung Erwachsener führt nicht nur zu höheren Qualifizierung und mehr Möglichkeiten im Beruf, sie führt gleichzeitig zu einer größeren persönlichen Sicherheit und Zufriedenheit und zu mehr gesellschaftlicher und beruflicher Teilhabe. Die zentrale Herausforderung ist dabei, wie man Erwachsene – häufig Lernungeübte –  mit nur geringen Schriftsprachkompetenzen erreicht und ihnen die passenden Lernangebote macht.

Wie komme ich also am die Menschen heran? Denn leider ist dieses Thema vielfach und mir einem Tabu behaftet. Es braucht also Menschen, denen ich mich anvertrauen kann.

Ganz wesentlich für den Weg in ein Lernangebot ist daher die Unterstützung durch Vertrauenspersonen. Das können Familie, Kollegen, Vorgesetzte oder der Ansprechpartner im Jobcenter sein. Sie können – im privaten wie auch im beruflichen Zusammenhang – wie damals Camus‘ Lehrer, Mutmacher sein, wenn sie erkennen, wer Hilfe braucht.

Vor kurzem habe ich ein Interview der F.A.Z. mit dem renommierten Bildungsforscher Klaus Hurrelmann gelesen. Darin stellte der Wissenschaftler fest, dass Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend das Gefühl hätten, in dieser Gesellschaft nicht mithalten zu können. Wer nicht in der Lage sei, Texte zu verstehen, sei oft abgehängt.

Hier müssen wir gegensteuern. Jede gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Anstrengung lohnt sich, funktionale Analphabetinnen und Analphabeten zum Besuch eines Lese- und Schreibkurs in einer Volkshochschule zu motivieren.

Jede und jeder von uns kann helfen. Ich möchten auch Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, um Ihre Unterstützung bitten.

Die Rahmenbedingungen für unseren bildungspolitischen Auftrag wurden mit der „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ geschaffen. Für die Umsetzung ist es immens wichtig, dass Bund, Länder und gesellschaftliche Kräfte weiter zusammenarbeiten. Herr Raiser wird gleich auf das Engagement des Landes Berlin innerhalb der AlphaDekade eingehen.

Erlauben Sie mir, ein paar Worte über das Engagement des Bundes:

Mit der aktuellen Informationskampagne „Besser lesen und schreiben“ trägt, das Bundesbildungsministerium, dazu bei, das Thema zu enttabuisieren und zum Lesen- und Schreibenlernen zu motivieren.

Das BMBF hat eine Koordinierungsstelle eingerichtet, die als Geschäftsstelle für die AlphaDekade fungiert. Sie betreut die geförderten Projekte und arbeitet mit den Koordinierungsstellen der Länder zusammen. Diese Koordinierungsstelle ist auch mit der Umsetzung des heutigen Abends betraut.

Mit einem Förderschwerpunkt zur lebensweltlich orientierten Alphabetisierung und Grundbildung fördern wir Projekte, die darauf abzielen, Menschen mit Grundbildungsbedarf in ihrer alltäglichen Umgebung zu erreichen. Um niedrigschwellige Angebote in die Breite zu tragen, kooperiert das BMBF darüber hinaus mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und setzt hierbei auf Grundbildungsangebote in Mehrgenerationenhäusern.

Da 60 Prozent der funktionalen Analphabeten in Deutschland erwerbstätig sind, haben wir in den vergangenen Jahren auch Akteurinnen und Akteure der beruflichen Weiterbildung ins Boot geholt. Unter den Berufstätigen in Deutschland kann jeder zehnte nicht richtig lesen und schreiben. Betroffen sind insbesondere die Menschen, die im Betrieb einfachen Hilfstätigkeiten nachgehen, die in der Regel geringe berufliche Aufstiegschancen haben und deren Arbeitsplätze überwiegend als unsicher bezeichnet werden können. Der Anteil funktionaler Analphabet/-innen unter den Hilfskräften liegt im Durchschnitt bei 27 Prozent; in einzelnen Branchen ist die Quote jedoch auch sehr viel höher. 

Die zunehmende Digitalisierung und wachsende Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt stellen Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen im Job vor große Herausforderungen: Tablets mit Arbeitsanweisungen sind auf Baustellen, am Müllwagen und in der Gebäudereinigung nicht mehr wegzudenken. Wer nicht ausreichend lesen und schreiben kann, läuft durch den rasanten Wandel in der Arbeitswelt und der Digitalisierung Gefahr, seinen Job zu verlieren.  Entsprechende Weiterbildungsangebote können dem entgegenwirken. Daher ist es eines der großen Ziele der AlphaDekade, Alphabetisierung und Grundbildung als selbstverständlichen Bestandteil auch in der beruflichen Weiterbildung zu verankern. 

Einige unserer Projektpartner stellen ihre Ansätze in den folgenden Diskussionsrunden vor. Gemeinsam mit Ihnen freue ich mich auf einen erkenntnisreichen Abend und einen bereichernden Austausch.

Und schließlich wünsche uns allen einen unterhaltsamen Theaterabend mit Joachim Król in „Der erste Mensch“.

Vielen Dank!