Initiative reißt Sprachbarrieren beim Arzt ein

In der Corona-Krise haben es Geflüchtete besonders schwer. Sprachbarrieren verhindern eine gute medizinische Betreuung. Eine BMBF-geförderte Initiative ändert das – unter anderem mit speziellen Anamnese-Bögen. Projektkoordinator Tang im Interview.

Die Medizinische Flüchtlingshilfe Düsseldorf hilft Geflüchteten unter anderem beim Arztbesuch.
Die Medizinische Flüchtlingshilfe Düsseldorf hilft Geflüchteten unter anderem beim Arztbesuch. © Medidus

Seit 2016 fördert das BMBF das ehrenamtliche Engagement studentischer Initiativen zur Integration Geflüchteter in Hochschulen und Gesellschaft. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat hierzu das Welcome-Programm ins Leben gerufen. Die Initiative Medizinische Flüchtlingshilfe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (MEDIDUS) wurde 2019 als herausragendes Beispiel mit dem Welcome-Preis des BMBF ausgezeichnet.

Seit neuestem verschafft MEDIDUS Geflüchteten Zugang zu validierten Informationen zum neuartigen Covid-19-Virus in 21 Herkunftssprachen und kann so der Verbreitung von Fehlinformationen oder gar Verschwörungstheorien vorbeugen. Für Covid-19-Verdachtsfälle in Sammelunterkünften haben die Studierenden zweisprachige Anamnesebögen entwickelt, die die Arzt-Patienten-Kommunikation erleichtern. Die Covid-19-Informationen und Anamnesebögen können beispielsweise zum Einsatz in Gesundheitsämtern und Sammelunterkünften kostenlos heruntergeladen werden.

Herr Tang, Sie arbeiten schon lange mit Geflüchteten. Welche speziellen Herausforderungen müssen diese Menschen jetzt in der Corona-Krise meisten?

Tang: Die größte Herausforderung ist die Unwissenheit. Denn trotz aller Bemühungen liegen nicht ausreichend Informationen über das Virus in den verschiedenen Sprachen vor. Wir versuchen daran zu arbeiten, genau das ist ja eines unserer aktuellen Projekte, aber es gibt unter den Geflüchteten trotzdem ein massives Gefühl von Unsicherheit. Gerade in den Unterkünften sind oft Maßnahmen notwendig, die nicht richtig verstanden werden. Oft mangelt es ganz einfach an einer korrekten Übersetzung – oder es gibt erst gar keine.

Medidus Flüchtlingshilfe Arzt
Long Tang ist der Projektkoordinator der Medizinischen Flüchtlingshilfe Düsseldorf. © Medidus

Wie genau helfen Sie den Geflüchteten?

Wir möchten vor allem die ärztliche Versorgung der Geflüchteten verbessern. Eines unserer Konzepte sieht vor, dass Arztbesuche in Begleitung von Sprachmittlern und gleichzeitig von angehenden Ärztinnen und Ärzten wahrgenommen werden. Die Sprachmittler sorgen dafür, dass überhaupt ein Gespräch zwischen Arzt und den Patienten stattfinden kann. Die Medizin-Studenten achten darauf, dass auch in der Sache richtig kommuniziert wird. Sie stellen Nachfragen und denken für den Patienten mit, was die Sprachmittler so natürlich nicht können. Das macht Arztbesuche deutlich effektiver. In einem weiteren Projekt erstellen wir im Rahmen einer Sprechstunde Gesundheitsakten für ausländische Mitbürger. Dort werden ähnlich wie in der Hausarztpraxis wichtige Vorerkrankungen und der aktuelle Medikationsplan dokumentiert.

Das ist natürlich sehr aufwändig. Sie haben deshalb außerdem spezielle Anamnese-Bögen entworfen, die auch Arztbesuche alleine ermöglichen sollen. Wie funktioniert das?

Die Bögen sind zweisprachig. Die Patienten können in ihrer Sprache ihre Beschwerden oder Probleme ankreuzen. Der Arzt oder die Ärztin übernimmt dann die Angabe in die Spalte in deutscher Sprache. So kann er oder sie eine Diagnose stellen, ohne die Sprache der Geflüchteten zu sprechen. Die Bögen sind in mehr als zehn Sprachen online unter www.medidus.de verfügbar und können somit auch schon vor dem Arztbesuch ausgefüllt werden.

Arbeiten Sie mit ausgewählten Ärzten zusammen, oder geht das deutschlandweit?

Ja, wenn die Ärztinnen und Ärzte mitmachen, geht das in ganz Deutschland. Es war uns ganz wichtig, keine Parallelstrukturen aufzubauen. Auch Geflüchtete haben das Recht, zum Arzt ihrer Wahl zu gehen.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie aus der Ärzteschaft?

Das ist natürlich immer sehr individuell. Vor allem, wenn wir mit drei Menschen, also Patient plus Sprachmittler plus Studierende zu einem Termin kommen, ist das schon ungewohnt. Aber während des Gesprächs wird schnell deutlich, dass davon alle Seiten profitieren. Was die Anamnese-Bögen angeht, fehlt uns leider noch ein belastbares Feedback. Die normalen Anamnesebögen und die speziellen Bögen zu Covid-19 wurden jeweils ca. 400-mal heruntergeladen.

Wie hat sich Ihre Arbeit durch die Corona-Krise verändert?

Sehr stark. Wir hatten ja vorher sehr direkten und häufigen Kontakt zu den Geflüchteten, was so für viele Wochen gar nicht mehr ging. Deshalb haben wir das Modell mit den Besuchen zu dritt auf eine telefonische Beratung umgestellt. Unsere Sprechstunde findet seit Kurzem wieder statt mit allen notwendigen Hygieneregeln. Zusätzlich wurden wir kurzfristig von der Stadt Düsseldorf mit der Betreuung von Geflüchteten in unter Quarantäne stehenden Asylunterkünften beauftragt.

Haben Sie für COVID-19 auch einen zweisprachigen Anamnese-Bogen herausgebracht?

Ja. Wir haben als Grundlage genau die Leitfragen genommen, die von der Charité und anderen Instituten herausgegeben wurden. Die Bögen selber funktionieren dann genauso, wie ich es schon beschrieben habe.

Ihr Projekt läuft schon seit einigen Jahren. Können Sie sagen, wie vielen Geflüchteten Sie inzwischen geholfen haben?

Ja, wir haben seit 2015 etwa 600 Begleitungen zu Arztbesuchen organisiert. Das machen übrigens rund 200 Menschen komplett ehrenamtlich. Die Arbeit wird seit 2016 als Studienleistung anerkannt im Rahmen eines Wahlpflichtfachs, das wir initiiert haben und u.a. mit der Unterstützung des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin durchführen.

Medidus Flüchtlingshilfe Arzt
Rund 200 Menschen arbeiten ehrenamtlich für die Initiative. © Medidus

Wie ist die Idee überhaupt entstanden?

Die Geflüchteten kamen damals buchstäblich zu uns. In der Sporthalle auf dem Campus in Düsseldorf wurde eine Notunterkunft eingerichtet. Die Helferinnen und Helfer dort warten völlig überfordert, auch wegen der schwierigen Kommunikation. So kamen alle Geflüchtete mit ihren Beschwerden direkt in die Uniklinik, auch wenn sie nur einen Schnupfen hatten. Wir wollten für Entlastung sorgen und gleichzeitig den Menschen helfen.

Wie organisieren sie die ganzen Termine?

Wir haben inzwischen eine eigene App, die sich sowohl die freiwilligen Helfer als auch die Geflüchteten herunterladen können. Darüber wird dann koordiniert, wer wen zu welchem Termin begleitet. Am Anfang haben wir das alles noch per Hand gemacht.

Menschen, die Geflüchteten helfen, sind leider oft Ziel von Anfeindungen. Haben Sie so etwas schon erlebt?

Wir sind lange verschont geblieben. Wahrscheinlich auch, weil wir uns fast überhaupt nicht politisch äußern. Das änderte sich dann schlagartig mit der Nominierung für den Welcome-Preis, als Filme über alle Initiativen gedreht und veröffentlicht wurden. Da gab es dann schon recht viel Gegenwind. Das war nicht schön, aber wir haben es überstanden – und inzwischen ist wieder Ruhe.

Herr Tang, wir danken Ihnen für das Gespräch.