Innovationen aus der Wissenschaft: Wer macht den ersten Schritt?

„Die Wissenschaft ist aufgefordert, auch Innovationsprozesse voranzutreiben“, appelliert Staatssekretär Christian Luft bei der 8. Transferwerkstatt der außeruniversitären Forschungseinrichtungen an die Forschenden.

Grußwort von Staatssekretär Christian Luft anlässlich der 8. Transferwerkstatt Wissens- und Technologietransfer der außeruniversitären Forschungseinrichtungen „Innovationen aus der Wissenschaft – Wer macht den ersten Schritt?“ am 15. November 2018 im DBB-Forum Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich sehr, Sie heute zur 8. Transferwerkstatt Wissens- und Technologietransfer der außeruniversitären Forschungseinrichtungen begrüßen zu dürfen. Unser diesjähriger Titel lautet: „Innovationen aus der Wissenschaft –Wer macht den ersten Schritt?“.

I. Die AUF sind Werkstätten für Erfindungen

Die Stärkung des Wissens- und Technologietransfers ist ein wesentliches Anliegen der Bundesregierung. Denn dieser Transfer sicher die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Daher hat sich die Bundesregierung in ihrer Koalitionsvereinbarung folgendes Ziel gesetzt: „Den Transfer wollen wir als zentrale Säule unseres Forschungs- und Innovationssystems nachhaltig stärken und substanzielle Steigerungen erreichen.“


Unsere Transferwerkstatt dient dem Austausch über Methoden des Wissens- und Technologietransfers, indem Wirtschaft und Wissenschaft zu den Bedarfen im Transfer diskutieren. Gerade deswegen wurden in diesem Jahr Akteure des WTT aus dem Bereich der Wirtschaft noch stärker eingebunden.

Warum eine Veranstaltung, die sich speziell auf die außeruniversitären Forschungseinrichtungen konzentriert?

Nun, bei aller Unterschiedlichkeit der Einrichtungen, sind die außeruniversitären Forschungseinrichtungen ihren Satzungen gemäß Brutstätten für Anwendungsideen aus der Grundlagenforschung, aber auch Inkubationsstätten für Innovationen aus gemeinsamen Ideen mit der Wirtschaft. Sie sind sogar Entstehungsorte für konkrete Produkte, Dienstleistungen und Verfahren. Sie sind die Werkstätten für Erfindungen, die unseren Wohlstand und unsere Zukunftsfähigkeit sichern helfen.

Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind aber auch Quellen der Interdisziplinarität – und hierbei nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in Innovationen.

Sie alle hier sind Spezialistinnen und Spezialisten des Wissens- und Technologietransfers. Sie wissen, dass die Förderung der Innovationsorientierung der Forschung die methodische Identifizierung und Umsetzung von Verwertungen auch aus den Sozial- und Geisteswissenschaft anspricht. Bereits in den vergangenen Transferwerkstätten haben Sie gemeinsam über solche Ansätze diskutiert.

Ob ich hier nun die Nutzung der Sprachwissenschaften für die Identifizierung von Verwertungspotenzialen anspreche oder auf Ansätze der interdisziplinären Betrachtung von wissenschaftlichen Erkenntnissen hinweise – immer stehen im Ergebnis der Anwendung solcher Methoden eine Vielzahl von Verwertungsideen.

Diese Beispiele beweisen, welche großartige Leistung die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Anwendung der Methoden über ihre eigene wissenschaftliche Arbeit erbringen. Diese Beispiele zeigen, wie sich die außeruniversitären Einrichtungen als Baumeister der Brücke zwischen Wissenschaft und Anwendung einsetzen.

Und wenn ich hier schon von Brücken spreche, so begrüße ich auch alle Vertreter und Vertreterinnen der Wirtschaft, die von Jahr zu Jahr mehr Interesse an der Transferwerkstatt finden und den Dialog befördern.

Die Unternehmen der deutschen Wirtschaft, voran der Mittelstand, sind die Orte der Anwendung neuer Methoden, Verfahren und Technologien.

Der Mittelstand trägt wesentlich zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland und somit zu Wohlstand und Wachstum bei. Und immer häufiger beteiligen sich hieran auch die Klein- und Kleinstunternehmen. Die Wissenschaft – und hier in besonderem Maße die außeruniversitäre Wissenschaft – unterstützt diesen Prozess durch ihren intensiven Austausch und mit neuen Formen der Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung. Nur die Auflösung starrer Grenzen zwischen der Wissensgenerierung und der Wissensanwendung, also das Zusammenführen von Invention und Innovation, begründen eine neue, zukunftsweisende Innovationskultur.

II. Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung stärken

Meine Damen und Herren, unser Ziel ist es, den Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung zu stärken!

Wissenschaft genießt in Deutschland hohe Bedeutung. In Deutschland werden etwa 3% der Gesamtwirtschaftsleistung in Forschung und Entwicklung investiert. Im Innovationsindex 2016 der Europäischen Kommission gehört Deutschland auf Platz fünf zur Spitzengruppe und bezogen auf weltmarktrelevante Patente pro Millionen Einwohner übernimmt Deutschland im internationalen Vergleich einen der vorderen Plätze. Gleiches gilt auch für die Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen pro Million Einwohner. Hier lag Deutschland 2015 mit 1.340 Veröffentlichungen vor den USA und rund 27 % über dem EU-Durchschnitt.

Rund 2/3 der Ausgaben für Forschung und Entwicklung kommen aus der Wirtschaft – was aber auch bedeutet, dass etwa 1/3 der Ausgaben durch die öffentlichen Hand aufgebracht werden. Eine Investition, die vom Investor „Steuerzahler“ finanziert wird. Hieraus ergibt sich eine Erwartung der Bürger und auch des Parlaments, einen Vorteil aus diesen Investitionen zu ziehen. Sicher ist ein solcher Rückfluss nicht wie bei einem wirtschaftlichen Investor in monetären Renditen zu messen.

Aber die Generierung und Dokumentation von Wissen darf nicht der letzte Schritt des wissenschaftlichen Arbeitens sein. Jeder einzelne Forscher und jede einzelne Forscherin hat einen wesentlichen Anteil an dem Erfolg der Nutzung wissenschaftlichen Wissens. Dieses selbstverständlicher in die tägliche wissenschaftliche Arbeit zu integrieren – genau darum geht es! Deshalb richtet die Bundesregierung mit ihrer Hightech-Strategie 2025 ein besonderes Augenmerk auf die Stärkung des Transfers von Ideen, Wissen und Technologie.

Nicht aus jeder Erfindung wird eine Innovation. Wir sollten aber jedes wissenschaftliche Ergebnis einem strukturierten Prozess unterziehen, um zu prüfen, ob die Erfindung zu einer Innovation führen kann. Innovationen aus Erfindungen sollten nicht zufällig sein, sondern angestrebt.

Die 8. Transferwerkstatt steht unter dem Motto „Wer macht den ersten Schritt“. Das ist sicher auch eine bewusste Überspitzung – denn das Motto bringt die Herausforderung auf den Punkt.

Wie sieht ein ideales Zusammenspiel aus Forschung, Entwicklung und Anwendung aus, das kontinuierlich den Transfer organisiert?

Wie ich der Teilnehmerliste entnehmen konnte, sind heute auch viele Vertreter und Vertreterinnen von Hochschulen anwesend. Deshalb ist es auch eine Aufgabe der 8. Transferwerkstatt sich der Frage zuzuwenden, an welcher Stelle Hochschulen in der Zusammenarbeit zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Wirtschaft ihre Rolle wahrnehmen. Wo passen außeruniversitäre Forschung und Hochschulforschung im Innovationsprozess zusammen, wo sind sie vielleicht sogar komplementär notwendig? An welchen Stellen steigt die Wirtschaft in den Prozess ein? Mit wem sind Kooperationen in welcher Form einzugehen? Wie befördert oder hemmt das System der Erfindungsrechte den Transfer? Darf heute der Transfer noch seriell betrachtet werden oder muss der Prozess des Austausches und der Innovationsgestaltung doch eher als dauerhafte Kooperation angelegt sein?

III. WTT als Reputationsgröße und Evaluationskriterium „hoffähig“ machen

Ich will aber gar nicht verschweigen, dass es auch nachvollziehbare Gründe gibt, weshalb sich einzelne Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nicht mit voller Freude dem Wissens- und Technologietransfer zuwenden. Befürchtet wird teilweise, dass die wachsende Bedeutung des Wissens- und Technologietransfers die Gefahr birgt, dass nur noch solche Forschung finanziert wird, die ein frühzeitig erkennbares Anwendungspotenzial hat. Die Kritik, aus den Einrichtungen heraus kämen zu wenig Unternehmensgründungen, schürt vielleicht die Angst, die komplette Wissenschaft werde in eine zu stark anwendungsorientierte Richtung gedrängt.

Meine Antwort darauf lautet:

Wissenschaft ist frei in der Wahl ihrer Themen und sie muss dies auch bleiben. Grundlagenforschung muss Fragen stellen dürfen, ohne eine Garantie auf Antworten zu haben – aber die Wissenschaft muss in der Lage sein, Verwertungspotenziale zu erkennen und diese konsequent voranzutreiben. Deshalb muss der Wissens- und Technologietransfer integraler Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens sein.

Ein Land wie Deutschland, das wenig Rohstoffe hat, das aber den Rohstoff Wissen als Wirtschaftsfaktor hat, muss als Wissenschaftsnation auch bei Innovationen die Nase vorne haben. Verwertung muss in einem Forschungsdesign genauso einen Platz haben wie Wissensgenerierung. Wird dies konsequent mit geeigneten Strukturen innerhalb der Forschungseinrichtungen umgesetzt, entstehen mehr und qualitativ hochwertige Ausgründungen. Es entstehen dann aber auch andere vielfältige Formen des Wissens- und Technologietransfer. Das, meine Damen und Herren, kann unseren Standort und unseren Wohlstand sichern.

Wenn ich gerade Ängste angesprochen habe, so weiß ich, dass diese auch aus den heute noch gängigen Anerkennungskriterien für wissenschaftliche Leistung erwachsen. Wissenschaftliche Reputation ist stark geprägt z. B. von Veröffentlichungen in den TOP Journalen oder von der Beteiligung an internationalen wissenschaftlichen Diskussionen und Tagungen. Das ist auch gut so – aber dies dürfen keine alleinigen Bewertungskriterien bleiben. Wissenschaftliche Leistungen zeigen sich heute auch in den Leistungen, die für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Anwendung erbracht werden.

Was wären wir als Nation,

•          wenn die wissenschaftlichen Leistungen der Bildungsforschung nicht in die Innovation des Bildungssystems geflossen wären,

•          wenn Technologien der lebenswissenschaftlichen Forschung nicht in Therapien und Medikamente umgewandelt worden wären,

•          wenn digitale Technologien nicht in Anwendungen umgesetzt würden?

Aber ich frage auch: wo würden wir heute stehen, wenn bei uns erfundene und entwickelte Technologien auch bei uns in erfolgreiche Produkte umgesetzt worden wären? Marktfähige Produkte, die nicht erst über eine Innovation aus dem Ausland wieder zu uns zurückkehren.

Meine Damen und Herren, ich bin fest davon überzeugt, dass wir gemeinsam den aufgezeigten Weg erfolgreich gehen werden – den Weg, über den Wissens- und Technologietransfer zu einer noch besseren Verwertung unserer Spitzenwissenschaft zu kommen. Und im Rückfluss einen noch größeren Ansporn zu neuen wissenschaftlichen Leistungen zu haben. Unsere Wissenschaft ist sehr leistungsfähig. Unsere Wirtschaft ist das ebenso. Der Link zwischen beiden muss aber noch besser werden

IV. Transfer als wichtige Aufgabe der AUF stärken

Meine Damen und Herren – die Bundesregierung stellt Mittel zur Verfügung, um den Transfer von Wissen in wirtschaftliche und gesellschaftliche Anwendungen zu unterstützen. Die Förderung eines wirkungsvollen und effektiven Wissens- und Technologietransfers ist ein zentrales Element der Forschungs- und Innovationspolitik des BMBF, ein Eckpfeiler der Hightech-Strategie und eine unserer Prioritäten im Koalitionsvertrag. Mit vielen Förderprogrammen wird dieser Prozess unterstützt. Ob mit der Förderung der Innovativen Hochschule – an der auch die Länder beteiligt sind -, ob mit dem Validierungsprogramm VIP+, ob mit der Spitzenclusterförderung oder eben mit dem, dieser Tagung zugrundeliegenden Förderlinie „Innovationsorientierung der Forschung. Die Wissenschaft ist aufgefordert, auch Innovationsprozesse voranzutreiben. Die Wirtschaft muss neues Wissen aufnehmen und in Innovationen umwandeln. Die Kooperationen zwischen KMU und Wissenschaft muss verbessert werden – hierzu ist es erforderlich, dass alle Partner sich bewegen.

Jede öffentlich finanzierte Unterstützung von Innovationsprozessen kann nur eine Anschubunterstützung sein. – Die Umsetzung entwickelter Methoden und Modelle des Transfers müssen Sie übernehmen. Aber auch dabei werden Sie nicht alleine gelassen. Dank der jährlichen Steigerung der institutionellen Förderung der außeruniversitären Forschung durch Bund und Länder im Rahmen des Paktes für Forschung und Innovation ist der Wissens- und kontinuierliche Technologietransfer möglich. So können wir von einer Forschungsstrategie zu einer Innovationsstrategie kommen.

V. Gutes tun und über Gutes reden

Manch einer mag denken: Na, das machen wir doch schon alles. Sie können mir sicherlich zu jedem angesprochenen Bereich einzelne Beispiele nennen. Wir brauchen aber mehr als Einzelbeispiele.

Wenn ich gerade von der Anschubfinanzierung über Fördermittel gesprochen habe, so hoffe ich, dass sowohl Wissenschaft wie auch die Wirtschaft diese Beispiele aktiv aufgreifen, sie als Muster und Modelle weiter entwickeln.

Deshalb fordere ich Sie alle auf:

Tun Sie Gutes und reden Sie darüber.

Machen Sie Wissenschaft für jeden verständlich. Versetzen Sie sich z.B. in die Lage eines nichtwissenschaftlichen Zuhörers und überlegen Sie, wie beispielweise ein Dachdecker von den Erkenntnissen der drahtlosen Bildübertragung profitieren kann – es gibt heute solche Beispiele, wie ein Dachdeckerbetrieb über den Einsatz von Drohnen Planungen und Berechnungen unterstützt und somit nicht nur Effizienzgewinne erzielt, sondern auch die eigenen Mitarbeiten vor gefährlichen Aufgaben schützt.

VI. Breites Transferverständnis erzeugen

Und meine Damen und Herren – bleiben Sie kreativ!

Entwickeln Sie Ideen auch aus Wissenschaftsbereichen, die bisher nicht im Fokus des Wissens- und Technologietransfers standen. Zeigen Sie Wege auf, wie Inventionen in Innovationen münden – denken Sie hierbei nicht nur an Produkte und Verfahren, sondern auch an Systeme, die als Vorstufen von Innovationen gesehen werden können. Denken Sie auch an soziale Innovationen, entwickeln Sie zusammen mit Kritikern neuer Anwendungsideen bessere Anwendungen, die einen höheren Akzeptanzgrad erreichen. Und nehmen Sie mit Ihrem wissenschaftlichen Wissen den Menschen die Angst vor Veränderungen.

Seien und bleiben sie Schrittmacher für Innovationen.

Vielen Dank.