"Integration ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf"

Staatssekretär Michael Meister hat in Berlin die Welcome-Preise 2019 für studentische Leistungen bei der Integration überreicht. „Bildung ist die beste Brücke zur Integration in unsere Gesellschaft“, sagte Meister bei der Feier.

Parlamentarischer Staatssekretär Michael Meister während seines Grußwortes bei der Preisverleihung des Welcome-Preises 2019. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung Dr. Michael Meister (MdB) anlässlich der Verleihung des „Preises des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für herausragende studentische Initiativen im Programm Welcome – Studierende engagieren sich für Flüchtlinge“ am 16. September 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Dr. Rüland,

sehr geehrte Hochschulvertreterinnen und -vertreter,

sehr geehrte Studierende und Koordinatoren der Welcome-Projekte,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

Willkommen zur Verleihung des „Preises des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für herausragende studentische Initiativen im Programm „Welcome – Studierende engagieren sich für Flüchtlinge“! Danke, dass Sie unserer Einladung auch dieses Jahr so zahlreich gefolgt sind.

Integration ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf. Wer schon einmal mitgelaufen ist oder zugeschaut hat, weiß: Die Läuferinnen und Läufer stehen zwar im Zentrum sportlicher Höchstleistungen. Aber ohne den Applaus und die Anfeuerungsrufe der Zuschauerinnen und Zuschauer, ohne gereichte Wasserbecher und Energieriegel, ohne motivierende Aktionen am Straßenrand kämen viele nicht ins Ziel.

Deshalb lenken wir heute zum dritten Mal den Blick auf das Welcome-Programm. In den studienvorbereitenden Deutsch- und Fachkursen des Integra-Programms absolvieren talentierte Flüchtlinge ihren Marathon mit der Zielmarke Studium an einer deutschen Hochschule. Hierbei werden sie seit 2016 von tausenden studentischen Freiwilligen unterstützt.

Fast vier Jahre – auch das ist ein Marathon! Und, was mich immer wieder freut, ehemalige Läuferinnen und Läufer, sprich: Flüchtlinge, die mittlerweile voll ins Studium integriert sind, machen auch mit und helfen als Vorbilder inzwischen selbst anderen Geflüchteten.

Für Ihren Enthusiasmus möchte ich Ihnen allen, auch im Namen von Frau Bundesministerin Karliczek, herzlich danken.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in einer Stunde wissen wir, in welcher Reihenfolge die drei nominierten ehrenamtlichen Welcome-Initiativen des Jahres 2019 die mit 10.000, 5000 und 3000 Euro dotierten Urkunden in den Händen halten werden. Auch im dritten Jahr wurden viele spannende Bewerbungen eingereicht. Danke an die Mitglieder der Jury, von denen heute einige hier sind.

Ich weiß, erneut fiel Ihnen die Auswahl nicht leicht, denn im Grunde genommen ist das freiwillige Engagement aller ehrenamtlichen Initiativen preisverdächtig – und das sind mehr als 400 in ganz Deutschland!

Das möchte ich an dieser Stelle nochmal betonen und das ist, so denke ich, einen Applaus wert!

Aus den 33 Vorschlägen wählte die Jury in alphabetischer Reifenfolge der Hochschulstandorte aus:

  • die Initiative „Medidus – Medizinische Flüchtlingshilfe Düsseldorf“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
  • die Initiative „Bunte Hände“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und
  • die Initiative „Mathematik für Geflüchtete“ an der Universität zu Köln.

Sie stehen exemplarisch für die Vielfalt der Ideen und der sinnvollen, oft studiengangbezogenen Ansätze im Welcome-Programm und sollen zur Nachahmung anregen.

Die Vielfalt der Initiativen ist ein großer Wert an sich. Wenn wir uns allein die bisherigen Preisträger vergegenwärtigen, so sehen wir Initiativen an Exzellenzuniversitäten wie der Humboldt-Universität ebenso wie an der Fachhochschule Hamburg und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, an Volluniversitäten wie der Uni Stuttgart ebenso wie an der kleineren Universität Siegen, an altehrwürdigen Universitätszentren wie der Universität zu Köln ebenso wie an der Neugründung BTU Cottbus-Senftenberg. Letztere wird uns gleich berichten, wie sich die Gewinner-Initiative des vergangenen Jahres weiterentwickelt hat.

Und da in Deutschland gerade mal wieder über Himmelsrichtungen diskutiert wird: Wir haben Initiativen aus Stuttgart im Süden und Hamburg im Norden, von Düsseldorf im Westen bis Cottbus und Dresden im Osten ausgezeichnet.

Das beweist: Engagement, Weltoffenheit und Mitmenschlichkeit sind universell. Schenken wir jenen keinen Glauben, die behaupten, diese oder jene Region sei unabänderlich so oder so. Es liegt an jeder und jedem von uns, sein Umfeld positiv zu verändern.

Sie, die Sie hier alle sitzen, tun dies jeden Tag mit Bravour und langem Atem und darauf können Sie stolz sein. Seien Sie sich dabei unserer Unterstützung sicher!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

und wenn ich gerade von Unterstützung rede: Das Bundeskabinett hat kürzlich beschlossen, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten DAAD-Programme für Flüchtlinge bis Ende 2021 weiter zu finanzieren. Und ich bin zuversichtlich, dass uns das Parlament dabei unterstützen wird.

Warum wollen wir das? Wie gesagt, Integration ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Und der lebt nicht nur davon, dass ein, zwei oder drei Sieger durch das Ziel laufen. Marathonläufe sind echte Massenveranstaltungen des Breitensports mit zehntausenden Läuferinnen und Läufern geworden. Niemand käme auf die Idee, die Ziellinie nach dem dritten Läufer zu schließen.

2015 taxierte der DAAD das Potenzial immatrikulierter Flüchtlinge auf eine Bandbreite von 30.000 bis 50.000, der Stifterverband später auf etwa 40.000 im Jahr 2020. Wenn man sieht, dass weltweit etwa 1 bis 3 Prozent der Flüchtlinge studiert im Vergleich zu 37 Prozent der einheimischen Bevölkerung, sind diese Zielmarken äußerst ambitioniert.

Aber wir können sagen, dass wir seit 2015 viel erreicht haben. Die Hochschulrektorenkonferenz schätzte die Zahl immatrikulierter Flüchtlinge für das Wintersemester 2018/19 auf mindestens 10.000, der Verein „uni-assist“ kürzlich auf rund 13.000.

Legt man hingegen die Hochschulstatistik des Statistischen Bundesamtes zugrunde, die nicht den Fluchtstatus, sondern die Staatsangehörigkeit erfasst, so waren schon im Sommersemester 2018 über 25.000 Studierende aus den acht zugangsstärksten Asylherkunftsländern an deutschen Hochschulen immatrikuliert. Tausende durchlaufen jedes Jahr die Brückenkurse des Integra-Programms. Syrische Studierende stellen inzwischen die sechstgrößte ausländische Herkunftsgruppe an deutschen Hochschulen.

Um beim Bild zu bleiben: Auf der Marathonstrecke haben wir also inzwischen die 21-Kilometer-Marke geknackt. Und im Gegensatz zum echten Marathon laufen wir immer schneller. Denn die Zahl der Neuimmatrikulierungen steigt von Semester zu Semester exponentiell. Wir können also sagen: „Wir haben schon einiges geschafft!“

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, dass die Erfolge der DAAD-Programme für Flüchtlinge auch der Wissenschaft sowie unseren internationalen Partnern nicht verborgen geblieben sind. Denn ich wünsche mir, dass weitere Staaten neben den unbestrittenen Herausforderungen auch die Potenziale erkennen, die eine solidarische Aufnahme von Flüchtlingen birgt. Frankreich hat beispielsweise in diesem Jahr ähnliche Programme für studierwillige Flüchtlinge aufgelegt.

Möglicherweise hat hierbei auch eine vergleichende Studie der Europäischen Kommission zur „Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen in die Hochschulbildung in Europa“ eine Rolle gespielt. Darin werden die DAAD-Programme als einzige Fallstudie hervorgehoben und als Vorbild für ganz Europa gelobt.

Auch Filippo Grandi, der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, zeigte sich bei seinem Besuch in Berlin zum Weltflüchtlingstag beeindruckt von dem, was Deutschland im Inland wie im Ausland für die Integration von Flüchtlingen in die Hochschulen leistet.

Zugleich rief er bei der Konferenz „The Other One Percent“ das Ziel aus, dass statt der bislang 1 Prozent studierender Flüchtlinge weltweit bis 2030 bis zu 15 Prozent Zugang zu tertiärer Bildung haben sollen.

Keine Frage, das ist sehr ehrgeizig, auch für unser Land. Und doch besteht die Chance, auch das zu schaffen, wenn wir nicht nachlassen. Die Mittel, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung bereitstellt, sind gut investiert.

Bildung ist die beste Brücke zur Integration in unsere Gesellschaft. Der Studienwunsch von Geflüchteten richtet sich häufiger als bei deutschen Studierenden auf die MINT-Fächer. Das ist auch eine Chance für unser Land. Mehr denn je sind wir auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Doch auch die Herkunftsländer können profitieren, wenn hochqualifizierte Geflüchtete in ihre Heimat zurückkehren und dort zum Wiederaufbau beitragen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich danke dem DAAD, der mit seiner langjährigen internationalen und interkulturellen Erfahrung das Welcome- und das Integra-Programm mit großem Engagement implementiert und koordiniert.

Stellvertretend an Sie, liebe Frau Dr. Rüland: Herzlichen Dank für die hervorragende Zusammenarbeit und für die wiederum professionelle Vorbereitung dieser Tagung.

Der Preisverleihung schließt sich die diesjährige bundesweite Welcome-Konferenz an. Allen Teilnehmenden wünsche ich einen fruchtbaren Austausch und gute Ergebnisse.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!