Intelligentes System für die Seenotretter

Mit dem ARTUS-System sollen Menschen in Seenot künftig schneller gefunden werden: Das mit künstlicher Intelligenz arbeitende Spracherkennungssystem verschriftlicht Funksprüche automatisch, damit auch bei Motorenlärm keine Information verloren geht.

Seenotretter
Bei der Rettung Schiffbrüchiger auf Nord- und Ostsee muss die Kommunikation funktionieren. © DGzRS

Eine störungsfreie Kommunikation ist im Such- und Rettungsdienst auf Nord- und Ostsee überlebenswichtig - im Einsatz mit Seegang, Motorenlärm und Fahrtwind aber leider oft nicht reibungslos machbar. Mit dem neuen ARTUS-System, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, sollen in Not geratene Menschen zukünftig noch schneller und zuverlässiger gefunden und gerettet werden können.

Der Ultrakurzwellen-Seefunk, oder UKW-Seefunk, ist ein in der internationalen Schifffahrt seit Jahrzehnten etabliertes, robustes und verlässliches Kommunikationssystem. Doch genauso lange, wie der UKW-Seefunk bereits genutzt wird, sind die Nutzer mit den wesentlichen Nachteilen dieser Technik konfrontiert, wie beispielsweise der eingeschränkten akustischen Verständlichkeit der Sprachmeldungen oder inhaltlichen Informationsverlusten.

Die Einschränkungen des UKW-Seefunks werden in bestimmten Arbeitsbereichen und Situationen besonders sichtbar: Um jederzeit auf Notrufe reagieren zu können, hören Funker in Küstenfunkstellen, wie BREMEN RESCUE RADIO der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), die Funksprüche mehrerer Empfänger zeitgleich ab und schreiben das Gehörte parallel mit. Das tägliche Abhören mehrerer Funksprüche zugleich führt jedoch technologiebedingt zu einer hohen Arbeitsbelastung.

Auch an Bord ihrer Seenotrettungsboote und -kreuzer stoßen die Seenotretter in ihren Such- und Rettungseinsätzen regelmäßig an die Grenzen der UKW-Seefunktechnik. Im dynamischen Einsatzgeschehen, beispielsweise bei rauer See mit hohen Wellen, alle wesentlichen Informationen aus dem Funkverkehr akustisch zu verstehen und ununterbrochen zu notieren, ist eine Herausforderung, die bislang technisch nicht gelöst ist. Weiterhin erschweren Motorenlärm, Fahrtwind, Ganzkörpervibrationen durch Seegang sowie das Fehlen geeigneter Schreibflächen an Bord der von Freiwilligen gefahrenen Seenotrettungsboote das Erfassen der laufenden Funkkommunikation.

Die wichtige Arbeit der Seenotretter mit einem innovativen Assistenzsystem zu unterstützen, ist die Motivation des Forschungsvorhabens ARTUS. Ziel des Vorhabens ist es, ein mit künstlicher Intelligenz arbeitendes Spracherkennungssystem auf die geringe Sprachqualität des UKW-Seefunks zu trainieren. Dieses soll künftig alle empfangenen Funksprüche automatisch verschriftlichen. Kombiniert wird dieser „Spracherkenner“ mit einem neuen Funkpeilsystem, das den Standort des Senders einer Meldung möglichst genau bestimmen kann. Das soll den Seenotrettern dabei helfen, die Suche nach in Not befindlichen Menschen zu verkürzen, insbesondere auch dann, wenn der Funkkontakt zu ihnen abreißen sollte.

Das im März 2019 gestartete ARTUS-Projekt wird am Ende seiner dreijährigen Laufzeit zeigen, wie das neue System die Arbeit der Seenotretter in Zukunft erleichtern und weiter verbessern kann. Hierfür wird das Vorhaben im Rahmen der Bekanntmachung „Anwender Innovativ“ des Forschungsprogramms „Forschung für die zivile Sicherheit“ durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Der Forschungsverbund aus  Forschungseinrichtungen und Industrie wird durch die DGzRS als Anwender koordiniert. Die Fraunhofer-Gesellschaft bringt unter anderem ihre Expertise im Bereich der Echtzeit-Spracherkennung in das Projekt ein. Das Unternehmen RHOTHETA Elektronik GmbH aus Murnau – ein führender Hersteller von Funkpeilanlagen – setzt das Gesamtsystem technisch um.

Über die Seenotretter

Die DGzRS ist zuständig für den maritimen Such- und Rettungsdienst in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee. Zur Erfüllung ihrer Aufgaben hält sie rund 60 Seenotrettungskreuzer und -boote auf 55 Stationen zwischen Borkum im Westen und Usedom im Osten einsatzbereit – rund um die Uhr, bei jedem Wetter. Jahr für Jahr fahren die Seenotretter mehr als 2.000 Einsätze, koordiniert von der SEENOTLEITUNG BREMEN der DGzRS (MRCC = Maritime Rescue Co-ordination Centre). Die gesamte unabhängige und eigenverantwortliche Arbeit der Seenotretter wird ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen finanziert, ohne Steuergelder. Seit Gründung der DGzRS 1865 haben ihre Besatzungen mehr als 85.000 Menschen aus Seenot gerettet oder drohenden Gefahren befreit. Schirmherr der Seenotretter ist der Bundespräsident. Mehr dazu: www.seenotretter.de