"Investitionen in KI sind Investitionen in die Zukunft"

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat in Berlin das Wissenschaftsjahr 2019 eröffnet. „Dabei geht es nicht nur um das, was KI ist. Wir wollen auch darüber sprechen, was sie kann. Und was sie soll“, sagte sie.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek eröffnet in Berlin das Wissenschaftsjahr 2019 zur Künstlichen Intelligenz © BMBF / Hans-Joachim Rickel

 Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich
des Auftakt zum Wissenschaftsjahr 2019 – Künstliche Intelligenz am 19. März 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren!

„Heute ca. 15 Minuten später.“ Diese Ansage an Bahnhöfen hört keiner gerne. Verspätung vorprogrammiert, Anschlusszüge nicht mehr sicher – oft ist so eine Ansage folgenschwer.

Dieser Ärger könnte in Zukunft vorbei sein. Ein Tool könnte Abhilfe schaffen. Wissenschaftler des Zuse Instituts Berlin und der Freien Universität Berlin arbeiten gemeinsam mit 15 Industriepartnern daran. Mit Hilfe dieses Tools soll tagesgenau und automatisiert geplant werden, wann und wo welche Züge eingesetzt werden müssen, um den Fahrplan einzuhalten. Feiertage oder Baustellen bringen die Bahn immer wieder vom normalen Fahrplan ab.

Das neue Tool könnte für die Bahn ein Riesenschritt sein. Mehr Pünktlichkeit, mehr Effizienz. Und es kann Bahnfahrern wertvolle Zeit schenken. Wie das funktioniert, das können Sie sich gleich hier im Foyer näher anschauen.

Ein gutes Beispiel für nützliche KI.
Voraussetzung dafür ist, dass wir KI so einsetzen, wie wir es wollen und schätzen: „zum Nutzen der Menschen“. Unsere Richtschnur sind die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens.

Für die richtigen Regeln müssen wir alle einen Beitrag leisten – von der Wissenschaft, über die Politik, die Wirtschaft bis zu jedem Einzelnen. Wichtig ist, dass alle ihre Perspektiven einbringen. Mit Dialog und Diskussion. Das Wissenschaftsjahr bietet Raum für beides.

Mit dem Wissenschaftsjahr zur Künstlichen Intelligenz verfolgen wir drei Ziele:

  1. Jeder soll am Ende des Wissenschaftsjahres wissen, was KI ist und welche Auswirkungen sie auf unser Leben und Arbeiten hat.
  2. Wir wollen das Bewusstsein schärfen bei jedem Einzelnen, dass er/sie den Prozess der Veränderung mitgestalten kann.
  3. Jeder soll Einblicke bekommen, wie Wissenschaft und Forschung KI entwickeln und gestalten.

Künstliche Intelligenz – schon der Begriff fördert bei vielen Menschen Sorgenfalten auf die Stirn. Viele wissen aktuell wenig darüber. Nicht nur in Deutschland. Es ist ein europäisches Phänomen: Laut einer Studie weiß knapp die Hälfte der europäischen Bevölkerung nicht, was ein Algorithmus ist. Viele Europäer haben deshalb gemischte Gefühle, wenn es darum geht, dass Algorithmen Entscheidungen treffen.

Auf der anderen Seite werden schon heute viele Anwendungen mit KI-Algorithmen genutzt. Die Bahn-App oder auch unser Navigationssystem sind nur zwei Beispiele dafür, die die Menschen als echte Vorteile für den Alltag sehr schätzen.

Aber natürlich ist eine wichtige Voraussetzung dafür ein Grundverständnis der neuen Technologien. Stichwort MINT. Wer sich in den MINT-Fächern auskennt, versteht die Zukunftstechnologien leichter und kann sogar beruflich aus vielen Entwicklungen Profit ziehen. Wir werden daher im Wissenschaftsjahr zur KI auch MINT stärker in den Mittelpunkt rücken.

Das Wissenschaftsjahr 2019 ist ein Erklärjahr.
Auf Basis wissenschaftlicher Expertise. Allgemeinverständlich. Dabei geht es nicht nur um das, was KI ist. Wir wollen auch darüber sprechen, was sie kann. Und was sie soll.

Und damit bin ich bei meinem zweiten Punkt: Das Wissenschaftsjahr möchte dazu motivieren, sich aktiv in Debatten einzubringen. Jeder ist angesprochen:

  • Es gibt Schulmaterial für Kinder.
  • Es gibt die MS Wissenschaft mit einem Programm für Bürgerinnen und Bürger.
  • Es gibt an vielen Orten in ganz Deutschland interaktive Formate zum Mitmachen.

Die Gestaltung von KI ist eine Frage der Gestaltung unserer Zukunft. Sich mit KI zu beschäftigen, heißt immer auch, sich mit ethischen Fragen und sozialen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben, wenn KI immer weiter in unseren Alltag eindringt? Zum Beispiel wenn ein Unternehmen neue Mitarbeiter sucht. Wird ein Algorithmus die Passfähigkeit ins Team und die Kompetenz feststellen oder der Personalchef? Oder bei der Krankenversicherung: Schon heute kann eine individuelle Fitnesskontrolle über Beiträge zur Krankenversicherung entscheiden.

Es ist an uns, die Entscheidung darüber zu treffen, was wir wollen und was wir nicht wollen. Jede Technologie hat dem Menschen zu dienen. Auch KI. Menschen bestimmen, wie und wo KI eingesetzt wird. Maschinen funktionieren so, wie Experten sie programmieren. Maschinen finden dort Anwendung, wo Menschen es wollen.
 

Wir entscheiden, mit welchen Algorithmen wir Maschinen ausstatten; wir entscheiden, an welchen Orten sie uns entlasten. Maschinen können nicht entscheiden, was gesellschaftlich gewollt ist. Dazu dient der gesellschaftliche Diskurs. Wir entscheiden über den sozialen und kulturellen Rahmen.

KI fordert uns heraus. Wir müssen wieder stärker über unser Zusammenleben und unsere Wertmaßstäbe reden. Ein Verständigungsprozess, der deshalb wichtig ist, weil er unsere Gesellschaft nicht nur voranbringen sondern auch wieder zusammenführen kann.

Noch ein Punkt, der ganz wesentlich ist:
Die Rolle von Wissenschaft und Forschung für die Zukunft der KI. Wir sind mit unserer Forschung schon lange erfolgreich: Selbstfahrende Autos gehen zum Beispiel auf die Forschung der Bundeswehr-Universität München in den 1980er Jahren zurück. LSTM – ein „Deep Learning“-Verfahren, das die TU München in den 90er Jahren entwickelt hat, betreibt heute die KI auf drei Milliarden Smartphones. Auch die Spracherkennung auf Handys basiert auf LSTM.

Diese Erfolge liegen nicht zuletzt daran, dass wir KI schon seit Jahrzehnten fördern. Lange bevor KI in aller Munde war, haben wir damit angefangen. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) wurde bereits 1988 eröffnet. Das DFKI ist bis heute ein herausragender Nukleus.

Schon im letzten Jahr haben wir aber weitere Kompetenzzentren für Maschinelles Lernen und Big Data auf den Weg gebracht. Wir wollen damit exzellente Bedingungen für weitere Forschung schaffen.

Deutschland soll für internationale Wissenschaftler attraktiv sein. Denn der Wettbewerb, vor dem wir beim Thema KI stehen, ist in erster Linie ein Wettbewerb um Talente. Sichtbare Kompetenzzentren und bis zu 100 neue KI-Professuren bringen uns die Voraussetzungen, die wir brauchen. KI-Spezialisten sollen auch zukünftig in Deutschland zu Hause sein. Sie sind unsere personelle Kompetenz. Die richtigen Strukturen eine weitere Voraussetzung.

Im internationalen Wettbewerb ist auch Geschwindigkeit im Fortschritt gefragt. Deshalb konzentrieren sich die Kompetenzzentren auf bestimmte Anwendungsgebiete wie: Verkehr, Mobilität, Gesundheit, industrielle Produktion und auf eine engere Kooperation mit der Wirtschaft.

Strukturen – Transfer – Talente: Das ist der Dreiklang unserer Strategie für Künstliche Intelligenz. So wollen wir Deutschland zum führenden Standort für Künstliche Intelligenz machen.

Investitionen in KI sind Investitionen in die Zukunft. Klar ist: Das kostet Geld. Investieren statt konsumieren ist das Gebot der Stunde. Gerade in Zeiten knapper Kassen ist es entscheidend in die Zukunft unserer Kinder, unseres Landes und des Standortes zu investieren.

In der KI-Strategie hat die Bundesregierung beschlossen bis 2025 insgesamt 3 Mrd. Euro in die Künstliche Intelligenz zu investieren. Ich gehe davon aus, dass sich auch der Finanzminister an diese Zusage gebunden fühlt. Dann wird die Priorität für Bildung und Forschung wieder sichtbar.

Der internationale Wettbewerb ist intensiv. Die Konkurrenz kommt längst nicht mehr nur aus den USA. Auch China investiert Milliarden.

Deshalb werden wir den Wettbewerb nur im Miteinander bestehen. Europa muss Maßstäbe setzen. Wir wollen unseren eigenen Weg gehen – einen europäischen Weg. Wir lassen uns leiten von unseren europäischen Werten. Menschenwürde, Persönlichkeitsrechte und individuelle Freiheit sind die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Auf diesen Grundlagen gestalten wir eine
„KI made in Europe“.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wissenschaftsjahre sind dazu da, Menschen für Innovation und Fortschritt zu begeistern. Wir lassen die zu Wort kommen, die diese Begeisterung am authentischsten vermitteln können: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wenn sie mit leuchtenden Augen und in verständlichen Worten von ihrer Forschung berichten.

Und auch dieser Aspekt ist uns im Wissenschaftsjahr wichtig:

  • KI-Nachwuchsforschenden in Workshops beizubringen, wie sie kontroverse KI-Themen vermitteln.
  • Oder auch in einem Schreibwettbewerb jungen Menschen zu ermöglichen, sich kreativ und literarisch mit KI zu beschäftigen.

Solche Projekte zeigen ganz praktisch am Beispiel Künstlicher Intelligenz, wie Wissenschaft uns helfen kann, Zukunft zu gestalten.

Ich danke unseren Partnern, die uns im Wissenschaftsjahr unterstützen. Insbesondere der Initiative „Wissenschaft im Dialog“, mit der wir die Wissenschaftsjahre gemeinsam betreiben. Viele Jahre arbeiten wir nun schon erfolgreich zusammen. Das wollen wir so beibehalten.

Ich bin gespannt auf die Diskussionen und Dialoge, die sich im Wissenschaftsjahr ergeben werden mit und über Künstliche Intelligenz.

Herzlich Willkommen im Wissenschaftsjahr.