Ist die Coronakrise gut für die Verkehrswende?

Unser Alltag in der Coronakrise ist ein Experiment, meint Nachhaltigkeitsforscherin Sophia Becker. Jetzt sei die Zeit, ein nachhaltiges Leben zu proben. Ihr Rat: „Wir müssen die goldene Mitte zwischen der Vor-Corona-Zeit und dem Krisenmodus finden.“

Mutter mit Tochter auf Radweg
Durch die Coronakrise ist der Autoverkehr ist in Berlin um circa 25 Prozent zurückgegangen. Viele Menschen "entdecken" jetzt das Fahrrad neu. © Adobe Stock / Kara

Frau Becker, Platzprobleme gibt es seit Beginn der Coronakrise in den Berliner Bussen und Bahnen nicht mehr. Sind alle Menschen im Homeoffice oder nur auf andere Verkehrsmittel umgestiegen?

Ja, viele Menschen arbeiten nun von zu Hause oder sind in Kurzarbeit. Das macht sich am Verkehrsaufkommen bemerkbar. Aber wir sehen in Berlin eine deutliche Verlagerung hin zum Fahrrad. Viele Menschen entdecken das Rad jetzt als gesundheits- und umweltfreundliche Alternative.

…fahren auch wieder mehr Menschen Auto, um den Kontakt zu anderen Menschen in Busse und Bahnen zu vermeiden?

Das sieht zurzeit nicht danach aus. Der Autoverkehr ist in Berlin um circa 25 Prozent zurückgegangen. Auch im eigenen Alltag sieht man, dass die Straßen freier sind. Bei den Radwegen ist das anders – sie sind voller. Das hat die Senatsverwaltung nachgezählt. Einige Bezirke haben daher bereits Pop-up-Radwege eröffnet, damit für alle Radfahrer genug Platz ist.

Dr. Sophia Becker
Sophia Becker ist Leiterin der interdisziplinären Nachwuchsgruppe "Die Verkehrswende als sozial-ökologisches Realexperiment" (EXPERI) am IASS Potsdam. © IASS Potsdam

Was sind Pop-up-Radwege?

Schnelle Notlösungen, um mehr Platz für Radfahrer zu schaffen. Bei mehrspurigen Straßen wurde etwa der rechte Fahrstreifen für Autos gesperrt und kurzerhand zum Radweg erklärt. So lässt sich die Verkehrssicherheit erhöhen – und natürlich auch die Risiken für die Gesundheit reduzieren, da Radfahrer mehr Abstand zueinander halten können.

Das heißt: Die Menschen leben gesünder und die Umwelt wird geschont. Ist die Krise gut für die Verkehrswende und das Klima?

Kurzfristig ja! Die Emissionen sinken weltweit und das Radfahren stärkt das Herz-Kreislauf-System. Langfristig ist das jedoch noch offen. Das wird davon abhängen, welchen Weg Politik und Gesellschaft einschlagen. Wenn wir nach der Krise den Reset-Knopf drücken, ohne etwas umzuprogrammieren, wäre für die Umwelt nichts gewonnen.

Wie meinen Sie das?

Wir haben von heute auf morgen mit radikalen Veränderungen unseres Alltagslebens auf die Coronakrise reagiert. Das ganze Land musste eine Vollbremsung machen. Weniger Konsum, weniger Reisen, weniger Arbeit vor Ort: Das sind extreme Veränderungen, die viel weiter gehen als das, was wir Nachhaltigkeitsforscher bisher empfohlen hatten. Im Moment haben wir sogar zu wenig persönliche Mobilität und nicht zu viel. Wir müssen uns bei allen Veränderungen auch die Frage stellen, wie sozialverträglich sie sind. Klar ist: Die derzeitige Situation ist keine Dauerlösung, wir sollten aber auch nicht einfach weitermachen wie vorher. Wir müssen die „goldene Mitte“ zwischen der Vor-Corona-Zeit und dem Krisenmodus finden.

Im BMBF-geförderten Projekt „EXPERI“ untersuchen Sie die Verkehrswende als sozial-ökologisches Realexperiment. Was trägt ihre Forschung dazu bei, die goldene Mitte zu finden?

Wegen der Coronakrise ist die ganze Gesellschaft in ein großes Experiment gestartet! Wir Wissenschaftler können dieses Experiment begleiten: Wir schlagen Lösungen vor, probieren Neues aus, messen und beraten. Unsere Erkenntnisse geben wir weiter. Über das Forschungsprogramm FONA des BMBF sind wir bereits seit Jahren in engem Kontakt mit der Politik und Partnern im Verkehrssektor. Ich hoffe, dass die Corona-Zeit den Umgang von Politik und Gesellschaft mit der Klimakrise verändern wird.

Was sollten wir aus dieser Zeit beibehalten?

Die Selbstverständlichkeit des Homeoffice! Wir haben gesehen, dass es funktioniert. Wenn jeder Arbeitnehmer einen Tag pro Woche von zu Hause arbeitet, haben wir 20 Prozent weniger Berufsverkehr. Was ich mir noch Wünsche, ist eine intelligente Steuerung der Heimarbeit. Wenn jeder freitags Homeoffice hat, haben wir nichts gewonnen. Hier müssen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber für eine nachhaltige Lösung zusammentun. Gleichzeitig sollte es aber keinen Zwang zum Homeoffice geben, mehr Flexibilität ist das Gebot der Stunde.

…könnte es nicht auch sein, dass nach der Krise keiner mehr Lust auf das „Neue“ hat?

Ja, sicherlich. In der Forschung sprechen wir von Rebound-Effekten. Also: nach der Krise wird sogar noch mehr konsumiert als vorher. Hier müssen wir gegensteuern und die Menschen motivieren, weiterhin nachhaltiger zu leben.

Wie kann das gelingen?

Wir brauchen Anreize für nachhaltige Mobilität und klimaverträgliches Verhalten. Mehr Infrastruktur für den Fahrradverkehr, erhöhte Kapazitäten des ÖPNV, flexible ÖPNV-Tickets für all jene, die das Homeoffice nutzen und nur an bestimmten Tagen ins Büro fahren, Kaufprämien für Fahrräder und Lastenräder – all das wäre hilfreich. Ich wünsche mir, dass wir dabei auch einmal über den Tellerrand hinausschauen und mit neuen Lösungen experimentieren. Ideen für mehr Nachhaltigkeit dürfen nicht an Denkverboten scheitern.

Frau Becker, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Hintergrund

Das Projekt „EXPERI - Die Verkehrswende als sozialökologisches Realexperiment“ ist eine von insgesamt 24 Nachwuchsforschungsgruppen, die das BMBF für eine Laufzeit von fünf Jahren im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung fördert. Ziel des Projekts ist es, zu erforschen, wie eine sozial-ökologische Verkehrswende in Metropolregionen gelingen und durch praktikable Lösungen unterstützt werden kann. Weitere Informationen zur Fördermaßnahme: http://www.fona.de/de/20620