Jahrestagung der Helmholtz-Gemeinschaft

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, in Berlin

Bundesministerin Johanna Wanka spricht auf der Jahrestagung der Helmholtz-Gemeinschaft
Bundesministerin Johanna Wanka spricht auf der Jahrestagung der Helmholtz-Gemeinschaft © Helmholtz/Urban

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herr Wiestler hat gerade noch einmal charakterisiert wie breit aufgestellt die Helmholtz-Gemeinschaft ist. Er hat beeindruckend dargestellt, wovon ich und wir überzeugt sind: Dass bei der Helmholtz-Gesellschaft wirklich innovative Themen angefasst werden, dass es dort eine spannende Forschung gibt, exzellente Forschung.

Bei diesen Jahresveranstaltungen finde ich auch die Gesprächsrunden angenehm, von denen wir immer etwas lernen und in kurzer prägnanter Form einen Eindruck davon bekommen, was bei Helmholtz läuft, was gerade auch Weltspitze ist. Heute haben wir zwei Talkrunden, zum einen zum Thema Meeres- und Polarforschung und zum anderen zur Energieforschung.

Helmholtz ist ein herausragender Partner – was die Vielseitigkeit, die Kompetenz, die Dynamik aber eben auch das Bewusstsein für innovative Themen anbetrifft. Man kann sich darüber freuen, was erreicht wurde. Aber noch interessanter ist: Wie sind wir für die Zukunft aufgestellt? Wie können wir uns im internationalen Wettbewerb behaupten? Was muss eventuell neu gedacht, anders gemacht werden? Wie können wir – und das sollten wir als reiche Industrienation – zur Lösung der großen globalen Fragestellungen beitragen, ob das nun Fragen des Klimawandels sind, zur Ernährungssicherheit, Forschung zu Epidemien und anderes mehr?

Ich möchte daher etwas darüber sagen, wie die deutsche Wissenschaft und Forschung aufgestellt sind; was ich von dem, was Sie, Herr Wiestler, gerade vorgestellt haben, besonders wichtig finde.

Wir haben Freitag vor einer Woche von der UNESCO-Kommission eine neue Information über die Forschungskraft der einzelnen Länder auf der Welt bekommen. In dieser Analyse heißt es: Das meiste Geld für Forschung auf der ganzen Welt geben die USA aus, zweiter Platz China, dritter Platz Japan (hochverschuldet), vierter Platz Deutschland. Das heißt, ein kleineres Land ist das Viertbeste, die absoluten Summen betreffend, die in Forschung und Entwicklung investiert werden. Angesichts der Größe der Volkswirtschaft der USA ist das im Vergleich beträchtlich.

Sie sprachen von drei Milliarden für die Medizin – das ist ganz beträchtlich – aber ich komme gerade aus Wolfsburg und kann sagen, dass bei uns die Autoindustrie 29 Milliarden im Jahr in Forschung steckt. Das ist ein Drittel der gesamten weltweiten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in der Automobilindustrie. Das heißt: Wir machen Punkte, aber es gibt auch Dinge, wo andere besser sind.

Wenn man nicht die absoluten Summen nimmt, sondern sie in Relation zur Volkswirtschaft, zum Bruttoinlandsprodukt setzt, dann schneiden natürlich die Länder schlechter ab, die ein richtig hohes Bruttoinlandsprodukt haben. Trotzdem ist das eine Maßzahl, die etwas aussagt. Da stehen wir nicht auf dem vierten Platz. Aber die USA zum Beispiel stehen hinter uns, auch Großbritannien und viele andere Länder, wie China, stehen da noch weiter hinten.

Deswegen ist die Frage, welcher Anteil des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben wird, sehr wichtig. Wir sind jetzt nahe an den drei Prozent dran. Das ist die Zielmarke, die wir in Europa für 2020 hatten.

Es ist ganz klar: Wir müssen bald über die drei Prozent kommen. Das bedeutet Anstrengungen vonseiten des Bundes und notwendige Anstrengungen vonseiten der Länder. Aber beachten Sie auch: Zwei Drittel der Forschungsausgaben werden privat finanziert, auch dieser Bereich muss mitziehen. Wenn ich jetzt die Bundesseite sehe, dann verzeichnen wir seit 2005 eine kontinuierliche Steigerung der Forschungsausgaben. Wir haben gerade die Haushaltsverhandlungen im Bundestag. Ich bin froh, dass der Etat meines Hauses in dieser Legislaturperiode um 26,8 Prozent gestiegen ist.

Geld und Summen sind das Eine. Es gibt andere Dinge, die genauso wichtig sind: Rahmenbedingungen, insbesondere das Thema Verlässlichkeit. Wenn man nicht weiß – und solche Jahre hatten wir, jedenfalls kenne ich die als Ministerin und auch als Rektorin –, geht es im nächsten Jahr hoch oder runter, kann man schlecht planen. Deswegen ist das Thema Verlässlichkeit ein ganz entscheidendes. Und deswegen ist der Pakt für Forschung und Innovation, den wir für die außeruniversitären Forschungseinrichtungen, aber auch für die DFG und damit mittelbar auch für die Hochschulen an der Stelle haben, ein herausragender Punkt.

Diesen Pakt für Forschung und Innovation hatten wir zehn Jahre lang. Dann kam das klare Signal, dass es so nicht weiter geht, dass es Bundesländer gibt, die – vielleicht auch mit guten Gründen, das ist überhaupt nicht zu bewerten – sagen: Wir können das nicht, wir wollen andere Prioritäten setzen. Ich bin froh, dass es damals gelungen ist, zu entscheiden: Wir setzen diesen Pakt jetzt nicht einfach aus, sondern wir setzen ihn weiter fort und der Bund trägt die Kosten allein. Ich denke, das ist auch etwas, mit dem man vonseiten der Helmholtz-Gemeinschaft, aber auch der anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen sehr gut arbeiten kann.

Was wurde in den zehn Jahren, in denen es den Pakt für Forschung und Innovation gibt, erreicht? Es gibt viele positive Dinge: Zum Beispiel hatten wir 2005 in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen einen Frauenanteil von 4,8 Prozent. Jetzt sind es 13,7 Prozent. Das ist gut. Diese Steigerung ist erheblich. Von Gleichstellung kann man da natürlich noch nicht reden.

Ich kann mich erinnern, dass Sie im letzten Jahr, Herr Wiestler, anlässlich Ihrer Amtsübergabe dieses Thema angesprochen haben und sich für familienfreundliche Rahmenbedingungen für Nachwuchskräfte, vor allen Dingen in der Familiengründungsphase, einsetzen wollten. Ich denke, dass sich dies in dem neuen Konzept zur Weiterentwicklung des Impuls- und Vernetzungsfonds wiederfindet.

Ohne die besten Frauen wird es nichts. Wenn man Spitzenforschung machen will, kann man dieses Potenzial nicht brach liegen lassen. Deswegen ist es gut, wenn wir uns durch die Paktbesprechungen intensiv um diesen Punkt bemühen.

Zu den Rahmenbedingungen für die Wissenschaft: Eine wichtige rechtliche Rahmenbedingung ist die grundgesetzliche Bedingung 91b. Wir haben den Artikel 91b des Grundgesetzes jetzt geöffnet. Das heißt, wir können die Hochschulen nicht nur in Lehre und Forschung, nicht nur temporär, sondern auch institutionell und langfristig fördern. Ich komme noch darauf zurück, will aber an dieser Stelle sagen, dass das Punkte sind, bei denen man auch mit Blick auf die Forschungsorganisationen, und auch mit Blick auf einzelne Institute nachdenken sollte, wie er genutzt werden kann  – das KIT mit seinem Leiter, Herrn Professor Hanselka, wurde genannt. Ich bin mir mit Frau Ministerin Bauer einig, dass wir jetzt mit dieser neuen grundgesetzlichen Rechtslage, mit den großen Etats von Helmholtz und Universität zusammen, wesentlich mehr erreichen können. Dabei geht es nicht nur darum, zwei Große zusammenzuführen, sondern, dass wir dort etwas Neues erreichen wollen – auch bezüglich der Konditionen für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Wenn es um Rahmenbedingungen geht, dann ist die Strahlkraft, die wir als Bundesrepublik Deutschland im internationalen Wissenschaftsbereich haben, entscheidend. Es gelingt uns sehr gut in den letzten Jahren, mit den entsprechenden Professuren hochkarätige Forscher nach Deutschland zu ziehen, auch zum Beispiel mit der Alexander von Humboldt-Stiftung. Wenn wir aber schauen: Was sind die großen Vorteile von Namen wie Harvard? Dann ist es die Strahlkraft, die dafür sorgt, dass junge Spitzenleute, die beispielweise das Gymnasium beendet haben und sich überlegen, an welchem Ort der Welt sie studieren möchten, vorrangig an solche Orte gehen. Und wenn sie einmal da sind, dann machen sie den Master dort oder bleiben sogar ganz. Deswegen ist es wichtig, dass Deutschland Strahlkraft hat, nicht nur für die Erfahreneren oder für die Promotionsphase, sondern für die jungen Leute. Weil die Chance, sie dann hier zu halten und mit ihnen zu arbeiten, besonders groß ist. Für diese Strahlkraft werden wir nie die beispielsweise 35 Milliarden Kapital von Harvard haben, das ist kein Thema. Aber ich denke, dass wir unter anderem mit einer Exzellenzstrategie dagegen halten können. Diese hebt auch auf den Artikel 91b ab und wird demzufolge nicht mehr in Exzellenzinitiative erste Phase, zweite Phase, und so weiter gesplittet, sondern läuft jetzt unbefristet dank einer verlässlichen Bund-Länder-Vereinbarung. Das bedeutet Sicherheit für die Hochschulen und ermöglicht dem Bund dort auch institutionell einzutreten.

Auch das Tenure-Track-Programm ist nicht nur für die Hochschulen wichtig. Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen achten immer darauf, auf Augenhöhe mit den Hochschulen agieren zu können. Das Programm ist wichtig, um Zugriff auf gute Leute zu haben. Es wird die Struktur unseres Hochschulbereichs über Jahre verändern. Nicht von heute auf morgen, aber das Tenure-Track-Programm ist etwas, das lange in die Zukunft weist.

Bei der Gen-Tagung, die gerade stattfand, bei der mehrere von ihnen sicher dabei waren, haben wir – wie immer anlässlich dieser Tagung – Umfragen unter den jungen Menschen aus Deutschland durchgeführt, die im nordamerikanischen Raum arbeiten. Ein Ergebnis: Es waren gerade junge Frauen, die dort eine nicht so gut dotierte Stelle angenommen haben, weil sie die Sicherheit der Nicht-Befristung hatten. Wenn wir jetzt diesen jungen Frauen die Chance bieten, mit 30, 32, unbefristet und mit Rechtssicherheit nach Deutschland zu kommen, dann glaube ich, ist das etwas, das für die Attraktivität unseres Systems sehr wichtig sein wird.

Internationalisierung: Forschung ist per se international, lebt von grenzübergreifender Zusammenarbeit. Wir haben hier in den letzten Jahren in der internationalen Zusammenarbeit, was die Europäische Union anbetrifft, Fortschritte erreicht. Auch der Europäische Forschungsraum ermöglicht eine ertragreiche Zusammenarbeit. Für Oktober haben wir in Berlin eine Konferenz anberaumt, bei der wir mit vielen Experten diskutieren wollen, auch mit dem EU-Kommissar, Herrn Moedas, wie wir diesen europäischen Forschungsraum, die inhaltliche Arbeit, die Organisation und die Verfahren noch ganz anders entwickeln und ausbauen können.

Es geht natürlich nicht nur um Europa, sondern es geht um weltweite Zusammenarbeit.  Damit spreche ich die G7 an. Im letzten Jahr, als die G7-Konferenz in Deutschland war, haben wir eingeführt, dass sich zeitgleich die G7-Wissenschaftsminister treffen. Wir wollen das jetzt jedes Jahr machen. Nächstes Jahr in Italien, dieses Mal in Japan. Wir wollen, dass sich die G7-Wissenschaftsminister jedes Jahr treffen und verständigen. Das sind die reichen Industrienationen. Es ist wichtig, sich zum Beispiel bei der Meeresforschung zu verständigen, dort etwa gemeinsame Messvoraussetzungen zu vereinbaren, um dann wirklich belastbare Angaben zu haben, über Plastikmüll oder anderes. Oder auch, was die Japaner vor allen Dingen wollten, bei Open Access zu überlegen, dies nicht nur in einem Land, sondern im Rahmen der G7 hinzubekommen.

Was mir sehr wichtig war, das ist die Frage: Wie kann man organisieren, dass Großforschungsprojekte, die international getragen werden, funktionieren? Sie sprachen im Zusammenhang mit einem der Helmholtz-Projekte Herrn Staatssekretär Schütte an. Herr Schütte, hat sechs Wochen, glaube ich, nur im Flugzeug verbracht, um in verschiedenste Länder zu reisen, mit denen ein gemeinsames Commitment erreicht werden sollte. Wir können es uns nicht erlauben, dass wir bei diesen großen Forschungsinfrastrukturen immer dann, wenn sich irgendwo die politischen Verhältnisse ändern, plötzlich andere Aussagen haben. Wenn wir zumindest im Rahmen der G7 in der Lage sind, uns auf etwas zu verständigen, was vergleichbar ist mit der Roadmap in Deutschland oder auch mit dem Rahmen des europäischen Bereiches, dann wird es auch einfacher sein, große Strukturen aufzubauen und im Interesse aller zu nutzen.

Internationalität: Wir machen jedes Jahr eine Auswertung, eine Untersuchung wie es sich mit der Internationalität verhält, wie viele Studierende zu uns kommen. Wie gesagt, wir haben dort so hohe Zahlen wie noch nie in Deutschland, wollen aber vor allen Dingen die Spitzenstudenten gerne zu uns holen. Wir haben dies in diesem Jahr unter dem Titel „Deutschland – Wissenschaft – weltoffen“ besonders untersuchen lassen. Wie steht es mit  den ausländischen Wissenschaftlern? 85.000 arbeiten in Deutschland, 43.000 Deutsche im Ausland. Man kann sagen, dass 20 Prozent des wissenschaftlichen Personals aus dem Ausland zu uns gekommen sind. Im Vergleich: In Japan, ein Land das auch ganz oben steht bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung, sind es 4 Prozent. Die haben sich vorgenommen, in fernerer Zukunft auf 20 Prozent zu kommen. Das heißt: Wir sind in den letzten Jahren wesentliche Schritte vorangekommen.

Noch etwas zum Thema Internationalisierung: Bei uns im Hightech-Forum, dem Diskussionsgremium im Rahmen der Hightech-Strategie, ist für das Thema Internationalisierung eine Arbeitsgruppe zuständig, unter der Leitung von Herrn Mlynek. Von dieser Arbeitsgruppe sind interessante Vorschläge gekommen, die wir noch weiter diskutieren wollen. Das ist vielleicht etwas, was man sich auch gerade in einer so großen Institution wie Helmholtz anschaut und unter Umständen dort auch Anregungen entnimmt und Konsequenzen zieht.

Lieber Herr Wiestler, ich glaube, dass Ihnen der Perspektivwechsel vom Zentrumschef zum Chef der HGF gut gelungen ist. Das ist nicht ganz trivial, wobei ich sagen würde: Das erste Jahr ist noch einfach. Man guckt sich alles an, diskutiert und nimmt das Positive mit. Aber Sie haben darüber hinaus schon einen intensiven Strategiedialog angestoßen, bei dem es um eine Neuausrichtung der Forschungsprogramme für die nächste Förderperiode geht. Parallel hat der Wissenschaftsrat seine Empfehlung gegeben. Dort sind Ideen dabei, die man diskutieren sollte, und die in die Zukunft weisen. Ich finde einige der Anregungen wirklich sehr gelungen.

Ich glaube, dass man neben dem, was man schon alles hat an Begutachtungen und ähnlichen Prozessen, noch etwas mehr Expertise von außen in den Prozess einbeziehen muss – gerade bei den Programmausschreibungen. Das ist etwas, was nützen kann. Und ich finde es sehr gut, wie sich innerhalb der HGF alle auf die im nächsten Jahr stattfindende wissenschaftliche Begutachtung vorbereiten. Diese Begutachtung wird für zukünftige Forschungsprogramme wichtige Anregungen geben.

Sie haben die Gemeinsamkeit betont, Gemeinsamkeit von unterschiedlichen Helmholtz-Zentren oder von gewissen Themenbereichen. Der Wissenschaftsrat hat das Weiterentwicklung der Helmholtz-Gemeinschaft im Sinne von „mehr Gemeinschaft und mehr Profilbildung wagen“ genannt. Ich kann das nur unterstützen. Sie haben eben aufgeführt, welche Möglichkeiten es gibt, was schon läuft, was schon funktioniert, dass man bei neuen Themen wie Big Data gerade überlegt, wie man das als Querschnitt in der Helmholtz-Gemeinschaft wirklich zum Tragen bringen kann. Sie sind unter diesem Aspekt zum Beispiel bei Umweltfragen, Kernphysik, Gesundheit oder auch Raumfahrt gut aufgestellt.

Aber die Bündelung in einer neuen Stufe, auch über Zentren hinweg, bietet Potenziale. Ihre Überlegung zum Forschungsbereich Erde und Umwelt – „Virtuelles Zentrum“, hatten Sie es im Moment genannt –  kann sehr gut funktionieren. Die Erfahrungen aus den Gesundheitszentren werden jetzt evaluiert. Das wollen wir weiterentwickeln, auch bei anderen Themenbereichen, die zwar andere Umstände, andere Strukturen haben, die aber auch Ähnlichkeiten aufweisen. Daher bin ich der Meinung, dass auch bei den Kopernikus-Projekten, die langfristig angelegt sind, bei denen viele Partner, auch aus der Wirtschaft einsteigen können, interessante Ansätze zu finden sind. Ich bin dankbar, wenn für unterschiedlichste Bereiche nach Formen gesucht wird, wie man noch schlagkräftiger werden kann. Da ist natürlich Big Data ein sehr wichtiges Thema.

Wenn man über Prioritäten spricht und sich konzentriert, kann man sagen: Aus dem Pakt für Forschung und Innovation und aus anderen Geldquellen schaffen wir neue Institute, setzen neue Schwerpunkte. Aber man kommt nicht umhin, egal wie viel Geld dazu kommt, auch über Posterioritäten nachzudenken. Wenn man wirklich Schlagkraft haben will, dann geht es nicht nur darum, mit einem Mehr an Geld etwas Neues zu machen, sondern dann muss man gleichzeitig anderes kritisch hinterfragen. Sie hatten einige Beispiele genannt. Das muss natürlich immer wissenschaftsgeleitet sein, das darf nicht in Schnellschüssen passieren, aber es ist unverzichtbar. Das ist sicherlich der nicht so charmante Teil der strategischen Entwicklung und Überlegungen.

Was ich mir wünsche, sind zwei Sachen.

Das erste: Helmholtz ist von der Größe, von der Schlagkraft, von den Potenzialen sehr gut aufgestellt. Wenn man das noch bündelt oder Manches zusammenfasst, dann bringt das wirklich Effekte. Ich würde aber auch gerne sehen, wenn wir im deutschen Wissenschaftssystem – das ja breit gefächert ist, durch die verschiedenen außeruniversitären Organisationen, durch die Arten der Hochschulen, bei Kooperationen, bei neuen Strukturen –  trotz aller Abgrenzungen, auch mal schauen würden, was wir bei Themen wie Big Data oder Cybersicherheit zusammenbringen können, bei Fraunhofer oder Max-Planck. Ich will nichts auflösen oder Grenzen verwischen, aber ich glaube, dass es weitere Chancen in der Kooperation gibt. Die werden aber  natürlich nicht nur aus dem Sinne Ihrer Gemeinschaft, sondern auch aus Sicht der anderen immer ein Stück behütet für die eigene Institution. Da verschenken wir noch Möglichkeiten. Denn wenn ich so addiere, was zum Beispiel bei Big Data bei den unterschiedlichsten Institutionen an Kapazitäten besteht, dann wäre es sehr gut, wenn man bei der Bündelung auch über die Grenze der eigenen Institution hinaus denkt.

Der zweite Wunsch bezieht sich auf Ihr Thema „Unentdeckte Welten erforschen“. Das ist ursächlich die Aufgabe der Wissenschaft. Das ist auch das, was Spaß macht, das, was intrinsische Motivation für viele Forscher ist. Was wir wirklich bewahren müssen, worum wir uns immer kümmern müssen, das ist die Freiheit der Forschung hochzuhalten. Das ist ein Punkt, bei dem wir in Deutschland schon Dinge verschenkt haben – wenn ich zum Beispiel an die CO²-Abscheidung im Kraftwerksbereich und Einlagerung denke. Helmholtz hat 18 EU-Staaten koordiniert, bei den Versuchen der Einspeisung. Da gab es überhaupt kein Problem in den entsprechenden Landkreisen. Wir haben in der EU Millionen geholt für die erste große Anlage. Das hat sich jetzt alles erledigt. Das machen andere Länder, die diesen Rohstoff nutzen. Das ist für Deutschland passé.

Bei der Fusionsforschung machen wir Forschung auf weltweit höchstem Niveau. Aber, wenn wir den Finanzdeckel, der jetzt aus ideologischen Gründen darauf gesetzt wurde, über einen längeren Zeitraum erhalten, dann verspielen wir diese Möglichkeiten. Oder wenn ich an das Thema „Gen-Schere“ denke – populär gesagt –, dann ist das etwas, was die Welt revolutioniert und wo wir die große Befürchtung haben, dass wir aus unterschiedlichsten Gründen diese Chancen vergeben.

Natürlich ist es so, dass bei solchen schwierigen Forschungsthemen ethische Fragen auftauchen. Das gilt auch für Themen wie autonomes Fahren oder andere, die wir vorher gar nicht hatten. Dafür gibt es keine Regeln. Sie müssen erst erarbeitet werden. Wir haben mit der Ethikkommission eine gute Struktur, um komplexe Dinge gerade im Bereich der Lebenswissenschaften zu diskutieren und zu untersuchen. Aber eine restriktive Sicht hilft nicht weiter.

Und, wenn es um neue unentdeckte Welten geht, dann müssen die Wissenschaften und die Politik offen und mutig sein – und nicht von vornherein die Schere im Kopf sehen und sich selbst beschränken, weil es vielleicht ein Thema ist, was nicht en vogue ist. In der Politik sind es zum Teil ideologische Diskussionen, einer sagte mal faktenbefreite Diskussionen. Das ist nicht immer so, aber das gibt es.

Wichtig ist die Stimme der Wissenschaft. Nicht nur die des einzelnen Wissenschaftlers, sondern dass Sie auch gemeinsam dafür kämpfen, dass die Freiheit der Forschung realisiert wird in Deutschland. Die wesentlichen Entscheidungen müssen wissenschaftsgeleitet bleiben.

Wenn es uns gelingt, in den Punkten, in denen wir sehr gut sind, das Niveau zu halten oder sogar die Chance haben, Vorreiter zu sein, dann ist mir um die Wissenschaftslandschaft nicht bange. Ich denke, wir sind von den Rahmenbedingungen her gut aufgestellt. Vor allen Dingen haben wir gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die kreativ bei der Helmholtz-Gemeinschaft arbeiten.

Ich freue mich auf den Abend und wünsche Ihnen alles Gute!