Jahrestagung des Deutschen Ethikrates

Keynote des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, in Berlin

Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, mit den Mitgliedern des Deutschen Ethikrates © Deutscher Ethikrat/Zensen

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Der Fortschritt geschieht heute so schnell, dass, während jemand eine Sache für gänzlich undurchführbar erklärt, er von einem anderen unterbrochen wird, der sie schon realisiert hat.“

Dieses Zitat wird Albert EINSTEIN zugeschrieben. Und bereits damals war klar: Der wissenschaftliche Fortschritt vollzieht sich mit einer ganz eigenen Dynamik. Er ist zuweilen sogar schneller als unsere Bereitschaft, die daraus entstehenden Veränderungen anzunehmen.

Aber wir dürfen nicht vergessen: Wissenschaftliche Erfolge erfordern immer auch mutige Schritte in das Unbekannte. Viele Innovationen in der Medizin und in den Lebenswissenschaften, die für uns selbstverständlich sind, beruhen auf der Bereitschaft, Neuland zu betreten, unbekannte Risiken einzugehen und Grenzüberschreitungen zu wagen.

Die Medizingeschichte hält hierfür zahllose Beispiele bereit. Um nur eines zu erwähnen: Denken sie an Louise BROWN, die vor 40 Jahren als erstes Retortenbaby auf die Welt kam. Heute werden pro Jahr über 20.000 Kinder in Deutschland geboren, die in vitro gezeugt wurden. Dies sind mehr als drei Prozent aller Geburten. Dies zeigt beispielhaft, dass sich die Bewertung von Chancen und Risiken mit der Zeit ändern kann.

Den Fortschritt können und wollen wir nicht aufhalten. Im Gegenteil. Die Innovationskraft der deutschen Forschung ist ein bedeutender Wohlstandsfaktor für unser Land. Ihre Förderung ist deshalb eine wesentliche Aufgabe meines Ministeriums. Aber gerade als aufgeklärte Gesellschaft stehen wir zu unseren Grundwerten. Wir treten daher für einen verantwortlichen wissenschaftlichen Fortschritt und die mit ihm verbundenen Chancen ein. Wir reflektieren die Auswirkungen neuer Entwicklungen auf den Menschen, auf die Gesellschaft und im Hinblick auf unser Werteverständnis. Dies nicht zuletzt auch im Rahmen unserer Förderung zu den ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten in den Lebenswissenschaften.

Zur Tätigkeit des Deutschen Ethikrats

In diesem Zusammenhang ist auch der Deutsche Ethikrat ein zentrales Forum, um diese gesellschaftlich bedeutsame Arbeit zu leisten und ihr ein verlässliches Format zu verleihen. Seine interdisziplinäre Zusammensetzung ist dabei seine besondere Stärke.

Mit Ihren Veranstaltungen – wie z.B. dieser Jahrestagung – informieren Sie die Gesellschaft und fördern die öffentliche Diskussion. Auch über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Die Stellungnahmen und Empfehlungen des Ethikrats sind Referenz und Denkanstoß zugleich.

Darüber hinaus haben Stellungnahmen des Deutschen Ethikrates Gesetzgebungsverfahren angestoßen bzw. maßgeblich beeinflusst. Lassen Sie mich eines der Beispiele herausgreifen:

2010 entschied der Bundesgerichtshof über die Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik. Im Anschluss war der Gesetzgeber aufgerufen, rechtliche Standards für dieses Verfahren im Embryonenschutzgesetz zu etablieren. Durch die 2011 erfolgte Aufnahme der Präimplantationsdiagnostik in das Embryonenschutzgesetz konnte die Rechtslage verbindlich klargestellt werden. Ihre Stellungnahme vom März 2011 war hierbei eine maßgebliche Leitlinie für die Abgeordneten des Deutschen Bundestages.

Mit der Einrichtung des Ethikrates vor 10 Jahren hat der Gesetzgeber große Erwartungen verbunden. Die kurz angesprochenen Beispiele können daher nur Schlaglichter auf die wichtigen und vielfältigen Impulse sein, die der Ethikrat in dieser Zeit gegeben hat. Man kann also mit Fug und Recht feststellen, dass Sie Ihren Aufgaben, liebe ehemaligen und aktuellen Mitglieder, in exzellenter Weise und mit großem Engagement nachgekommen sind. Hierfür gebührt Ihnen der ausdrückliche Dank der Bundesregierung. Diesen Dank möchte ich Ihnen heute Abend auch im Namen von Frau Ministerin Karliczek übermitteln.

Aber wie es Albert Einstein bereits ausdrückte:

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“

Zukunftsthemen

Ich möchte daher nun kurz die Zukunftsthemen aufgreifen, die Sie auch auf Ihrer Jahrestagung ansprechen. Welche Herausforderungen stellen sich durch Eingriffe in das Erbgut, Eingriffe in das Gehirn und Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz:

Die Entdeckung moderner molekularbiologischer Techniken, wie CRISPR/Cas, verspricht enorme Fortschritte in der Biotechnologie, der Pflanzenzüchtung und insbesondere der Medizin. Die Anwendungsmöglichkeiten werden international debattiert. Zahlreiche Stellungnahmen zur Genom Editierung sind herausgegeben worden. Eine Kernfrage ist hierbei, wie wir als Menschheit mit gentechnischen Eingriffsmöglichkeiten umgehen, die wir an unsere Nachkommen weitergeben.

Die Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften lassen uns mehr und mehr verstehen, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Das heißt gleichzeitig auch, dass wir verstehen, an welchen Stellen wir in neuronale Prozesse eingreifen können. Dies ist zukunftsweisend, denn wir können damit Behandlungsoptionen für Menschen entwickeln, die an neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen leiden. Es ist gleichzeitig eine ethische Herausforderung, die unser Verständnis von der menschlichen Autonomie und Selbstbestimmung in Frage stellt.

Diese neurowissenschaftlichen Erkenntnisse nutzen wir auch, um die Funktionsweise unseres Gehirns in künstlichen Systemen nachzubilden. Es stellt sich die Frage, wie mit diesen Systemen verantwortlich umgegangen werden kann. In Deutschland haben Sie diese Diskussion auf Ihrer Jahrestagung vor einem Jahr wesentlich mit angestoßen und werden sie morgen fortsetzen. Künstliche Intelligenz und selbstlernende Systeme sind ein Thema, das in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Ich bin sicher, die Auseinandersetzung mit diesen drei Themen ist ein wichtiger Beitrag für die sachliche und fundierte Diskussion zum verantwortungsvollen Umgang mit diesen neuen technologischen Möglichkeiten.

Wenn wir die in der Gesellschaft geführten Diskussionen verfolgen, können wir beobachten, dass über die neuen Verfahren und Methoden teilweise auf der Grundlage lediglich vager Kenntnisse oder auf der Basis eines unreflektierten Grundgefühls diskutiert wird. Gerade bei intensiv diskutierten neuen Technologien stehen sich dann oftmals Technikbegeisterung und grundsätzliche Ablehnung neuer Technologien diametral gegenüber. Entscheidungen, wie wir mit neuen Verfahren und Methoden verantwortungsvoll umgehen, sollten demgegenüber auf Fakten und wissenschaftlicher Erkenntnis beruhen sowie in einem rational geführten Diskurs erarbeitet werden.

Bioethische Fragen stärker in die Gesellschaft bringen

Frau Ministerin KARLICZEK ist es daher ein großes Anliegen, dass Wissenschaft und Gesellschaft stärker auf einander zu gehen. Denn mit der Freiheit der Wissenschaft ist zugleich eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung verknüpft. Wissenschaftlicher und medizinischer Fortschritt müssen für die Bürgerinnen und Bürger nachvollziehbar werden. Die Betroffenen wollen dabei nicht bloß passive „Passagiere“ im großen Zug der Wissenschaft sein – sondern sich aktiv einbringen. Gerade bei grundsätzlichen Fragen ist es wichtig, ein „Ohr“ in der Gesellschaft zu haben. Dies bedeutet, dass die ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen der modernen Lebenswissenschaften stärker mit der Gesellschaft diskutiert werden müssen. Das ist nicht immer einfach und wir brauchen dafür die richtigen Konzepte und Formate. Dies ist ein ständiges Erproben und Verbessern.

Internationalen Austausch stärken

Aber unser Blick geht nicht nur nach innen: Der wissenschaftliche Erkenntnisprozess kennt glücklicherweise keine geographischen und politischen Grenzen. Mein Ministerium setzt sich in vielfältiger Weise für nachhaltige Kooperationsstrukturen und eine intensive Vernetzung der lebenswissenschaftlichen Forschung auf internationaler Ebene ein. Dabei ist unser gemeinsames Verständnis, dass wissenschaftliche Zusammenarbeit nicht nur gemeinsame technische und wissenschaftliche Standards, sondern auch verlässliche und klare Rahmenbedingungen braucht. Dies kann natürlich kein Wettbewerb um die niedrigsten ethischen Standards sein.

Ich denke, es geht zunächst darum, dass wir verstehen, wie andere Gesellschaften mit den großen Herausforderungen unserer Zeit umgehen. Dabei ist es auch wichtig zu verstehen, wie dort gesellschaftliche Aushandlungsprozesse organisiert und welche Verfahren und regulativen Standards entwickelt werden. Ein Verständnis für die kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen Hintergründe und Unterschiede hilft dabei, uns selbst immer wieder kritisch zu hinterfragen, unseren Horizont zu erweitern und unsere eigenen Prozesse einzuordnen.

International akzeptierte Standards werden sich letztlich nur über ein gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Grundhaltungen und Umgangsformen mit neuen Technologien erreichen lassen. Dem Ethikrat kommt eine wichtige Schlüsselfunktion in der kulturübergreifenden Verständnisbildung zu. Er vereint ethische mit wissenschaftlicher Kompetenz. Er kann als unabhängiges Beratungsgremium frei agieren. Er kann - in Anbetracht der Vielzahl an Themen und gegensätzlicher Grundpositionen - Maßstäbe für eine ethische Bewertung entwickeln und in die internationale Diskussion einbringen. Er kann dies auf Basis einer „wissenschaftsethischen Infrastruktur“ tun, mit der wir, wie es der ehemalige Bundespräsident Joachim GAUCK vor diesem Gremium formulierte, über ein „wichtiges Navigationssystem“ verfügen. Ich empfinde dieses Bild als sehr passend.

In diesem Sinne hat der Deutsche Ethikrat mit seiner Arbeit die richtigen Pfade eingeschlagen. Ich ermuntere Sie, diese weiter und mutig zu beschreiten. Und ein solches Abendessen ist eine hervorragende Gelegenheit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Daher wünsche ich Ihnen nun einen weiteren schönen Abend und einen fruchtbaren Austausch.