Jahresveranstaltung Deutschlandstipendium

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, in Berlin

Jahresveranstaltung Deutschlandstipendium
Jahresveranstaltung Deutschlandstipendium © Thomas Koehler/photothek.net

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Leistung und Engagement anzuerkennen ist eine zentrale Frage von Gerechtigkeit. Ein Gemeinwesen, das vom Engagement und der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme seiner Bürger lebt, sollte sich trauen, auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens Vorbilder zu haben und sie zu stärken. Wer etwas zu leisten bereit ist, dem sollten Staat und Gesellschaft zeigen, dass das gesehen und gewürdigt wird. Genau das tun wir seit 2011 mit dem Deutschlandstipendium.

In den USA werden knapp zwei Drittel der Ausgaben für Hochschulen von Alumni, Unternehmen und anderen privaten Stiftern finanziert. Wir müssen und wollen die USA nicht kopieren. Aber der Anteil in Deutschland liegt mit 15 Prozent noch unter dem OECD-Durchschnitt von rund 31 Prozent. Das zeigt, dass es offensichtlich Potenziale gibt, die wir noch nicht heben.

Kooperationen sind aber nicht nur in Forschung und Entwicklung, sondern auch im Bildungsbereich wichtig. Deswegen hat die Bundesregierung mit dem Deutschlandstipendium einen Anreiz für Kooperationen von Bürgergesellschaft, Wirtschaft und Hochschulen in der Studienförderung geschaffen.

Vier Jahre nachdem die ersten Studierenden ein Deutschlandstipendium erhalten haben, werden die Erfolge immer deutlicher. Schon 2013 wurden 6.000 Förderer gewonnen. Für 2014 rechnen wir mit mehr als 22.000 Stipendiaten. Damit reicht das Deutschlandstipendium an die etablierten Begabtenförderungswerke heran.

Die Begabtenförderwerke erreichten im Jahr 2013 in Deutschland rund 26.000 Studierende, das ist eine beachtliche Zahl. Dass wir nach kurzer Zeit mit dem Deutschlandstipendium an diese Zahl fast heranreichen, war so nicht zu erwarten. Angesichts dieser Zahlen können wir mit Stolz auf die vergangenen vier Jahre zurückblicken. Da wurde eine echte Erfolgsgeschichte geschrieben. Und wir können mit Zuversicht in die Zukunft blicken.

Die ersten Zahlen der statischen Landesämter zur Vergabe des Deutschlandstipendiums 2014 zeigen eine erfreuliche Tendenz: In Hessen wurden 2014 insgesamt 22 Prozent mehr Deutschlandstipendien als im Vorjahr vergeben, in Nordrhein-Westfalen waren es 21 Prozent.

Seit 2005 hat die Bundesregierung die Förderinstrumente zur Unterstützung begabter und leistungsstarker Studierender ganz gezielt massiv ausgebaut. Die Zahl der aus Bundesmitteln vergebenen Stipendien für Studierende hat sich in den letzten zehn Jahren auf rund 50.000 mehr als verdreifacht.

Was aber jetzt viel wichtiger für mich als die reinen Vergleiche ist: Wir haben eine Veränderung in der Stipendienkultur. Wir haben, und das werden viele Rektoren und Präsidenten wissen, immer dafür geworben. Und wir hatten immer Aussagen aus der Wirtschaft, dass sie sich, wenn wir unser System verändern – 2005 Grundgesetzänderung – stärker engagieren wollen. Das ist aber eigentlich nie so richtig eingetreten. Mit dem Deutschlandstipendium haben wir ein Stück Kulturwandel und das, finde ich, ist sehr wichtig. Das Deutschlandstipendium hat etwas in Bewegung gesetzt. Das wurde uns vor kurzem auch vom Bundesverband Deutscher Stiftungen bestätigt.

Über die Förderung der Studierenden hinaus ist ein weiterer Erfolg des Deutschlandstipendiums, dass es sich zu einem Kristallisationspunkt für Kooperationen von Hochschulen, Unternehmen und Gesellschaft entwickelt hat. Die Hochschulen vernetzen sich mit Hilfe des Stipendienprogramms mit ihrem regionalen Umfeld, schärfen ihre Profile und erhalten strategische Anreize, um ihre Fundraising-, Förderer- und Alumniprogramme auszubauen.

Immer häufiger setzt sich auch die Erkenntnis an den Hochschulen durch, dass das Werben um Stipendien für die eigenen Studierenden Chefsache ist. Ich danke allen Verantwortlichen in den Hochschulen, dass Sie diesen Weg mit uns gehen und das Deutschlandstipendium zum Erfolg führen. Der Bund kann nur ein Angebot machen. Wenn aber alle an einem Strang ziehen, dann wird daraus ein Erfolg.

Die Erfolgsquote der Hochschule ist unterschiedlich. Wir sehen aber, dass sowohl kleine als auch große Hochschulen in allen Regionen vom Deutschlandstipendium profitieren – und es sind keineswegs nur die technischen Hochschulen in wirtschaftsstarken Regionen. Gerade viele Musik- und Kunsthochschulen sind bei der Einwerbung von Stipendienmitteln sehr erfolgreich. Und auch in strukturschwachen Gebieten gibt es Erfolgsgeschichten. So konnten zum Beispiel die Hochschulen in Eberswalde und die Hochschule Neubrandenburg überproportional viele Stipendien vergeben. Diese Beispiele zeigen, was sich machen lässt, wenn man will.

Die Dynamik des Stipendienprogramms ist beeindruckend. Schon jetzt sind 90 Prozent aller Studierenden an einer Hochschule eingeschrieben, an der sie sich für ein Deutschlandstipendium bewerben können. Am schönsten wäre es natürlich, wenn das keine Frage mehr wäre, und sich alle Hochschulen daran beteiligen würden.

Ich freue mich, dass auch in diesem Jahr noch weitere Hochschulen in das Deutschlandstipendium einsteigen. Auch in Hamburg bekommt das Deutschlandstipendium jetzt Rückenwind.

Einige Hochschulen sind bei der Stipendienmitteleinwerbung bereits so erfolgreich, dass sie sogar noch mehr Stipendien vergeben könnten, als die bisherige gesetzliche Regelung gestattet. Daher will ich die Spielräume für die Hochschulen weiter vergrößern und die Umverteilung zwischen den Hochschulen weiter flexibilisieren.

Zum Sommer wollen wir die Stipendienverordnung ändern, so dass die Hochschulen noch in diesem Jahr davon profitieren können. Und da befinden wir uns gerade in der Abstimmung mit den anderen Ressorts.

Es ist beim Deutschlandstipendium gelungen, eine einzigartige privat-öffentliche Partnerschaft im Bildungsbereich zu etablieren. Davon profitieren auch die Förderer: Es entstehen persönliche Kontakte in die Hochschulen und zu engagierten und leistungsfähigen Stipendiaten – den Spitzenkräften von morgen, die so für die Region oder das Unternehmen gewonnen werden können.

Mein Dank geht an die Unternehmen, die privaten Förderinnen und Förderer und alle, die dazu beigetragen haben, das Deutschlandstipendium zu etablieren. Ich möchte Sie bitten: Lassen Sie in Ihrem Engagement nicht nach und setzen Sie sich weiterhin für das Deutschlandstipendium ein.

Der enge Kontakt von Unternehmensvertreter und Nachwuchstalent, von privatem Förderer und Stipendiat ist für beide Seiten ein Gewinn, beide können voneinander lernen. Das versinnbildlicht auch unsere neue Kampagne mit Flyern, Anzeigen und Plakaten, auf denen wir bewusst keine professionellen Fotomodelle, sondern echte Tandems aus Stipendiaten und Förderern zeigen.

Ein Tandem können Sie auf Ihrer Einladungskarte sehen: Die Stipendiatin Hannah Rosenbach studiert Biochemie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ist erfolgreiche Mehrkämpferin. Mit ihrer Förderin Frau Dr. Hannelore Riesner teilt sie zwei Leidenschaften – den Sport und die Naturwissenschaften.

Die Privatdozentin, Doktorin der Naturwissenschaften und Sportwissenschaftlerin, war selbst im Leistungssport aktiv. Sie weiß genau, welche Herausforderung es für Studierende wie Hannah Rosenberg ist, diese beiden Wege zu vereinen. Kann es etwas Besseres geben als die unmittelbare Unterstützung Studierender durch jemanden, der selbst eine ähnliche Situation erlebt hat? Von Frau zu Frau, von ehemaliger Studierender zu Studierender, von Sportlerin zu Sportlerin.

Die Erfahrung zeigt: Was erfolgreich ist, bleibt nur erfolgreich, wenn es auch weiterentwickelt wird. Eine Evaluation überprüft nun, welche Faktoren den Erfolg der Hochschulen bei der Einwerbung von Mitteln beeinflussen – Rahmenbedingungen wie die wirtschaftliche Stärke einer Region und die hochschulinterne Verankerung werden darin einbezogen. Hierzu wird die Bundesregierung dem Bundestag und Bundesrat berichten.

Außerdem wollen wir mit Hilfe einer Begleitforschung mehr über Herkunft und Motivation der Förderer erfahren und Informationen über das soziale Profil der Stipendiatinnen und Stipendiaten erhalten. Das ist eine besonders interessante Frage. Oft ist der Vorwurf zu hören, dass Stipendien ohnehin nur diejenigen bekommen, die es nicht nötig hätten.

Den Ergebnissen kann ich nicht vorgreifen. Aber andere Erhebungen zeigen, dass der Anteil der BAföG-Empfänger unter den Stipendiaten (22 Prozent) so groß ist wie unter allen Studierenden.

Mit der Begleitforschung wollen wir außerdem gute Beispiele bei der Auswahl der Stipendiaten und bei der ideellen Förderung ermitteln und verbreiten.

Auch der Wettbewerb „Macht was draus!“ geht ja in diese Richtung und will den sozialen Mehrwert das Deutschlandstipendiums aufzeigen: Wie Stipendiatinnen und Stipendiaten sich sozial engagieren, vernetzen und ihr Hochschulleben bereichern. Die Preisträger werden wir im Anschluss ehren.

Liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten, nutzen Sie die Freiräume, die Ihnen das Stipendium gibt, um sich gesellschaftlich einzubringen!

Sehr geehrte Damen und Herren, mit den Begabtenförderungswerken, mit dem BAföG, dessen Bedarfssätze und Freibeträge der Bund zum Schuljahr 2016/17 beziehungsweise zum Wintersemester 2016/17 um sieben Prozent anhebt, und mit dem Deutschlandstipendium haben wir die Studienförderung breit aufgestellt: 3,4 Milliarden Euro gibt der Bund für BAföG, Begabtenförderung, Aufstiegsstipendien und Deutschlandstipendium aus.

Im Sinne des Mottos dieser Jahresveranstaltung möchte ich Sie einladen, die kommenden Stunden zum Austausch zu nutzen. Gemeinsam wollen wir neue Ideen entwickeln und das Deutschlandstipendium weiter voranbringen. „Voneinander lernen. Miteinander fördern“ – darum soll es heute gehen!

Vielen Dank.